Gerhard Richter Painting
08.09.2011
»Ein bisschen schön«
Die Bilder haben einen eigenen Willen. »Das ist das, dass die irgendwie machen, was sie wollen.« Der Künstler, dessen konzentrierter Blick über sie wandert, horcht nach ihm. Hochkonzentriert und skeptisch ist der von Corinna Belz dokumentierte Schaffensvorgang von Händen, Augen und Geist, der absolute Behauptungen hervorbringt, die nichts anderes neben sich dulden. So umschreibt Gerhard Richter eine Intensität, die sich nicht in Worte fassen lässt. Über Malerei zu reden sei sinnlos, wie die Frage, was sich der Künstler dabei gedacht habe. Man kann sich nichts dabei denken, weil das Malen selbst Denken ist. Eine Tür dazu eröffnet die intime Kunstreportage, mittels der die Dokumentarregisseurin die Gedanken von Gerhard Richter Painting im Kino teilt. Von LIDA BACH
Jedes Bild ist des anderen Todfeind. Die Worte des Malers, in dessen Werk das Widersprüchliche und Gegensätzliche die einzige beständige Verbindung scheint, sind so vielschichtig und eindringlich wie die Arbeit, die sie beurteilen. Wieder und wieder müssen die Werke seinem prüfenden Blick standhalten, der ihr Unfertiges erkennt oder sie völlig verwirft. Gerhard Richter Painting vereint Schaffen und Zerstören als ebenbürtige Komponenten der Kreativität, in der das, was Richter zuerst als »ein bisschen schön« gilt, nicht dauern muss. »Sieht gut aus für eine Stunde. Manchmal für einen Tag.«
Bilder einer Ausstellung
Dass man »das« als Beruf ausüben kann, sei ihm nicht bewusst gewesen. Mit Grauen erinnert sich Richter an seine Stationen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, der seinen Neigungen entgegenkommt. Schließlich wurde es eine Ausbildung zum Bühnen- und Werbemaler, die Richter 1949 begann. Den Aufnahmeantrag, den er ein Jahr später an der Dresdner Hochschule für bildende Künste stellte, wurde abgelehnt. Seine Eltern und Gemälde musste er bei der Flucht aus der DDR im Februar 1961 zurücklassen. Einen Teil seiner Bilder sah er wieder, die Eltern nie. Noch immer schmerzt ihn diese abrupte endgültige Trennung, lässt der diskrete Blick der Kamera erahnen. Man habe kein Gefühl dafür, dass die Menschen altern und sterben, erzählt Richter, es sei, als blieben sie unverändert: »Wie Eisleichen.«
Es ist einer der raren Momente, in denen die ganz auf das zeichnerische Schaffen zentrierte Dokumentation direkt zur Biografie ihres Studiensubjekts vordringt. Vielmehr ist der persönliche Hintergrund des Malers, Fotografen und Bildhauers unterschwellig konstant präsent gleich den übermalten Farbschichten auf den Leinwänden, auf denen das Abschaben unerwartete Nuancen hervorbringt, die Richter selbst überraschen. Eine helle Bahn von Zitronengelb zeigt sich unter der Deckschicht, als hätten die Farben absichtliche eine der bevorzugten Töne des Künstlers gemischt. »Primärfarben: Elfenbein-Schwarz, Stahl-Weiß. Keine Exoten wie Neapel-Gelb«, schätze Richter besonders, sagtt ein Galeriegehilfe. Ihre Aufgabe ist das Anrühren und Sieben der Farbmasse. Jedes Klümpchen zieht die umliegende Farbe anders ein und verändert den Effekt beim Abtragen.
»Im Übrigen interessiert mich überhaupt nur das, was ich nicht kapiere«
Gerhard Richter Painting transzendiert die visuelle Dimension und macht die aufwühlende Verbindung von Fotorealismus, Abstraktion und Experiment zu einer zugleich strengen und sinnlichen Erfahrung. Die unterschiedlichen Formate, ihre sorgfältig abgestimmte Wirkung untereinander, bis hin zu dessen architektonischen Gegebenheiten und der Qualität des Lichts fließen in den schöpferischen Prozess mit ein, der in einer bestimmten Atmosphäre kulminiert.
»Ein kaltes Licht. Eine kalte Stimmung«, sucht Richter in einer seiner Werkschauen, »dass die Leute froh sind, dass sie wieder gehen. Die sollen sich nicht wohlfühlen!« Sein spröder Humor und die hintersinnige Lakonie sind schuld, dass man es dennoch tut. Systematisch inszeniert wie die Galerien, in die Corinna Beltz Gerhard Richter begleitet, zieht der klar strukturierte Bilderrausch mit strudelnder Kraft in das private Reich aus Farbe, Fläche und Form. Das Unerklärliche macht es nur noch faszinierender.
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