Kult-Tour
Letzteres ist nur der Name der dort auftretenden Musiker, doch er räsoniert auch mit dem Ton des Kulturerlebnisses der Langen Nacht. Was 1997 mit ausgewählten Häusern erfindungs- und facettenreich als Experiment begann, hat sich zum Geheimtipp entwickelt. Einem Geheimtipp, der wie fast alle von dem massenmedialen Schlagwort bezeichneten Ereignisse längst kein Geheimtipp mehr ist, sobald er als solcher beworben wird. Die nächtliche Erkundungstour, zur der im Sommer und im Winter alljährlich bis zu 200 Museen locken, ist eine touristische Institution, die zahlreiche Ableger in anderen Städten und anderen Sujets inspiriert hat. Wer noch nie dabei war, ist ein Kulturbanause – fast so groß wie jene, die immer dabei sind. Der ungewöhnliche Blick, den die späten Öffnungszeiten auf die faszinierenden Schätze der Kunsthorte gewährend, ist kaum noch der auf Verborgenes und Unbekanntes aus Archiven und Magazinen, sondern der auf Altbekanntes in überfüllten Räumen über den Rand eines Rotwein-Plastikbechers bei gleichzeitigem Schielen auf die Uhr.
Immer mehr Besucher bewältigen in der Langen Nacht immer mehr Museen von den immer mehr Museen, die regelmäßig teilnehmen. Es wird eng in den Bussen, besonders denen der Route 4, die den zentralen Anlaufpunkt mit Jüdischem Museum, Topografie des Terrors, Mauermuseum am Checkpoint Charlie und dem Museum für Film und Fernsehen verbindet und so einen kulturellen Querschnitt durch die populärsten und bekanntesten Museen der Hauptstadt bietet. Dass der Kunstgenuss irgendwann auf der Strecke bleibt, wenn auf ihr im Bus-Shuttle mehr Zeit verbracht wird als in Sälen und Galerien, scheint unvermeidlich. Die Beliebtheit der Veranstaltung beeinträchtigt es kaum. Die Lange Nacht der Museen ist buchstäblich ein kulturelles Event: »Event« großgeschrieben, »kulturell« nur ein Attribut von vielen – wie trendig, kulinarisch, prestigeträchtig.
Doch, die Lange Nacht der Museen hat noch immer Kunst zu bieten. Man muss sie nur suchen; an den abgelegenen Orten und unscheinbaren Stätten jenseits der Publikumsmagneten. Und muss sie finden, in der Ruhe, sich auf einzelne Kunstwerke einzulassen. Anstatt sich zu übersättigen an musealem Fast Food, zu dem Caravaggios Gemälde und Dinosaurierskelette, Helmut Newtons Fotografien und Anne Franks Gedenkstücke, Hohenzollern-Gruft und Dürers Kupferstiche für eine Lange Nacht geraten.