Ruinen in der Moderne
25.08.2011
Wiederfinden und Wiederverlieren
Statt der erwarteten Schrottinstallationen und destruktiver Ästhetik findet MATHIAS LISTL einen lesenswerten Sammelband über die Wechselwirkungen von Archäologie und Moderne.
Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, dass Buchtitel mitunter breiten Raum für Spekulation und Irritation bieten, und erst in Zusätzen das eigentliche Thema zwischen den Buchdeckeln zur Sprache kommt. Nicht anders auch im hier zu besprechenden, mit Ruinen in der Moderne betitelten Fall. Hat man beim Lesen dieser Überschrift vielleicht spontan Bilder von Kunst aus Schrott oder ähnlich destruktive Ästhetik vor Augen, gibt erst die kleine Ergänzung Archäologie und die Künste Auskunft über den eigentlichen Themenkreis des aus insgesamt 19 Artikeln bestehenden Sammelbandes.
So könnte man als gemeinsamen Nenner all dieser Aufsätze, die Teil eines Forschungsprojektes an der Universität von Budapest sind, die Frage anführen, welchen Einfluss die Hinterlassenschaften der europäischen Antike und mit ihnen die Wissenschaftsdisziplin der Klassischen Archäologie auf die moderne Welt seit dem 18. Jahrhundert haben. Dabei untersuchen die mitunter namhaften Autoren in den einzelnen Beiträgen vor allem die prägende Kraft, die die seit dieser Zeit intensiv erforschten Überreste der längst untergegangenen griechisch-römischen Welt auf die künstlerischen Disziplinen Literatur, Tanz und bildende Kunst ausüben.
Chinesische Bronzen aus der
Shang-Periode (1650-1066 v. Chr.)
und ihre Imitationen aus
Porzellan aus der
Quianlong-Periode (1736-1795)
Verehren und Sammeln des Alten - ein dem Menschen innewohnendes Bedürfnis
Gleich zu Beginn erläutert Alain Schnapp, dass respektvolles Sammeln, verehrendes Restaurieren und künstlerisches Wiederentdecken von Zeugnissen der Vergangenheit aber keineswegs ausschließliche Phänomene der europäischen Neuzeit sind. Anhand zahlreicher Beispiele von der Altsteinzeit bis ins Alte China veranschaulicht der französische Archäologe äußerst eindrucksvoll, dass das Bewahren von antiken Fundstücken und auch die Neugierde am Fremden aus fernen Zeiten vielmehr ein dem Menschen grundsätzlich innewohnendes Bedürfnis zu sein scheint.
Während sich an dieser Gesamtsituation bis heute kaum Grundlegendes geändert haben dürfte, sieht Adolf Borbein aber eine ständig größer werdende Distanz zwischen den antiken Kulturen der Griechen, Römer und Etrusker und den modernen Industriegesellschaften entstehen. Wie der seit 2005 emeritierte Professor für Klassische Archäologie in seinem Aufsatz ausführt, ist der Blick zurück auf das klassische Altertum bereits seit vielen Jahrzehnten in eine unleugbare Krise geraten. Die seit dem Zeitalter der Aufklärung als das Leitbild des Bildungsbürgertums schlechthin propagierte antike Welt ist so seiner Meinung nach heute nicht mehr als eine unter vielen Wahlmöglichkeiten, in die Vergangenheit einzutauchen.
Relief von Filippo Sgarlata,
dem Preisträger der Biennale
von Venedig 1938
Die Antike als Stütze der Nation - Klassische Archäologie als staatliches Propagandamittel
Warum das klassische Altertum und mit ihm seine künstlerischen Ausdrucksformen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich in diese Krisensituation schlittern konnten, wird dem Leser in vielen der weiteren Beiträge immer wieder bewusst gemacht. War die klassische Antike, speziell die römische Republik, im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts noch als großes Vorbild für ein Volk in Erscheinung getreten, das gerade dabei war, sich seiner einstigen Beherrscher zu entledigen, geriet die Verbindung von klassischer Antike und Demokratie ab dem 19. Jahrhundert mehr und mehr in den Hintergrund. Erst waren es die sich herausbildenden Nationalstaaten, im 20. Jahrhundert dann vor allem Diktaturen – wie beispielsweise Italien unter Mussolinis –, die Kunst und Repräsentationsformen des klassischen Altertums für sich in Anspruch zu nehmen wussten.
