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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 22:32

 

Zum 70. Todestag von Walter Benjamin

29.09.2010

Der größte unter den Spaziergängern

Heute vor 70 Jahren brachte Walter Benjamin sich in Portbou um. Vielleicht. Von JAN FISCHER

 

„Mein Gehstock beginnt, mir besondere Freude zu machen“

Walter Benjamin, Haschisch in Marseille

 

Portbou, zum Beispiel, da geht es schon los, gehört nur auf der Landkarte eindeutig zu einem Land. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter, aber wenn man dort oben steht, an Walter Benjamins Grab, auf diesem Friedhopf neben der kleinen Kirche, auf dem Felsen, der sich aus dem klaren, blauen Mittelmeer erhebt, glaubt man es nicht. Der Kiesstrand da unten, auf dem sich die Touristen sonnen, die Palmen, die Eisverkäufer, das Meer, die spärlich grün-braunen Felsen, die in die kleine Bucht abfallen, in der Portbou liegt: Es ist idyllisch. Was könnte einfacher sein? Wer eine Grenze überquert, der ist im nächsten Land.

 

Walter Benjamins Grab steht im Fluchtpunkt mehrerer Wege aus weißem, grobem Kies. Man kann einen dieser Steine auf Benjamins Grab legen, und sich wundern, dass es kein jüdischer Friedhof ist. Man kann den Felsenweg hinuntergehen, der zur Strandpromenade führt, und kommt an eine Aussichtsplattform, jemand hat den Spruch „It is the night“ mit schwarzer Farbe an den Mauer über den Bänken gesprüht, und die Sonne, die aufs Wasser scheint, behauptet das Gegenteil. 

 

Mystiker des Wandels

Benjamin war einer der präzisesten Mystiker das Wandels, der sich im Denken der Menschen zwischen dem 19. Und 20. Jahrhundert vollzog - wenn man so will, die industrielle Revolution der Kultur - und an dessen Nachwirkungen wir heute noch zu knabbern haben: Die Frage, was genau es eigentlich heißt, und was genau eigentlich passiert, wenn wir ständig mit Werbung, Fernsehen, überhaupt: ständig von allen Seiten mit Kultur bombadiert zu werden. Wie in den Zeiten von Verlust von Bedeutung eigentlich Bedeutung produziert wird. Und was das für die Sprache, für die Gesellschaft, für die Geschichte und die Politik bedeutet.

 

Ein Mystiker war Benjamin vor allem deshalb, weil er diesen Wandel nicht von außen betrachtete, sondern sich an ihn ankoppelte, ihn selber erlebte, alles auch selber erleben wollte, seine Wahrnehmung zur Not auch mit Drogen verschob. Ein Mystiker aber auch, weil er - in seinen besten Texten - kein Wissenschaftler ist, nicht einmal ein Essayist, sondern schlicht ein Autor, der, wie in Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, sich eben nicht auf die Mittel der Wissenschaft beschränken mag, sondern sie um die Mittel der Literatur anreichert, der das, was er sagen will immer zweifach sagt: Benjamin beschreibt nicht nur - als Wissenschaftler - den Wandel im Denken, er beschreibt - als Autor - sich selbst, wie er mitten in diesem Wandel steckt. 

 

Von der Schaufensterauslage zur Kultur als Ganzes

Benjamin nimmt sich selbst, seine eigene Beobachtung als Symptom für das Denken seiner Zeit an. Und dafür muss man vor die Tür gehen. Benjamin steckte gerne mittendrin, er war einer der größten Spaziergänger, die je gelebt haben, einer der von einer Schaufensterauslage in einer Berliner Nebenstraße auf die Kultur als ganzes schließen konnte und wieder zurück, einfach so, im Vorbeigehen, und das auch: Traumwandlerisch, wie ein Zauberkünstler, sicher, wie einer, der das Drahtseil, auf dem er läuft, einfach ignoriert. Sein Hauptwerk, das unvollendet gebliebene Passagen-Werk, sollte genau das sein: Eine Montage von Notizen, von einem, der zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert auf dem Drahtseil tanzt, eine gigantische Bestandsaufnahme des Wandels im Denken, den er unter den  grünen Stahlkonstruktionen der Pariser Einkaufspassagen wahrnahm, der natürliche Lebensraum für einen Flaneur wie Benjamin.  

