WETTBEWERB - Postcards from the Zoo (Indonesien / D / Hongkong, China, 2011)
17.02.2012
Hinter tausend Stäben keine Welt
»Das Allertraurigste ist Vorhersehbarkeit«, heißt es in Postcards from the Zoo einmal, dem traurigsten Film der BERLINALE des indonesischen Regisseurs Edwin, der auf der Pressekonferenz den traurigsten Satz sagt: »Ich habe selbst oft überlegt, ob ich nicht im Zoo leben soll.« Von allen Orten auf der ganzen Welt ist der Zoo der traurigste, und der traurigste aller Zoos ist der in Jakarta. Dort lebt die traurigste aller Filmfiguren, deren Postcards from the Zoo nie geschrieben wurden oder verlorengingen, genau wie die Protagonistin und die Zuschauer im traurigsten Zoo der Filmwelt. Von LIDA BACH
Das traurigste Handlungsereignis passiert dort gleich zu Beginn. Ein kleines Mädchen ist ganz alleine im tiefen, dunklen Wald voller wilder Tiere. Dort hat sie ihr Vater zurückgelassen wie böse Eltern ihre Kinder an den traurigen Stellen von Märchen. Ein skurriles Kinomärchen ist auch die melancholische Humoreske, und Edwin ein filmischer Geschichtenerzähler, der am liebsten der eigenen Stimme lauscht. Dabei horcht er so andächtig auf jedes Wort, das er selbst immer leiser flüstert, um sich selbst nicht zu übertönen, bis die Erzählung totenstill ist. Das ist traurig, aber trauriger ist, dass Edwin weiterlauscht: in sich und den Plot, ohne zu begreifen, dass er selbst aktiv werden muss. Vielleicht fühlt er sich deshalb Lana so nah, die ziellos durch ihre Käfigwelt wandert wie die Zootiere durch ihre.
Käfigdasein
Die junge Frau (Ladya Cheryl) ist das ausgesetzte Mädchen, das von den Tierpflegern aufgezogen wurde und den Tierpark nie verlassen hat. Wie es Märchenfiguren zu eigen ist, kann sie mit Tieren sprechen, die ihre Existenz gleichgültig akzeptieren wie die menschlichen Protagonisten. Die Tiere in Jakartas Zoo sind verständlicherweise die traurigsten der Welt. »Ich weiß genau, wie du dich fühlst«, sagt Lana einem Tiger, der in Großkatzenzeitrechnung etwa ihr Alter hat, und vor Trauer um das tote Hühnchen seine Fleischration nicht anrührt. Die Hühner hätten vom Gefressenwerden keine Angst, versichert Lana, denn kein Huhn habe je überlebt, um den anderen zu erzählen, wie schlimm Gefressenwerden ist. In diesen Worten des Tiger-Trosts schwingt eine vage Botschaft. Wenn man es nicht erfassen kann, ist man auch gegenüber Schrecklichem gleichgültig, mögen dessen Nachteile noch so offenkundig sein.
Ihr Seelentier ist die Giraffe, die wie Lana die einzige ihrer Art im Zoo ist: eine stumme Kreatur von eigenwilliger Schönheit, deren Zerbrechlichkeit täuscht. Nachts verlasse sie heimlich ihr Gehege und kehre unbemerkt wieder zurück, erzählen sich die Wärter, und gleich der Giraffe erkundet Lana die Stadt. Ihr Reiseführer ist ein Taschenzauberer im Cowboykostüm (Nicholas Saputra), dem sie als Indianerin verkleidet assistiert. Die künstliche Wildheit des Wild-West spiegelt die konstruierte Exotik der Tierplastiken und Tropenkulissen im Tierpark. Sie sind zugleich unfreiwillige Karikatur und trübsinnige Imitation von Echtheit und Leben, wie die Bilderschau die müde Kopie einer Handlung ist. Im Fishtank eines Massagesalons werden die Frauen ausgestellt wie Zootiere. Die Kunden zahlen, um ihnen nah zu sein, aber Streicheln ist verboten.
Menschenzoo
»Warum versucht ihr nicht etwas Poetischeres, Metaphorischeres, Schöneres?«, fragt der Massagesalonbesitzer Lana und den Cowboy, denen das so genauso misslingt wie Edwin. Die Ausdauer, mit welcher die Kamera die possierlichen Tiermotive beobachtet, die das originelle Szenario im Überfluss bietet, stellt die des Zuschauers auf eine harte Probe. Der banale Subtext dreht sich im Kreis wie Mensch und Tier hinter Gittern. Eine Allegorie ist eine Allegorie ist eine Allegorie: der Zoo für die Gesellschaft, die Zäune für deren Beschränkungen, die Tiere für die Bevölkerung, Lana für das Individuum. Unfähig eine nie gekannte Freiheit zu vermissen, kehrt es in einer Mischung aus Desorientierung und Apathie an den Ort der Gefangenschaft zurück oder verharrt dort. So auch in der einlullenden Pressevorführung, aus der man gähnend taumelt, ohne Grund für Applaus und zu müde zum Buhen.
Titelangaben:Postcards from the Zoo (Indonesien, Deutschland, Hongkong, China, 2011)
R: Edwin
B: Edwin, Daud Sumolang
K: Sadi Saleh
S: Herman Kumala Panca
M: Dave Lumenta
P: Meiske Taurisia
D: Lady Cheryl, Nicholas Saputra, Adjie Nur Ahmad, Iwan Gunawan, Abizars, Nitta Nazyrac C. Noer, Budi Hidayat, Yasfi Hakim
90 Min.
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