Perfect Sense - Fantasy Filmfest Special
21.08.2011
Sinn und Sinnlichkeit
»Vielleicht wird es einfach verschwinden«, hoffen Susan und Michael. Doch die Seuche, welche Glasgow und die übrigen Welt heimsucht, verschwindet nicht. Nur den Betroffenen vergeht Hören und Sehen, wenn ein Sinn nach dem anderen sie verlässt. Geruchssinn und Geschmack haben der Chefkoch (Ewan McGregor) eines Edellokals und die Seuchenspezialistin (Eva Green) verloren, doch dafür miteinander Liebe und Leidenschaft gefunden. Von LIDA BACH
Kein Licht im Dunkeln. Nur Finsternis und Einsamkeit erwartet die Figuren in David Mackenzies zärtlicher Todesvision, die nicht um Menschen im Angesicht der Endzeit kreist, sondern um deren Gefühle an ihrem Vorabend. Der Untergang nährt sich in Perfect Sense als schwarz-romantische Utopie, in der eine globale Seuche die Protagonisten von den Leiden des Herzen heilt. In melancholischen Vignetten und sanften Momentaufnahmen evoziert das behutsame Seuchendrama ein universelles Bedürfnis nach Geborgenheit, das sich die Charaktere erst im Angesicht vollkommener Auslöschung eingestehen können. Die Welt geht in Perfect Sense nicht unter. Sie schließt jene, die in ihr leben, aus. Qualvoll langsam und unerbittlich. So elementar ist der erlittene Verlust, dass die Protagonisten seine Bedeutung und die daraus folgenden Konsequenzen bis zuletzt nur bruchstückhaft realisieren. Der Partner wird zum Halt, bevor das ästhetisierte Grauen auch die letzten Spur von Romantik verschluckt.
Fragmente von Science-Fiction und Liebesgeschichte fügen sich zu einer Parabel über die Sehnsucht nach Nähe und die gleichzeitige Angst vor ihr. Ihre Furcht vor festen Bindungen macht Susan und Michael zu Seelengeschwistern, die für ihren symbolischen Inzest auf ewig im eigenen Körper eingeschlossen werden. Michaels Promiskuität und Susans emotionale Frigidität zeugen von der gleichen Scheu vor Beziehungen, die eine unbewusste Vermeidungsstrategie von Verlusterfahrungen ist. Die geheimen Ängste einzugestehen und schließlich zu überwinden, wird erst durch die physische Konfrontation mit ihnen möglich. Wenn der Verlust der Sinne erträglich ist, dann auch der des Partners, wenn die physische Zurückweisung durch die Außenwelt ertragen werden kann, dann auch die Zurückweisung durch einen geliebten Menschen. Der sensorische Ausschluss geht für die Figuren mit einer mentalen Öffnung einher, die an ihrem ersten gemeinsamen Abend am deutlichsten kenntlich wird. Nachdem Susan und kurz darauf Michael während des Treffens ihren Geschmackssinn verloren haben, verbringen sie eine Liebesnacht miteinander; die erste von vielen.
Im Reich ohne Sinne
Im Rahmen einer psychologischen Parabel greift die dem Untergang geweihte Romanze die Geschichte Helen Kellers auf, die sie auf symbolischer Ebene spiegelt und dramaturgisch in ihr Gegenteil verkehrt. Mackenzie wird zum »Miracle Worker«, der die innerlich vereinsamten Figuren aus der seelischen Isolation führt und sie gleichzeitig in ein sinnliches Dunkel schickt: eine absolute Finsternis kann auch die Liebe nicht mehr erhellen. Von den Exzessen, die unmittelbare Symptome der sensorischen Verstümmelung sind, scheint die intensive emotionale und physische Verbindung nur der längste. Der letzte verbleibende Sinn ist der taktile, durch den der Partner zum letzten wahrnehmbaren Subjekt für die Charaktere wird. Susan und Michael sind einander die Welt geworden, im emotionalen und im grausamen wörtlichen Sinn. Das Ende von Mackenzies morbider Utopie ist nicht romantisch, sondern grausam und straft die Zärtlichkeit, welche die süßlichen Szenen der Liaison erwecken, Lügen. Das absolutistische Konzept makelloser Liebe umschließt Sex als Kompensation von Todesangst, die Gewissheit wachsender physischer Abhängigkeit als Vertrauensersatz und die Erkenntnis eines Ideals zum Preis von dessen unerreichbarer Entrückung.
Der Titel verweist auf die Unvollkommenheit der Charaktere, die zusammenfinden, während die bedrückende Elegie ihren Auslöschung besingt. Als fühle er selbst die Vorzeichen der Epidemie schwelgt Perfect Sense in der eigenen Sinnhaftigkeit. Schmelzende Melodien, eine unbekannte Erzählerin (Katy Engels) und die explizite Erotik verwandeln, was eine düstere Seelenstudie hätte sein können, in ein sentimentales Horror-Märchen. In seiner Intimität, der schemenhaften, kühlen Farbpalette und dem gewählten Ensemble ergibt das elliptische Science-Fiction-Drama allegorisch, was ihm cineastisch mangelt: »Perfect Sense«.

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