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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 22:32

Zum 150. Todestag von Arthur Schopenhauer

21.09.2010

Der Philosoph des Willens

Arthur Schopenhauer im Gefüge der deutschen Philosophie zu verorten – damit tut man sich schwer. Er wird als Nachfolger der großen Idealisten Kant, Schelling, Fichte und Hegel sowie als Wegbereiter Nietzsches gehandelt. Mit den Idealisten teilt er die Auffassung, die Welt sei nur als subjektive Vorstellung erfahrbar, Nietzsche beeindruckt er mit der Radikalität, mit der er die aus seiner Sicht verlogen-optimistischen Weltdeutungen christlich-rationalistischer Provenienz verwirft – ein erster Schritt zur „Umwertung aller Werte“ bei Nietzsche.

 

Schopenhauer ist nie ein großer Akademie-Philosoph gewesen. In Berlin konkurriert er mit Hegel, dem preußischen Staatsphilosophen, um die Gunst der Studenten, doch diese verkennen Schopenhauers neues Denkens und gehen weiter in Hegels Vorlesungen. Schopenhauer verlässt den Universitätsbetrieb und kehrt verbittert nach Frankfurt zurück, wo er von nun an als „Privatgelehrter“ die Erbschaft seines Vater aufzehrt und die meisten seiner Werke veröffentlicht. Zeitgenossen wie der Zeichner Wilhelm Busch charakterisieren ihn als missmutig und eigenbrötlerisch.

Die Erfahrungen mögen Schopenhauers Einstellungen zu den Dingen geprägt, den tiefen Pessimismus hervorgerufen haben, mit dem er die Welt und die Menschen sah. Sein messerscharf-gnadenloser Zynismus, mit dem er alles betrachtete, hebt ihn von vielen anderen berühmten Denkern radikal ab – man denke nur an die diametral gegen Leibniz gerichtete Auffassung, wir lebten in „der schlechtesten aller möglichen Welten“. In seiner Art analysiert er schonungslos das rastlose Streben des Menschen. Dessen unbändigen Willen entlarvt er als verheerend, stellt ihn gleichsam jedoch als unvermeidlich dar, denn nur durch den Willen gelangt überhaupt etwas in die Welt.

 

Leben, Wollen, Leiden

Lutz Geldsetzer[1] hat die Willensmetaphysik Schopenhauers in Versen sehr anschaulich beschrieben:

 

Idealismus treibt er weiter

Auf der Vermögen Stufenleiter

Und will die ganze Welt enthüllen

Als Ausgeburt von einem Willen.


Die toten Elemente schon

Sind Willensmanifestation;

Der Pflanzen und der Tiere Leben

muß aus dem Willen sich ergeben,

und die Kultur – als Kunst sie gilt –

natürlich aus dem Willen quillt.

 

Diese schöpferische Kraft des Willens hat eine Kehrseite: Als unstillbarer Egoismus führt den Menschen in die Katastrophe. Auch dann, wenn seine Wünsche in Erfüllung gehen, findet er, der Mensch, keine Ruhe. Er wird neue Bedürfnisse entwickeln, bis zu dem Punkt, an dem er leer ausgeht und dann, so Schopenhauer, je nach Temperament mit Verzweiflung oder mit Gewalt reagieren, in jedem Fall aber so, dass es ihn und andere hinabzieht in die Abgründe menschlichen Daseins, in das Leiden, das folglich nur in der Bedürfnislosigkeit überwunden werden kann.

Weil Schopenhauer Leben mit Wollen und Wollen mit Leiden identifiziert, ist für ihn die radikale Abtötung aller Bedürfnisse in der Askese die einzige Möglichkeit, dieser fatalen Abwärtsspirale ein Ende zu bereiten, auch wenn in moderateren Passagen seines Werks die Kunst als ästhetische und das Mitleid als ethische Spielart der Askese einen versöhnlichen Ausweg weist. Die letzte Ruhe gibt dem Menschen bei Schopenhauer jedoch nur die radikalste Form der Negation des Lebens – der Tod.

 

Zu düster? Sicherlich: Schopenhauer ist keine leichte Kost. Doch lohnt die Lektüre seiner Texte schon aus literarischen Gründen. Noch einmal Lutz Geldsetzer:

 

Denn eines muss man ihm wohl lassen:

Gut lesbar ist’s, man kann es fassen,

und Schopenhauer sicher ist

ein ganz vorzüglicher Stilist!

 

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Von WOLFRAM SCHÜTTE