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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 22:07

WETTBEWERB - Tabu (Frankreich 2012)

16.02.2012

Das Paradies verloren

»Das launische Organ herrscht sowohl über den König als auch den Allmächtigen.« Das launische Herz herrscht über den Verstand und Filmkritik. Die Ahnung, meines gehöre Miguel Gomes Wettbewerbsfilm, hatte ich beim Anblick des Poster: eines Schwarz-Weiß-Films mit einem Krokodil drauf, das mit einem Auge aus dem Wasser guckt. Genau den Zuschauer an, als sähe es ihm ins Herz. Darunter steht »TABU«. Genau wie der Titel von Friedrich Wilhelm Murnaus Südsee-Film. Von LIDA BACH

 

Auf der Fahrt dorthin ist der deutsche Stummfilmregisseur gestorben – nicht in die Südsee, sondern zu seinem letzten Film, von dem niemand wusste, dass es der letzte sein würde. Angeblich warnte jemand Murnau, aber er hörte nicht. Genauso wenig wie Miss Aurora auf die Prophezeiung hört, die ihr Koch im kolonialen Mosambik aus den Innereien eines geschlachteten Huhns liest. »Es ist parapsychologisch, nicht übernatürlich«, erklärt eine Bekannte der Nachbarin der alten Miss Aurora (Laura Soveral), deren Ende unglücklich und bitter ist, wie es der Bauch des Huhns dem Koch gesagt hat. Es ist traurig, das Ende Miss Auroras und das Murnaus, und melancholisch, weil es wirklich passiert ist bei Murnaus Tabu und Gomes Tabu.

 

»Peoples lives ar not like dreams...«

Traurig und melancholisch ist auch das Krokodil, in dem das Herz eines melancholischen und traurigen Forschers schlägt. Im parapsychologischen Sinne, denn der portugiesische Forscher wurde aufgefressen. Zuerst von der Trauer über den Tod seiner Frau, die ihn in die afrikanischen Kolonien treibt, und dort von dem Krokodil. Die Initiative geht nicht vom Krokodil aus, sondern dem Forscher und der geisterhaften Erscheinung seiner Frau. »Du kannst fortlaufen so weit du willst und so schnell du willst, aber du wirst niemals deinem Herz entkommen.«, sagt sie stumm, denn auch der Film ist eine geisterhafte Erscheinung: der Exotik-Stummfilme und halb inszenierten Naturfilme im Stil Robert J. Flahertys.

 

»Es war ein Film bei dem ich mit dem klassischen Kino in Dialog treten wollte.«, sagt der portugiesische Regisseur auf der Pressekonferenz. Aber er habe ein neurologisches Problem mit dem Erinnern und »Film kann nicht immer nur sich selbst zitieren, sonst würden wir uns in einem geschlossenen Kreis bewegen.« Darum ist er das Verlorenen in »Tabu« immer spürbar, ohne dass man es greifen kann. Genau wie für der portugiesische Forscher. Dessen Geschichte ist noch nicht zu Ende, denn fortan sieht man nachts die geisterhafte Erscheinung einer Frau und an ihrer Seite ein trauriges und melancholisches Krokodil. Dann ist die Geschichte zu Ende. Im ganzen Kinosaal sitzt nur noch eine; nicht ich – Pilar (Teresa Madruga), die den Film im Film im Kino gesehen hat und die Nachbarin der alten Miss Aurora und ihres kapverdischen Hausmädchens Santa (Isabel Cordoso) ist.

 

»...but if I wouldn´t have come here I´d still be wondering.« (Miss Aurora)

Von ihr handelt die zweite Geschichte namens »Paradise Lost« und dem unglücklichen und bitteren Ende Miss Auroras, die keine Ruhe findet: »Wie könnte ich, wenn das Krokodil in Gian Lucas Haus zu kommen versucht?« Gian Luca (Henrique Espirito Santo) erzählt die dritte Geschichte namens »Paradise« vom jungen Gian Luca (Carloto Cotta) und der jungen Miss Aurora (Ana Moreira) und Dandy (das Krokodil). Ich mochte die Geschichte, wenn auch nicht so sehr wie die zweite und die nicht so sehr wie die allererste. Dann ist Tabu zu Ende. Im ganzen Kinosaal sitzt nur noch Eine; ich – dachte ich, weil soviel Kollegen während des Films gingen.

 

Dabei eint alle Geschichten das Herz eines Paares in unglückseliger Liaison im Schatten von Usurpation und Tod, Symbol ist für das unheilvolle Verhältnis von Kolonialismus und Exotik: Aurora und Gian Luca, Geisterfrau und Krokodil, Pilar und der sie verehrende Künstler, der von sich sagt: »Die Hand ist rau, aber die Seele ist zärtlich.« Genau wie Gomes Inszenierung und die Seele von Tabu.


Foto: Berlinale

 

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Von WOLFRAM SCHÜTTE