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TATORT (NDR) - Schwarze Tiger, weiße Löwen (11.12.2011)

09.12.2011

Es sind die Feinheiten

Darauf haben wir lange warten müssen: ein weibliches Ermittlerduo. Sigrid Malchus trägt Rock oder Kleid stets geschlitzt, hinten oder seitlich, und sie hat es nicht leicht mit den Pfennigabsätzen ihrer Stöckelschuhe. Zu Anfang gibt sie noch die Dorfpomeranze. Charlotte Lindholm dagegen stöckelt und stolpert durch ihre persönliche Nebenhandlung und muss sich vorhalten lassen, »dass man seine Emotionen aus so einem Fall heraushält« – ein spannendes Team, das sich nach und nach eine tragfähige Balance erarbeitet, meint WOLF SENFF.

 

Der Fall beginnt unscheinbar und leise – ein Mord an einem Niemand in ländlicher Idylle –, bevor sich seine Abgründe auftun, wie sie vom Boulevard so gern in sensationeller Zubereitung aufgetischt werden, auf dass uns der Schrecken tief in die Glieder fahre! Nein, dieses ausgelutschte Muster bedient Schwarze Tiger, weiße Löwen nicht. Roland Suso Richter ist kein Regisseur, der das Grauen eins zu eins hätte abbilden wollen. Stattdessen finden wir Charaktere, die mühsam gelernt haben und mühsam lernen, mit den Fährnissen des Lebens umzugehen.

 

Lindholm: Weshalb haben Sie weggesehen?

Martina Kästner: Ich wollt’s nicht hören.

 

Dieser TATORT schlägt uns in seinen Bann, wenngleich nicht mit vordergründiger Dramatik. Keine Verfolgungen zu Fuß, zu Pferde, per Drahtesel oder motorisiert, keine Prügelszenen, keine heißen Racheschwüre, keine von Hass verzerrten Gesichter, keine Nervenzusammenbrüche, Ohnmachtsanfälle etc. pp. Und dennoch lässt uns die Handlung einfach nicht los ...

 

Ohne dass uns die moralische Haltung gleich mitgeliefert wird, gewinnt der Fall seine eigene, individuelle Farbe. Ganz anders sahen wir das neulich bei Ritter & Stark, deren Namen geradezu Programm sind, nämlich männlich gestrickter Ordnungsvorstellungen. Und Schweiger, mit dem die Generation Gel davon träumt, den TATORT zu entern, gab jüngst bei Lanz den Weltverbesserer und schwärmte von den USA, wo man wenig Federlesens mit ehemaligen Sexualstraftätern mache. Bei Schwarze Tiger, weiße Löwen ist dumpfe Empörung und einfache Lösungssehnsucht kein Thema. Der Film erklärt uns nicht die Welt, sondern traut dem Zuschauer ein unaufgeregtes Urteil zu.

 

Was hier unter ›menschlich/allzu menschlich‹ firmiert, wirkt nicht aufgesetzt oder gekünstelt wie etwa in Das Dorf. Regisseur und Schauspieler verstehen ihr Handwerk; unprätentiöse Darstellung und wohldosierter Einsatz von Pathos zeichnen den Film aus. Er drängt sich nicht auf und hetzt uns nicht atemlos von Ereignis zu Ereignis. Uns stockt dagegen der Atem, wenn uns seine Charaktere nahekommen. Und dann dürfen wir uns auch gern wieder so heftig streiten wie neulich bei der feschen Kommissarin aus Frankfurt ...

 

Ja, so geht es, so geht es gut. Es sind die Feinheiten, die diesem Film Schwung und wirklich charmanten Witz verleihen. Vergessen das letztwöchige Copy & Paste-Festival à la Tukur und Dohnányi.

 

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Von WOLFRAM SCHÜTTE