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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:50

Snowtown - Fantasy Filmfest Special

24.08.2011

Dead Snow

Snowtown. Der Name klingt sanft und vage surreal, nach dem Schauplatz eines Gedichts statt nach dem realen Handlungsort von Justin Kurzels einschneidendem Debüt. Befremdlich und seltsam unpassend wirkt der Filmtitel für den unscheinbaren Flecken auf der australischen Landkarte, in dem die staubigen Autostraßen sich unter der glühenden Sonne langsam erhitzen und Insekten gegen lose Fliegengitter summen. Von  LIDA BACH

 

Snowtown spielt nicht in der tristen Kleinstadt, sondern über 100 Kilometer entfernt in Salisbury North. Hier, in den städtischen Ausläufern von Adelaide, wo sich die im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung untrennbar mit dem Namen der Titelstadt verbundenen Ereignisse in den späten Neunzigern tatsächlich abspielten, fand Kameramann Adam Arkapaw seine Szenen; besetzt mit Anwohnern der Umgebung als Statisten und nur einem professionellen Schauspieler unter Laiendarstellern. Dennoch fühlt sich Justin Kurzels Werk nicht wie ein Dokumentarfilm an. Snowtown fühlt sich wie ein Familienvideo an.

 

Menschen sitzen zusammen und essen Eis am Straßenrand, Kinder radeln auf alten Fahrrädern über die weiten Straßen. Die Haustüren sind nur nachlässig geschlossen, weil alle einander zu kennen scheinen oder verwandt sind. Snowtown erzählt von Familie, Zusammenhalt und Gemeinschaft. Deren Mechanismen kennt Jamie Vlassakis (Lucas Pittaway) nur von ihrer perversen Seite in Form von Vernachlässigung durch seine überforderte Mutter Elizabeth (Louise Harris), Missbrauch durch seinen Stiefbruder Troy (Anthony Groves) und des um ihn brodelnden Klimas faschistoiden Hasses gegen alle, die nicht in das Gemeindebild passen. Als John (Daniel Henshall) auftaucht, werden die Dinge zum ersten Mal besser. Beschützend tritt er in Elizabeths Leben, schlängelt sich mit väterlicher Fürsorge und Schnellgerichten in das von Jamie und behauptet sich mit lockerem Elan als Leitfigur der Gemeinde. Johns Zielstrebigkeit bringt in das poröse Sozialgefüge die Struktur, nach der Jamie und der Kreis, den der charismatische Drifter um sich scharrt, hungern, um ihrer repressiven Existenz einen Sinn zu geben.

 

The Bodies in the Barrels

John hat konkrete Vorstellungen davon, was zu tun ist – und das Ziel, sie umzusetzen. Troy sollte man fertigmachen. Troy, Pädophile, Homosexuelle, geistig Behinderte, Drogensüchtige und all diejenigen, bei denen John ein mieses Gefühl hat. Wenn John sie fertigmacht, mit Zangen, Messern und unvorstellbarer Bestialität, hat John das miese Gefühl nicht; und wenn Jamie es spürt, ist es zu schwach, um ihn abzuhalten. Jamie beobachtet, lernt und wendet das Erlernte an. Schlafwandlerisch ergibt er sich dem Kult um John, John Bunting, Australiens berüchtigstem Serienmörder.

 

Kurzel beklemmendes Debüt zieht in einen abgeschlossenen Mikrokosmos, in dem Kameradschaft und Zuneigung zu seelischem und physischem Missbrauch pervertieren. Beziehungsanalyse und Gesellschaftsstudie bündelt der australische Regisseur zu einem filmischen Erdbeben, das psychologische Risse und soziale Abgründe aufreißt und den Zuschauer erschüttert zurücklässt. Der Außenbezirk ist topografische Allegorie sozialer Marginalisierung. Verrohung und Brutalität sind nicht Folgen von Armut, sondern seelischer Verwahrlosung, Monotonie und willkürlicher Aggression, die in stillschweigend sanktionierten Vigilantismus mündet.

 

Unter der brütenden Apathie vibriert eine dumpfe Intensität, die sich nur in pathologischer Form manifestieren kann. Von Unrat und Sperrmüll gesäumten Straßen verlieren sich zwischen heruntergekommenen Geschäften und Sozialbauten in eine menschliche Randzone. Richtet sich die Kamera auf die gleißende Sonne, erschrecken solche Aufnahmen fast in ihrer plötzlichen Weite und Strahlkraft. Das bleierne Grau und die ausgeblichenen Farben verschmelzen mit den Geräuschen des ständig laufenden Fernsehers und dem pochenden Soundtrack zum Herzschlag des quälenden Seelenhorrors.

 

Eiseskälte der Seele

Kurzel verzichtet auf alles, was die filmische Authentizität unterwandern könnte. Es gibt keine expositorischen Dialoge, keinen festen Zeitrahmen und visuelle Manierismen. Charaktere treten in die Handlung und verschwinden, scheinen wegzudriften oder sich aufzulösen in der seelisch abgestumpften Gemeinschaft. Das Individuum ist hier so bedeutungslos, das sein Verschwinden keine Beachtung findet. Als leise Drohung pulsiert Jed Kurzels Soundtrack zu Beginn, während Jamie einen bizarren Traum erzählt. So ist Snowtown. Ein furchterregender lyrischer Alptraum, unter dessen Hässlichkeit eine irritierende Schönheit ruht.

 

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