Wie eine derartige Beschlagnahme selbst auf regionaler bis lokaler Ebene erfolgen konnte, führt dem Leser unter anderem Irene Barbiera vor Augen. Am Beispiel der Entdeckung des Grabes des sogenannten Gisulf in Cividale del Friuli gegen Ende des 19. Jahrhundert zeigt die italienische Historikerin, wie archäologische Funde als Mittel der Profilierung gegenüber anderen ethnischen Gruppen wissentlich missgedeutet werden konnten. Dass kleinere Geschichtsverfälschungen dieser Art nicht unwesentlich dazu beitrugen, noch viel größeren historischen Lügengebäuden den Boden zu bereiteten, thematisiert Barbiera schließlich im zweiten Teil ihres Aufsatzes: Die Wurzeln der faschistischen Stereotypen martialischer Soldatenstilisierungen reichen bis zu den Fehlinterpretationen antiker Kriegergräber im 19. Jahrhundert wie dem des Gisulf zurück.
William Henry Fox Talbot,
Patroklus
Patriotisch gefärbte Deutungen der Antike im modernen Griechenland
Dass eine nationale Vereinnahmung der Vergangenheit mitunter auch heute noch wichtiger Bestandteil des politischen Instrumentariums sein kann, lehrt dagegen die Lektüre des Beitrags von Dimitris Damaskos über das Verhältnis des im 19. Jahrhundert neu geschaffenen griechischen Nationalstaates zum antiken Erbe des Landes. Damaskos schildert gekonnt, wie die fast 200 Jahre alten patriotischen Verdrehungen der griechischen Antike bis in den heutigen Museums- und Lebensalltag des modernen Griechenlands fortwirken.
Aus anderen Aufsätzen erfährt der Leser hingegen, dass Kunst und Kultur des klassischen Altertums oftmals auch Geburtshelfer neuer Techniken und künstlerischer Ausdrucksformen waren. So schildert etwa Dominique de Font-Reaulx’s Beitrag die Überschneidungen der Klassischen Archäologie mit den ersten Gehversuchen, die das junge Medium der Fotografie ab den 1830er Jahren unternahm.
Links: Zeichnung von Bella Raftopoulou,
rechts: Eva Palmer-Sikelianos imitiert
die antike Pose, undatierte Fotografie
Griechische Kunst als konkretes Vorbild für den modernen Tanz
Artemis Leontis beleuchtet die engen Verbindungen von in antiken Kunstwerken dargestellten Bewegungsmustern und wegweisenden Pionieren des modernen Tanzes. Denn für Ted Shawn, Eva Palmer-Sikelianos und Isadora Duncan war diese Überlieferungsform antiken Tanzes mit eines der wichtigsten Vorbilder bei der Befreiung der eigenen Disziplin von althergebrachten Zwängen und Konventionen.
Ein gutes Dutzend weiterer Aufsätze gibt zusätzliche Einblicke in das bis heute andauernde Spannungsverhältnis von antiker und zeitgenössischer Kunst. So würde neben Maurizio Hararis Blick auf die Auseinandersetzung Gabriele d’Annunzios mit der Welt der Etrusker und der Entdeckung Mykenes etwa eine ganze Reihe weiterer Aufsätze, die sich dem Themenkomplex moderne Literatur und klassische Antike widmen, eine genauere Erläuterung durchaus verdienen. Schilderungen wie Franz Zelgers weitgespannter Blick über das Bild der Antike in der Kunst um 1800 oder Andreas Wittenburgs Darstellung der deutschen und französischen Archäologie im Neuen Griechenland machen Ruinen in der Moderne schließlich zu einem insgesamt äußerst lesenswerten Panorama über das Wiederfinden und - möglicherweise - Wiederverlieren des klassischen Altertums in den letzten drei Jahrhunderten.
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