Leben, Wollen, Leiden
Lutz Geldsetzer[1] hat die Willensmetaphysik Schopenhauers in Versen sehr anschaulich beschrieben:
Idealismus treibt er weiter
Auf der Vermögen Stufenleiter
Und will die ganze Welt enthüllen
Als Ausgeburt von einem Willen.
Die toten Elemente schon
Sind Willensmanifestation;
Der Pflanzen und der Tiere Leben
muß aus dem Willen sich ergeben,
und die Kultur – als Kunst sie gilt –
natürlich aus dem Willen quillt.
Diese schöpferische Kraft des Willens hat eine Kehrseite: Als unstillbarer Egoismus führt den Menschen in die Katastrophe. Auch dann, wenn seine Wünsche in Erfüllung gehen, findet er, der Mensch, keine Ruhe. Er wird neue Bedürfnisse entwickeln, bis zu dem Punkt, an dem er leer ausgeht und dann, so Schopenhauer, je nach Temperament mit Verzweiflung oder mit Gewalt reagieren, in jedem Fall aber so, dass es ihn und andere hinabzieht in die Abgründe menschlichen Daseins, in das Leiden, das folglich nur in der Bedürfnislosigkeit überwunden werden kann.
Weil Schopenhauer Leben mit Wollen und Wollen mit Leiden identifiziert, ist für ihn die radikale Abtötung aller Bedürfnisse in der Askese die einzige Möglichkeit, dieser fatalen Abwärtsspirale ein Ende zu bereiten, auch wenn in moderateren Passagen seines Werks die Kunst als ästhetische und das Mitleid als ethische Spielart der Askese einen versöhnlichen Ausweg weist. Die letzte Ruhe gibt dem Menschen bei Schopenhauer jedoch nur die radikalste Form der Negation des Lebens – der Tod.
Zu düster? Sicherlich: Schopenhauer ist keine leichte Kost. Doch lohnt die Lektüre seiner Texte schon aus literarischen Gründen. Noch einmal Lutz Geldsetzer:
Denn eines muss man ihm wohl lassen:
Gut lesbar ist’s, man kann es fassen,
und Schopenhauer sicher ist
ein ganz vorzüglicher Stilist!