Mein Stück vom Kuchen - ab heute im Kino!
15.09.2011
Nur noch ein paar Krümel übrig
Mit sieben ist die Welt noch in Ordnung. Da gibt es extraschokoladigen Geburtstagskuchen mit ganz viel Zucker drauf. Beim Auspusten der Kerzen kann sich Mallaury (Adrienne Vereecke) wünschen, dass alles so gerecht geteilt wird wie ihre Geburtstagstorte; und dass, wer weniger braucht, freiwillig weniger nimmt – damit für alle ein Stück da ist: die älteren Schwestern Jessica (Camille Zouaoui) und Lucie (Flavi Bataille) und Mama France (Karin Viard). Aber Mama will keine Schokolade, sie will lieber einen Job. Wie ihre Mitarbeiter in der Fabrik und zahllose andere in dem Land ist France entlassen worden. Vor Verzweiflung will die alleinstehende Mutter dreier Kinder schon freiwillig den Löffel abgeben. Von LIDA BACH.
Das süße Leben der anderen
Statt ins Gras lässt Mein Stück vom Kuchen die Hauptfigur die Zähne zusammenbeißen. Allerdings nicht mehr im mit lebensnahem Proletarier-Charme konturierten Dunkerque, sondern in Paris. Dort muss die berufserfahrene Fabrikangestellte als Putzfrau eine Lektion in beruflichem Downsizing lernen: in Dreck wegräumen und die Kleidung bügeln. Beides gehört Steve (Gilles Lellouche), der sich um die Belange der unteren Klassen noch weniger kümmert als um seinen kleinen Sohn Alban (Lunis Sakji) - und dennoch als Humanist gilt. »Das ist doch kein Schimpfwort!« Da wo der arrogante Broker arbeitet schon. Dort hat Steve, der die emotionalen Leerstellen seines Lebens mit materiellem Überfluss zu füllen versucht, auch den Arbeitgeber von France und ihren Bekannten durch ›shorten‹ der Aktien ruiniert. »Wie klein die Welt ist!«, kommentiert Steve. Klein ist auch die Kinowelt, in der die trocken-humorige Arbeiterstück beinahe zum französischen Maid in Manhattan wird. Doch das Leben ist kein Zuckerschlecken in der ambitionierten Gesellschaftskomödie. Das Business ist kein Sport für Gentlemen - und für France gibt es ein böses Erwachen.
Sollen sie doch Kuchen essen
Ein Kompromiss ist die Kunst, einen Kuchen so zu teilen, dass jeder glaubt, er habe das größte Stück. Nach diesem Prinzip setzt auch Cedric Klapisch die Schere an seiner herben Arbeiterkomödie an. Statt die leichte Überlänge, mit der sich die Handlung besonders in der zweiten Hälfte dahinschleppt, zu kürzen, schneidet er das Aschenputtel-Märchen in letzter Sekunde doch noch zum Sozialdrama um. Jede Art von cineastischem Hunger soll gestillt werden, der nach Romantik, nach Komik und nach sozialer Gerechtigkeit. Dafür besitzt Mein Stück vom Kuchen buchstäblich nicht genug Format. In der Realität lassen sich nicht alle Interessen in Einklang bringen, weder die der Handlungsmotive, die so widersprüchlich sind, dass sie sich gegenseitig ausmanövrieren, noch die von Banken und einfachen Angestellten. Dass der böse Banker von den Arbeitern, die er per Computertastatur ins soziale Abseits gedrückt hat, dem harschen Wind, der France Töchtern zu Filmbeginn ins Gesicht weht, gejagt wird, bleibt ein utopischer Wunschtraum. Die irreale Vision eines sich vereinigenden Proletariats vereint Romanze und Gesellschaftsdrama zur zwiespältigen Sozialromanze.
Frustrierend ist die subversive Note, weil sie nur ein flüchtiger Nachgeschmack bleibt, der Hunger auf mehr macht – wie die übrigen gelungenen Zutaten: das authentische Spiel Karin Viards, der spröde Humor und das Kameraauge für Details. Auf dem politischen Präsentierteller sind von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nur noch ein paar Krümel übrig, und Mein Stück vom Kuchen fegt sie ebenso ehrgeizig wie naiv zusammen, um sie mit amouröser Glasur als cineastischen Leckerbissen auszugeben. Das Publikum wird sich kaum so leicht abspeisen lassen.

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