Dazu ein überaus buntes Figurenvölkchen (der undurchsichtige Pole, der wohlwollende Vorgesetzte, die prekäre Witwe u.a.), das sich zwischen dem sehr polar angelegten Kommissarenpärchen Mey und Steiner tummeln darf.
Auf der einen Seite die Mey (Nina Kunzendorf, Deutscher Fernsehpreis 2011): »Ich hab ihm einen geblasen […] Ich mag sportliche Männer«, sagt sie schnell und verhuscht. Das reifere Publikum bekommt die Worte nicht mit, das jüngere spitzt neugierig die Ohren. Auch als sie eine Affäre zugibt, spart sie nicht mit klaren Worten. Doch die Mey ist nicht der Versuch, im Tatort etwa ein Feuchtgebiete-Niveau zu etablieren, keineswegs. Die Figur ist überzeugend gestrickt, von entwaffnender Offenheit, ein Labsal für unsere verspannten Seelen. Und wie temperamentvoll trägt sie tosendes Leben in das so tückisch lauernde Burn-out der Amtsstuben!
Der Steier (Joachim Król) dagegen? Der bleibt bemitleidenswert in all seinem Elend: Und es gehört eine Menge Professionalität dazu, eine so traurige Figur auch glaubwürdig ins Bild zu setzen. Doch all diese persönlichen Attitüden, Eigenschaften und Gefühle werden hier nicht so menschelnd breitgetreten, so aufdringlich und verquast ausgewalzt wie in dem bereits erwähnten Mauerpark-Tatort. Stattdessen bleiben bei Der Tote im Nachtzug das Denken und die Parteinahme dem Zuschauer anheimgestellt, der Zuschauer wird ernst genommen – und das finden wir nicht oft in unseren TV-Formaten.
Auch gut: Frankfurt geschieht nur am Rande, die Zeiten touristischer Werbung mit Lokalkolorit gehören der Vergangenheit an. Ach, und noch großes Lob für das Afghanistan-Thema. Es wird unaufdringlich eingebracht und rückt dabei doch den Kern des Problems ins Blickfeld. Mal eben so, das ist hohe Kunst.
Womöglich ist es generell von Vorteil, den Tatort nach einer Buchvorlage zu drehen, wie dies hier geschehen ist (Axel Petermann: Auf der Spur des Bösen, 2010).