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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 21:46

TATORT (NDR) - Der Weg ins Paradies (18.12.2011)

16.12.2011

Haschen nach Wind

Was für ein Strickmuster: Ein »Wolf im Schafspelz« , Christian Marshall (Ken Duken), als Anführer der Islamistenzelle, der als Lehrer gar noch die arglosen Schüler verführt. Und dem Neuen – dem eingeschleusten undercover-Mann Taylan alias Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) – wird erst einmal das Handy entzogen; denn schließlich, so hat uns der gelegentlich recht schusselige Oswald (Martin Brambach) vom BKA längst unterrichtet, plant die Zelle »einen der größten terroristischen Anschläge seit Madrid 2004«. Der Zuschauer ist im Bilde: Ihn erwartet ganz großes Kino. Ob das wohl gutgeht, fragt sich WOLF SENFF.

 

Irgendwie, und ohne dass man Kausalitäten nachzeichnen könnte, zerfasert dieses eingängige Muster im Lauf des Geschehens, das große Kino bricht ein, und womöglich liegt das an der eher unkonventionellen Methode von Buch und Regie, uns über diverse Kausalitäten im Unklaren zu lassen. Vom Auftrag an den Ermittler, herauszufinden, »wer der Kontakt zur Al Qaida ist« (Oswald), ist jedenfalls anschließend keine Rede mehr. Merkwürdig auch, dass Batu von einer – Achtung! Witz! – schrägen BKA-Psychologin auf Alltagstauglichkeit in der Terror-Zelle trainiert, ihm das real aber später kein einziges Mal abverlangt wird. Mittendrin taucht unversehens ein Emir auf: nun doch Al Qaida?

 

Zum Schluss weiß man immerhin, dass das BKA – »Wir sehen Sie, wir hören Sie, es kann Ihnen gar nichts passieren« (Oswald) – längst alles im Griff hatte, der groß angelegte Anschlag gerinnt zu gefälligem Feuerwerk. Eine parodistische Kehrtwende? Da führt Lars Becker (Buch und Regie) einmal vor, wie er aus dem Elefanten Islamismus eine Mücke macht? Möglich. Vielleicht. Die kriminalistische Erzählung wäre folglich bloß Einschub in den unaufdringlich geschmeidigen Balz-Beziehungs-Mehrteiler zwischen Batu und der besonnenen Gloria (Anna Bederke)? Und mit Batus Resümee: »Der Djihad ist der Kampf gegen das eigene Ego«, wäre alles zum Thema gesagt – westlicherseits.

 

Nein, ich fürchte, so entspannt dürfen wir den Weg ins Paradies nicht auffassen, so ist er nicht gemeint. Es kommt Verwirrung auf, leider, und das trotz überzeugender schauspielerischer Leistungen. Auf gewollt dramatische Geste und großes Kino verweisen die Panoramen der Außenalster: kurze Einblendungen, postkartenkompatibel, zunächst verstörend wolkenverhangen und ein grimmiges Finale ankündigend, später mit aufbrechenden Wolken und verheißungsvollen Sonnenstrahlen. Ironisch? Nein, nein, der Film meint die Geste ernst, oder, ärger noch, er mag das selbst nicht genau wissen.

 

Man wird fragen müssen, ob das Thema Islamistischer Terror richtig gewählt ist in einer Zeit, in der uns rechtsradikaler Terror heimsucht und noch niemand genau zu sagen weiß, in welchem Ausmaß dieser Terror durch finanzielle Zuwendungen des deutschen Verfassungsschutzes indirekt gefördert wurde. Vielleicht möchte der TATORT vermeiden, unbequem zu sein, und richtet deshalb den Blick nicht auf die beklagenswerten Zustände im eigenen Land und auf den Hass und auf die Verblendung der eigenen Landsleute. Der TATORT als »Nestbeschmutzer«? Wie unfein!

 

Es ist jedoch vor allem die opulente Geste, die in Der Weg ins Paradies irritiert, weil sie falsch ist, von welcher Seite auch immer sie kommt. Noch die auch Cenk Batu überraschende Aufklärung der Verwicklungen darf man als eine ähnlich neunmalkluge, naseweise Geste auffassen, diesmal vonseiten des BKA: ein Haschen nach Wind (Koh. 2, 11), vulgo: Wir haben die Weisheit mit Löffeln gefressen, wir!

 

All das am Drehort Hamburg, und wie nett es sich fügt: Von Hamburg kennen wir die so weltläufig präsentierte Elbphilharmonie, real wurde ein Millionengrab draus. Nicht zu vergessen auch jener hanseatische Fußballverein, der gefühlt seit Jahren in der Champions League spielt und sich gegenwärtig erneut aus den Abstiegsrängen quält. Hamburg halt. Haschen nach Wind. Der Weg ins Paradies – nur mit Vorbehalt zu empfehlen.

 

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Was für ein Schwätzer, der sich so einen überintellektuellen Kommentar aus den Fingern saugt ?!?!
| von Volkmar F., 19.12.2011

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