Ihr da oben - wir hier unten
»Keine Sorge, Schwesterchen«, sagt Simon und zieht sie auf dem Schlitten Heim, wo sie um die leckeren Happen raufen. »Du hast dir das Beste genommen!«, ruft die junge Frau dabei einmal und die Innigkeit wird beklemmend. Die naturalistischen Dialoge der ruppigen Charaktere hallen als Sakralsprache wider, in der jedes Wort eine subtile Mehrdeutigkeit besitzt. In Wahrheit ist es umgekehrt. Louise behält immer das Beste für sich; die Zuneigung, die Fürsorge und die Ersparnisse. »Hast du Lebensmittel gekauft?«, fragt sie ihn, wenn sie mit einem neuen Mann in der stickigen Wohnung auftaucht, aus der sie tagelang flüchtet. Simon weiß, dass sie wiederkommt: ohne den miesen Job und den miesen Typen – und ohne Geld. Sie kommt immer wieder, wenn sie alles verloren hat, alles außer ihm.
Diese von Abhängigkeit geprägte Hassliebe fesselt das bizarrste der ungewöhnlichen Paare dieser BERLINALE aneinander. Simon ist zwölf, Louise ein wenig mehr als doppelt so alt, aber er ist es, der sich um sie kümmert. Das Erwachsene in seinem Benehmen ist irritierend und auf tragische Weise berührend. Die emotionalen und die materiellen Komponenten der destruktiven Seelenverschwisterung werden zu gegenseitigen Katalysatoren. Wie Kettensträfling aneinander gefesselt zu sein, werfen sie einander vor und verweisen mit dem Sinnbild unterschwellig auf ihr materielles Gefängnis. In der Vertikalität der Topografie vermitteln sich die gegensätzlichen Gesellschaftsschichten und widersprüchlichen Gefühle.
So sehr ist der Originaltitel Teil der Topografie und Paradoxie der Handlung, dass der englische Verleihtitel nicht gelten kann. Die französische Regisseurin entdeckt eine Parallelwelt dort, wo es dem äußeren Anschein nach keine Parallele zur Elite zu geben scheint. Die elliptischen Fahrten der Seilbahn spiegeln zugleich das wirtschaftliche Gefälle der Schweizer Gesellschaft und die Höhen und Tiefen in Louise und Simons Verhältnis. Während ihr Umfeld in Form der an- und abreisenden Urlauber im Fluss ist, treten sie auf der Stelle. Der Kontrast zwischen physischer, psychischer und wirtschaftlicher Immobilität und Fluktuation, auf finanzieller wie auf räumlicher Ebene prägte bereits Meiers eindringliches Debüt Home. In ihrem eindringlichen Wettbewerbsfilm sind Neo-Realismus und Surrealismus zu einer komplexen Parabel verflochten, die frostig-schön und abgründig wie die das Szenario ist.