 

Wenn man weiter geht, vom Aussichtspunkt runter ins Dorf, an die Strandpromenade von Portbou, die eigentlich keine Promenade ist, soviel Platz ist da gar in diesem schmalen Einschnitt, dann kann man sich in den Brennpunkt des Ortes stellen. Da, wo die Bergstraße in die Bucht hinunterklettert, und auf der andere Seite wieder hoch, wo es auf der einen Seite nach Frankreich geht, und auf der anderen tiefer nach Spanien hinein. Es riecht nach Tortilla dort vor der überteuerten Fast-Food-Bude am Strand. Man kann dort die Augen schließen, und weiß nicht mehr, in welchem Land man ist: spanisch hört man, französisch, catalan, hin und wieder deutsch und englisch: Portbou ist einer dieser Grenzorte, die ihre Nationalität dynamisch an die Gegebenheit anpassen, sich ihre eigene Nationalität zurechtmischen. Zu Benjamins Zeiten wird das nicht anders gewesen sein, es war nur schwerer, über die Grenze zu kommen, der Beigeschmack war bitterer.

 

Kultur- und Verschwörungstheoretiker

Walter Benjamin ist nach wie vor nicht nur ein gefundenes Fressen für Kulturtheoretiker, obwohl Benjamins Werk - allen voran sein Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit - so etwas wie eine Zitatkalashnikow ist : Handlich, nicht mehr das neueste Modell, dafür effektiv, zu jeder Gelegenheit einsetzbar, funktioniert selbst noch, während man durch den dicksten Schlamm watet. Er ist auch ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker.

 

Es wird warm gewesen sein in der Nacht, in der Benjamin in Portbou ankam, es war ein Donnerstag am Ende des Sommers. Sie waren eine kleine Reisegruppe mit den Nazis im Rücken, eine kleine Gruppe Flüchtender, die nach Lissabon wollten, und von da aus in die USA. Benjamin hatte einen amerikanischen Pass mit einem Durchreisevisum für Spanien, aber kein Ausreisevisum für Frankreich. Nach Spanien kam die Gruppe. In Portbou wurden sie festgesetzt, weil gerade am Tag vorher eine Gesetzesänderung erlassen wurde, die verlangte, Menschen mit einem Durchreisevisum für Spanien zu überprüfen. Man steckte Benjamin in ein Hotel, und postierte Gestapo-Beamte vor seiner Tür. Der Jude und kritische Denker Benjamin sollte am nächsten Tag den Nazis ausgeliefert werden. Benjamin nahm, so eine Version der Geschichte, in seiner Verzweiflung eine Überdosis Morphium: Besser, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen. Das letzte, was er tat, war einen Abschiedsbrief an seinen Freund Adorno zu diktieren, der später vernichtet werden musste.

 

Die andere – deutliche interessantere, weil paranoidere - Version ist ein Krimi: Portbou muss zu dieser Zeit ein einziges, brodelndes Nest aus Flüchtlingen, Agenten, Gegenagenten, Kollaborateuren und Fluchthelfern gewesen sein, ein brodelnder Hexenkessel, in dem sich der Zweite Weltkrieg verdichtete. Warum ist Benjamin, als Jude und Selbstmörder, auf einem katholischen Friedhof begraben? Warum lautet die Todesursache in seinem Totenschein „Herzversagen“? Warum ist sein Name darauf mit Benjamin Walter angegeben? Warum hat ein Arzt, der nachweislich am Tag, als der Totenschein ausgestellt wurde nicht in der Stadt war, ihn unterschrieben, während der einzige andere Arzt in der Stadt mit den Nazis verbandelt war? Wie konnte Benjamin unter Einfluss von Morphium noch einen Brief diktieren? Spielt der Hotelbesitzer eine Rolle, der nach dem Krieg als Nazikollaborateur nach Frankreich ausgeliefert werden sollte, dann aber nach Argentinien floh und spurlos verschwand?

 

Es gibt noch ein paar andere solcher Fragen, und es gibt keinen Beweis für den Selbstmord. Einen Gegenbeweis gibt es allerdings auch nicht. Was genau in jener Nacht in Portbou passierte, ist schlicht nicht mehr in Erfahrung zu bringen, und die Legenden wuchern nach wie vor wild. Es ist letztendlich, wenn man Beweise und Gegenbeweise voneinander abzieht, Glaubenssache. Was nur angemessen ist, wenn man bedenkt, dass Benjamins Philosophie eben genau den Verlust dieser verrückten Idee namens zeitloser Wahrheit diagnostizierte, und damit die Menschen zwar davon freisprach, sie entdecken zu müssen, sie damit zwar emanzipierte, aber gleichzeitig in die Pflicht nahm, sie sich sogenannten Wahrheiten doch noch einmal genauer anzuschauen. Fest steht nichts, gesellschaftliche Vermittlung ist alles. Denn die Wirklichkeit ist immer komplizierter.

 

Heute vor 70 Jahren starb Walter Benjamin in einem Hotel in Portbou, aller Wahrscheinlichkeit nach an einer selbst verabreichten Überdosis Morphium. Morgen vor 70 Jahren durften seine Begleiter weiterreisen, und erreichten die USA.


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