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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:34

Transfer - ab heute im Kino!

22.09.2011

»Garantiezeit. Ein merkwürdiges Wort für einen Menschen«

»Wir verkaufen keine Menschen«, versichert die Dame von der Institution Anna und Hermann, als die Garantiezeit fast um ist und das greise Paar sich entscheiden muss. Wollen sie zwei alte verwelkte Leiber – der eine von Metastasen zerfressen, der andere mit einem schwachen Herzen – oder wollen sie Apolain und Sarah? Sie müssen sterben, damit Anna und Hermann leben können. Es ist kein Zwang, sondern ein Geschäft; kein wirkliches Sterben und kein wirkliches Leben, sondern zwei Scheintode im Tausch gegen zwei Scheinleben. Übertragung von Körper, Geist und Geld und ein Handel: Alles verschmilzt zu verheißungsvoller Horrorvision und gespenstischem Wunschtraum. Das Verlassen des Körpers wird der Übergang in einen neuen. Tod wird – Transfer. Von LIDA BACH.

 

Die Dame heißt Dr. Menzel (Jeanette Hain) und das Institut heißt Menzana. »Mens sana in corpore sano«, zitiert ihr Begründer (Stefan Lisewski) in einem Werbeclip, der Anna (Ingrid Andree) und Hermann (Hans-Michael Rehberge) mit dem Versprechen einer zweiten Jugend in einem jungen Leib umgarnt. Dessen ursprüngliches Bewusstsein erwacht nur vier Stunden in der Nacht, wenn die Käufer schlafen, zu einer gespenstischen Doppelexistenz; verwirrt von Erinnerungsfragmenten und Gefühlsahnungen einer anderen Seele, die von den gleichen Empfindungen daran erinnert wird, dass sie in dem sie umgebenden Leib nur zu Gast ist. In welchem Teil von mir wohnt dieses Wissen, fragt die Kreatur in Mary Shelleys Horrornovelle über den wissenschaftlichen Versuch den Tod zu besiegen. Die gleiche Frage quält die vier Protagonisten in Damir Lukaceviscs psychologischer Variation des Frankenstein-Motivs

 

Zwei Seelen wohnen, ach...

Eine Millionen Euro kostet der Transfer in der schmerzlich-zarten Elegie, die der Regisseur und Drehbuchautor nach einer Erzählung Elia Barcelas komponiert. »Mit dem Geld, das die beiden erhalten, können ihre Familien überleben«, sagt Dr. Menzel. Ohne zu erwähnen, dass nur ein Zehntel der Summe die Familien von Apolain (B. J. Britt) und Sarah (Regine Nehy) tatsächlich erreicht. Sie trägt Weiß. Weiß wie die Kleidung und die Hautfarbe des greisen Ehepaars, das vor ihr sitzt. Weiß wie die Wände des Gebäudekomplexes, weiß wie das Licht in den Räumen und das Licht, das am Ende des Tunnels warten soll, wenn man stirbt. Weiß wie alles – außer Apolain und Sarah, für die der eigene Leib zur letzten Ressource wird. »Die Schwarzen sind im Vorteil«, sagt Dr. Menzel und die gemessene Handlung enthüllt ihren Kommentar als ebenso zynisch wie wahr. Die Parabel des bitter-romantischen Kammerspiels von vier Seelen im Inneren zweier Körper ist zugleich globaler und sozialer Natur; Metapher westlicher Ausbeutung der Entwicklungsländer und der Monstrosität sozialwirtschaftlicher Zwänge.

 

Glaube er wirklich, dass jemand so etwas freiwillig mache? Die Frage an den älteren der beiden gegensätzlichen Protagonisten beantwortet Transfer ebenso bedrückend wie realistisch. Der aus Mali stammende Apolain und die Äthiopierin Sarah haben den Vertrag unterschrieben, von dem sie auch nicht zurücktreten können, als sie sich verlieben und mehr als ihre Körper teilen: ein Kind. Lukacevis lyrische Zukunftsvision verzichtet auf Opfer und Schurken. Hermanns Entschluss für den Transfer, zu dem er Anna überredet, entspringt 50 Jahren inniger Liebe. Höchstens drei Monate hat seine schwerkranke Frau noch zu leben. Genauso lange währt die Garantiezeit, bis die alten Körper der Käufer eingeäschert werden.

 

»Garantiezeit. Ein merkwürdiges Wort für einen Menschen«, bemerkt Hermanns Jugendfreund Otto (Ulrich Voß), den gleich Hermanns und Annas elitärem Bekannten deren verändertes Aussehen mit den eigenen rassistischen Ressentiments konfrontiert. Ihr Transfer schließt mit der schmerzvollen Erkenntnis, dass es sie weder für Körper noch für Geist gibt. »Mein Schmetterling« nennt Hermann Anna nach dem Symboltier für die Seele, um deren unerfüllbare Sehnsüchte das leise Science-Fiction-Drama kreist, und die gleich dem Schmetterling in der in Trauerfarbe gehüllten Szenerie der Einsamkeit nicht entfliehen kann.

 

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