The Woman - Fantasy Filmfest Special
22.08.2011
Captive Wild Woman
Die Cleeks sind eine nette Familie. Chris Cleek (Sean Bridgers) arbeitet als Anwalt in dem ländlichen Städtchen, in dem seine verschlossene Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter) und ihr zum Vater aufschauender Bruder Brian (Zach Rand) zur Schule gehen. Die Jüngste, Darlin (Shyla Molhusen,) bleibt noch in dem abgelegenen Heim, das ihre zurückhaltende Mutter Belle (Angela Bettis) hütet. Manche respektable Familien mögen ihre Leichen im Keller haben, aber nicht die Cleeks. Die angekettete Kreatur, die sie in ihrem Keller halten, ist noch nicht das Schrecklichste, was sich hinter der Maske der intakten Familie verbirgt. Hinter Chris' Lächeln lauert ein absolutistischer Patriarch, der die blutbeschmierte Wilde (Polyanna McIntosh) zivilisieren will, um sie so gefügig zu machen wie seine liebe Familie. LIDA BACH über eine Familiengeschichte der anderen Art.
The Woman zeigt häusliche Gewalt als Folge einer pathologischen Psychodynamik, in der die Apathie der Opfer ebenso fatal ist wie die Aggression des Täters. Die Metaphern in Lucky McKees kontroversem Splatter-Drama sind ebenso radikal in ihrer Brutalität wie ideologischen Unmittelbarkeit. Chris Verhalten gegenüber der Frau spiegelt die Beziehung zu seiner Familie. Sein Selbstbild ist das eines Pater Familias, Oberhaupt und Besitzer der Hausgemeinschaft. Die Cleeks repräsentieren jenes archaische Konzept des Heims, welches neben Verwandten auch Diener, Sklaven und Tiere einschließt. Die scheinbare Zähmung ist tatsächlich nur ein Bändigen, das McKee allegorisch im Anketten der Frau durch Chris darstellt. Die Unterwerfung der Titelfigur von The Woman resultiert entweder in der psychischen Zerstörung des Individuums, wie sie sich bei Belle in der Ausgangssituation abzeichnet oder in der physischen Zerstörung des Unterwerfenden, die das Ende zeigt.
Eine schrecklich nette Familie
Unter dem augenscheinlichen Kampf zwischen beherrschendem Männlichem und unterdrücktem Weiblichen wird ein weit elementarer Konflikt ausgefochten. Chris verkörpert das Extrem der in der westlichen Gesellschaft dominanten christlich-patriarchalischen Moral, die, überzeugt von der vermeintlichen eigenen Überlegenheit, einen diktatorischen Kontrollanspruch erhebt. Um ihre Macht aufrechtzuerhalten und zu festigen, muss sie der Umwelt ihr immanentes Wertschema aufzwingen. Ein Prozess, den Chris als »zivilisieren« bezeichnet. Die Zwangszivilisation bewirkt das Gegenteil von dem, was sie erreichen zu wollen vorgibt. Der dem Abrichten eines Tieres gleichkommende Vorgang entmenschlicht das Zielobjekt und raubt der Zivilisierung somit ihre Grundlage: Humanität. Die Anpassung an eine Verhaltensnorm ohne Wahrung menschlicher Würde ist nicht Zivilisierung, sondern Sozialisierung.
Mit drastischen Mitteln enthüllt The Woman den Fundamentalismus der gängigen Moralvorstellungen und die Konditionierung des Einzelnen darauf als Dressurakt. Die extreme Gewalt gegen weibliche Charaktere und den voyeuristischen Blick der Kamera nivelliert der drastische Racheakt der Hauptfigur, der ebenso unerbittlich beobachtet wird. Maßgeblicher Unterschied der Sequenzen ist die emotionale Resonanz, die sie potentiell beim Publikum wecken. Während männliche Brutalität auf der Leinwand sadistischer (und sexueller) Lust am Quälen entspringt, erscheint weibliche Brutalität als Selbstverteidigung und begründete Revanche. Im Gegensatz zu den maskulinen Figuren gesteht McKee seinen Protagonistinnen Mitgefühl zu. Chris´ Borniertheit und verleugneter Selbsthass mögen Mitleid erregen, jedoch nicht Empathie. Der Reiz eines Antihelden fehlt dem rigiden Moralisten, der mit der Zähmung der Frau seine eigene sexuelle Verunsicherung und Furcht vor der Wildnis besiegen will. Hinter der Fassade des Alpha-Männchens ähnelt Chris einem kleinen Kind, das sich vor dem dunklen Wald fürchtet. Indem er mit der Frau die bedrohliche Wildnis äußerlich domestiziert, beherrscht er symbolisch das durch den Wald verkörperte Unterbewusste.
Der Kampf des kompromisslosen Schock-Dramas wird nicht nur physisch, sondern psychologisch ausgetragen. Während Chris das Über-Ich und die traditionell männlich konnotierte kühle Rationalität darstellt, bezeichnet die Frau das impulsive, triebhafte Es. Als solches bleibt sie selbst unterdrückt die Mächtigere, die von Chris gefürchtet wird. Ihre Gefangenschaft im Haus markiert die symbolische Auferstehung von Belles unterdrücktem Ich und schließlich ihren Widerstand gegen Chris. Aus dieser Perspektive ist The Woman nicht nur trotz, sondern aufgrund seiner expliziten Gewaltdarstellung der »feministische Film«, den ihn Lucky McKee auf dem Sundance Filmfestival nannte.

Titelangaben:The Woman (USA 2011)
R: Lucky McKee
B: Lucky McKee, Jack Ketchum
K: Alex Vendler
S: Zach Passero
M: Sean Spillane
P: Roberto Tonino, Andrew van den Houten
D: Angela Bettis, Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Lauren Ashley Carter, Zach Rand, Carlee Baker, Marcia Bennet, Shana Barry, Tommy Nelson
100 Min. Mitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
Weitere Beiträge:| Men in Black 3 - jetzt im Kino!| Ecce Homo. Un Portrait de Célestin Deliège. Un film de Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé. | Abel Gance: Napoleon/Austerlitz. Glanz einer Kaiserkrone| Polizeiruf 110: Bullenklatschen (MDR), 20. Mai| FUCK YOU. Fucking Noise in China now! A film by Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé| Polzeiruf 110 (BR) - Schuld (29. April)| Peter Weiß: Filme| Polizeiruf 110 (RBB) - Die Gurkenkönigin (15.04.2012)| Die singende Stadt. Calixto Bieitos Parsifal entsteht| Shadows in Paradise. Hitler´s Exiles in Hollywood
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Feier der Tonalität
Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Augenblicke des »alten Europa«
Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.
Von WOLFRAM SCHÜTTE
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Galgenmännchen auf Finnisch
Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...
Kind sein, der moderne Vollzeitjob
Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
|