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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 22:09

WETTBEWERB - Die Königin und der Leibarzt - A Royal Affaire (DÄN / CZ / D / SWE 2012)

18.02.2012

Staatsräson und Staatsliaison

Verschwörerische Passion regierte am Hofe von Versailles unter dem inszenatorischen Zepter Benoit Jacquots; distanzierte Kühle lässt Nikolaj Arcel über dessen dänisches Gegenstück walten. Das Konkurrenzwerk im WETTBEWERB der BERLINALE wirkt wie ein rationelles Vorkapitel des angespannten Kostümfilms, dessen Handlung historisch unmittelbar an die des filmischen Herrschaftskapitels anknüpft. Der dramatische Kontrast und die dramaturgische Kongruenz der gleichermaßen reiz- und geistvollen Schauspiele kündigt sich schon an, bevor das erste Bild auf der Leinwand erscheint und die ersten Worte ihn besiegeln. Von LIDA BACH

 

»Ich muss euch von ihm erzählen«, beginnt Caroline Mathilde (Alicia Vikander) die Lebensbeichte, welche die junge Königin Dänemark-Norwegens ebenso vor ihren Kindern wie vor sich selbst ablegt. Er ist Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen), der 1768 vom Armenarzt zum Physikus König Christian des VII. aufsteigt. Der fortschrittliche Mediziner und Anhänger der Aufklärung wird zum engen Freund und Berater des psychisch labilen Herrschers (Mikkel Boe Folsgaard) und zum noch engeren Freund Königin Carolines. Struensees körperliches Eingehen auf sie spiegelt seine mentale Einstellung auf Christian, dessen pathologische Gemütsanfälle er ebenso lindert wie Carolines amouröse Frustration. A Royal Affair, aus der mehr als umfassende Reformen von Gesellschaft und Recht hervorgeht: eine Tochter, die Christian für seine eigene hält, bis ideologische und politische Feinde Struensees zum Gegenschlag ausholen.

 

Doppelmoral und Manipulation

Die komplexe Originalfassung des banalen deutschen Verleihtitels Der Leibarzt und die Königin verweist auf Nebeneinander und Bedingtheit von staatlicher, freundschaftlicher und romantischer Affäre. Letzte scheint in ihrer libidinösen Beherrschtheit mehr eine Nebenerscheinung der ersten beiden, die den Plot ebenso dominieren wie Struensees Filmfigur über den Carolines. In deren einleitenden Worten artikuliert sich Arcels eigene erzählerische Intention. »Viele sagen, Sie seien genau, was Dänemark brauche; eine echte Künstlerseele auf dem Thron«, sagt ausgerechnet ihre spätere Widersacherin Juliane Marie (Trine Dyrholm) bei Carolines Ankunft. Ihre von ihrem Filmgatten abgelehnten musischen Begabungen und vom Hof unterbundenen intellektuellen Interessen jedoch bleiben unterdrückt.

 

Vor Doppelmoral und Manipulation, als deren Gegner Der Leibarzt und die Königin dramaturgisch positioniert werden, sind weder die Titelfiguren noch das nach ihrem Stand benannte Sittenporträt gefeit. Als Geliebte, Mutter eines außerehelichen Kindes und jung verstorbene Büßerin fügt sich die weibliche Hauptfigur dreifach dem konservativen Konzept realer und fiktionaler Frauenrollen. Die Männer an ihrer Seite hingegen realisieren ihre politischen und künstlerischen Ambitionen. Seine reformatorischen Ziele lässt Struensee stellvertretend durch den Shakespeare zitierenden und die Bühne verehrenden König durchsetzten: »Indem Ihr tut, was Ihr am meisten liebt: Schauspielern. Mit Sätzen, die schon geschrieben sind wie im Theater.« Autor und Regisseur des Stücks ist der Leibarzt persönlich, der seine medizinisches und persönliches Wissen über den König benutzt, um sich selbst als Regent zu installieren.

 

Die psychologischen Brüche innerhalb der Menage-a-trois verweist die ernste Geschichtsromanze nur in subtilen Randbildern, die sich nur mit den Biografien der Figuren Vertrauten entschlüsseln. Zugänglicher entfaltet sich das inszenatorische Gespür des Regisseurs in der dezenten Symbolik von Jahreszeit und Landschaft. Das politische Tauwetter, das dem Winter des Missvergnügens des düpierten Hofadels folgt, bringt auch die illegitime Affäre ans Licht. Der Himmel verdüstert sich für das Liebespaar und das Land, als der Absolutismus A Royal Affair umfängt wie die Kutsche gegen Ende des BERLINALE-Eröffnungsfilms.

 

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Von WOLFRAM SCHÜTTE