WETTBEWERB - White Deer Plain (VR China 2011)
16.02.2012
Expressiv, rural und imposant
Golden leuchtet in der Herbstsonne das Korn auf der Ebene des weißen Hirsches. Noch wiegen sich die Ähren nur sanft im Wind über der White Deer Plain, die Wang Quanan zum Symbolort seines bildgewaltigen Historienepos sublimiert. Doch sein immer heftigeres Wehen kündet von einem Sturm politischer, wirtschaftlicher und familiärer Umbrüche, der die Menschen der reichen Provinz knicken wird wie die Ähren. Sie sind Daseinsessenz und -ertrag der Protagonisten, deren Lebenskreislauf das epochale Zeitgemälde analog zum Naturkreislauf von Wachstum, Reife und Ernte und Dürre zieht. Von LIDA BACH
Moral, Nächstenliebe, Keuschheit, Ehrbarkeit, dies und mehr hehre Grundsätze sind die Prinzipien der White Deer Plain. Im Chor sprechen sie die Bauern Bai Jiaxuan (Zhang Fenghi), dem Vorsteher des heiligen Ahnentempels nach, wie die Kinder in der Dorfschule im Chor die Worte des Lehrers wiederholen. »Sei achtsam was du sprichst, denn man darf niemals vollkommen sein Herz preisgeben.« Auch Heiwa (Duan Yihong) und Bai Xiaowen (Cheng Taisheng) sagen den Lehrspruch auf, dessen Sinn sie so wenig erfassen wie die Erwachsenen. Der Lehrspruch höhlt die Moralgebote aus zur brüchigen Hülle scheinheiliger Bigotterie. Hinterlist und Verrat sind der Kern des menschlichen Wesens in der expressiven Romanverfilmung, die ruralen Realismus und profunden Symbolismus zum imposanten Filmmonument vereint.
Wer den Wind sät ...
Gleich einer Schriftrolle entfaltet sich die mehr als drei Jahrzehnte umspannende Geschichte zweier Familien, deren Söhne als Blutsbrüder aufwachsen. Bai Jiaxuan ist das Oberhaupt der Gemeinde und des Hauses Bai. Über niemanden herrscht seine strafende Hand strenger als über den eigenen Sohn Bai Xiaowen, zu dessen Patenonkel er seinen ergebenen Diener Lu San ernennt. Mit der neuen Jahreszeit bricht auch die eines neuen Systems an. Der neue Kaiser heißt Präsident und das Reich heißt nun Republik, verkündet der aus Furcht vor der Veränderung heulende Lu San seinem Herrn. Das die Strukturen von Macht und Abhängigkeit darunter die gleichen bleiben, begreifen alte und junge Generation zu spät.
Der bäuerlichen Existenz, die sein Vater Lu San (Liu Wei) in Mühsal und dumpfer Hörigkeit ausübt, will Heiwa entkommen. »Die Welt ist so groß. Es gibt mehr als einen Weg zu leben«, sagt er seinem Vater bei der Aussaat. In ihm selbst keimt eine politische Saat: die des Kommunismus, an die sein schulisch gebildeter Freund Xiaowen zu glauben gelernt hat. Den Blutsbruder verlässt Heiwa im Guten, den Vater im Bösen, um sich fernab bei der Feldarbeit zu verdingen. »Nichts macht Erntearbeiter glücklicher, als solch üppige Frucht zu sehen«, sagt sein gealterter Herr, blind dafür, welcher Anblick die Männer tatsächlich lockt. Der von Tian Xiaoe (Zhang Yuqi), der schönsten seiner fünf Ehefrauen. »Erntet, erntet, erntet ...«, fordert er und Heiwa erntet: die Liebe Xiaoes, den gemeinsame Verbannung, den Hass seines Vaters.
Bittere Ernte
Auf die ertragreichen Jahre folgen Dürre und Pest, doch die von Stolz und Zorn getrieben Figuren ernten weiter Verrat, Lügen und Intrigen. Einzig Xiaoe folgt kompromisslos ihrem Gefühl und bezahlt unter Traditionalismus und Moral am härtesten dafür. »Süße Rache«, wollen die von der glühenden Yuqi verkörperte Ehebrecherin und ihre Liebhaber, aber ihr Los ist bitter. Der Volksarmee folgt ein Militärherr, und auf die alte Korruption neue. Nur die Menschen in ihrem eisernen Griff sind dieselben. Jeder trage viele Masken in seinem Leben, sagt einer der verblendeten Charaktere aus Chen Zhongshis in China zensierter Romanvorlage. Über drei Stunden ausufernd, ist deren Kinopendant so erschöpfend und ertragreich wie die Felder, die - als der Kreis sich schließt - im Wind schwanken: die White Deer Plain, die mit Blut getränkt ist.
Titelangaben:White Deer Plain - Bai lu yuan (VR China 2011)
R: Wang Quanan
B: Wang Quanan
K: Lutz Reitemeier
S: Wang Quanan
M: Zhao Jiping
P: Zhang Xiaoke
D: Zhang Fengyi, Zhang Yuqi, Wu Gang, Duan Yihong, Cheng Taisheng, Liu Wei, Guo Tao, Xu Huanshan, Zhang Dehang, Yang Junjie, Yang Zexin
110 Min.
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