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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 22:06

WETTBEWERB - Jayne Mansfield´s Car (Russ. Föderation / USA 2011)

14.02.2012

Zwei Stunden Schnappschuss

Es gab 5- und 10-Cent-Stores und elektrische Schaukelpferde, damals standen 19 vor dem Friseurgeschäft oder Zigarettengeschäft oder Getränkegeschäft oder irgendeinem der anderen Einzelgeschäfte, die es damals anstelle von Einkaufspassagen gab, und sie zum Schaukeln zu bringen kostete auch nur zehn Cent. Männer schlossen Geschäfte mit einem Händedruck ab, Frauen hatten Dauerwellen härter als Zement und Herzen weicher als Butter, und sie waren Hausfrauen, wenn sie weiß waren und Hausmädchen, wenn sie schwarz waren in einer Kleinstadt im Alabama 1969, wo Billy Bob Thornton eine Runde in Jayne Mansfield´s Car dreht. Von LIDA BACH

 

Die filmische Spritztour des Regisseurs, Drehbuchautors und Hauptdarstellers ist eine metaphorische, denn das Auto der B-Movie-Beauty ist ein fahruntüchtiges Wrack und als solches ein Symbol für die lebensuntüchtigen Charaktere. Das Familienfoto, auf dem das Filmposter sie zeigt, wird innerhalb der Handlung niemals geschossen. Es ist vielmehr die Analogie des zweistündigen cineastischen Schnappschusses, den Thronton aufnimmt. Sein Blick zurück ist zerrissen zwischen Wehmut und Spott, zwischen inniger Zuneigung und schmerzlicher Verbitterung über eine Ära alter falscher Ideale und die neuen falschen Ideale, die von ihr mitgeformt werden.

 

»Ich erinnere mich nicht, jemals ein Gespräch mit meinem Vater gehabt zu haben.« (Billy Bob Thornton)

Alles beherrschend unter diesen trügerischen Vorbildern ist das des Kriegshelden, dessen Übermacht die sonnige Eintönigkeit des Kleinstadtdaseins der Caldwells überschattet. Ein Kriegsheld gewesen zu sein rühmt sich der energische Patriarch Jim Caldwell, der »nicht der romantischste Mann der Welt« ist. »Du bist ein kalter Mann«, sagt ihm sein Sohn Carroll (Kevin Bacon), der - obwohl selbst Vater eines erwachsenen Sohnes - der kindlichen Rolle nicht entwachsen ist. Seine Auftritte als bekiffter Hippie und Anti-Kriegs-Protestler sind die verspätete Rebellion gegen Jim, dem er als Junge nacheiferte wie auch sein Bruder Skip (Billy Bob Thornton).

 

Auf der Suche nach Anerkennung zogen beide in den Krieg, dessen grausame Lehren will Caroll seinem eigenen Sohn Mickey (John Patrick Amedori) ersparen. Beide wurden verwundet, beide haben den ersehnten männlichen Respekt nicht gefunden. Bei Carroll sind die physischen Wunden verheilt, während die psychischen in Form seiner Verachtung für die Lieblosigkeit des Vaters weiter klaffen. Skip hat dem Vater verziehen, doch trägt am ganzen Körper Brandnarben, die er im vergeblichen Betteln nach Achtung mit seinen Orden und der Uniform vor dem Vater paradiert. Thorntons herb-komisches Drama ist eine Geschichte von Vätern und Söhnen, in der weibliche Figuren entweder Mütter oder Sexualobjekte sind.

 

Nostalgie, Trauer und groteske Komik

Der beiläufige Sexismus ist verwurzelt in der Ära und separiert von der Inszenierung, deren kritischer Blick der nostalgischen Trübung widersteht und den erstickenden Konservativismus hinter den mit spürbarer Hingabe entworfenen Retro-Kulissen fokussiert. In ihrer Beschränktheit spielen die weiblichen Lebensoptionen die männlichen. Die einzige Figur, die sich dem vorgeformten Schema widersetzt, ist bezeichnenderweise eine Tote: die Mutter der Brüder, die sich einst von Jim getrennt und in England eine neue Familie gegründet hat. Zurück kehrt sie im Sarg, an dem neben Jim, Caroll, Skip und ihrer Schwester Donna (Katherine LaNasa) auch der zweite Ehemann Kingsley Bedford (John Hurt) und die Halbgeschwister Phillip (Ray Stevenson) und Camilla (Frances O´Connor) stehen.

 

»Die Romantik der Tragödie«, beschreibt Thornton die Verflechtung von Nostalgie, Trauer und grotesker Komik, die zum dramaturgischen Motor von Jayne Mansfield´s Car wird. Den eigenwilligen Reiz verleihen dem trägen Ausflug in eine Vergangenheit, die einen skeptischen Widerschein auf die ideale der Gegenwart wirft, die herausragenden Darsteller, deren trockener Humor die vorhersehbaren Pointen komischer macht als sie sind, und das harsche Resümee, dass Thornton zusammenfasst: »Aus all den Lektionen haben sie am Ende gar nichts gelernt.«

 

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Von WOLFRAM SCHÜTTE