20 Jahre deutsche Einheit - Teil 2
04.10.2010
Freiheit, Einheit und Grammatik. Die Wende als Sprachspiel
Die Sprache in der DDR ist geprägt von bürokratischen Sonderformen und Neologismen (Winkelement, Großvieheinheit) sowie politischen Euphemismen, die teilweise an Orwells „Neusprech“ erinnern (Planübererfüllung, versuchte[sic!] Republikflucht, Friedenskampf). Von JOSEF BORDAT
Texte der medialen Berichterstattung lassen sich aufgrund der Wortwahl zielsicher dem Osten Deutschlands zuordnen. Während im Westen das Volk die Politik beherrscht (zumindest theoretisch), so dominiert im Osten das Präfix Volks- den politischen Sprachgebrauch – von Volkskammer bis Volkspolizei. Zahlreiche Termini, die heute die T-Shirts von Friedrichshainern und Prenzlbergern zieren, die zumeist nach 1990 geboren wurden, waren gezielte Eingriffe der SED in den Sprachschatz (und das Klassenbewusstsein) der Ostdeutschen. Das Wort ist in der DDR Politikum.
Das Wort ist jedoch seit jeher auch eine Waffe, die Feder ein Dolch. Das ist in der DDR nicht anders. Schriftsteller, die ironisch mit der politisierten Sprache des Ost-Alltags spielen, gelten als besonders suspekt. Witze, die auf die sprachlichen Figuren des Kaderjargons abstellen, sind sehr beliebt, etwa der von dem Mann, der voller Freude den Ort „Kürze“ sucht, da es „in Kürze“ alles gebe, was in der DDR fehlt. Obwohl sie einem viel Ärger eintragen, werden die erzählt und tradiert – hinter vorgehaltener Hand. Sie sind eine kreative Reaktion auf den Anspruch der Partei, immer Recht zu haben und in „Erichs Lampenladen“ (so die volkstümliche Bezeichnung für den Palast der Republik) von einer Erleuchtung zur nächsten zu taumeln.
Wende der Sprache, Sprache der Wende
Am 3. Oktober 1990 ging nicht nur die DDR unter, sondern auch ihre Sprache. Meinungsfreiheit braucht einen Ausdruck in freier Sprache. Die Wende der Sprache in Ostdeutschland wird eingeleitet durch die Sprache der Wende, in der eine Befreiung spürbar wird, die dem Wandel der politischen Umstände entspricht. Wie ein Seismograph zeigte die Wende-Sprache die gesellschaftlichen Veränderungen an. Man traute sich wieder, eine Meinung zu äußern, in einer Sprache, die dafür gemacht ist. „Unsere demokratische Entwicklung“, meinte Reinhold Vaatz (Neues Forum), „ist ja in erster Linie eine Befreiung der Sprache.“
Die Revolution setzte vor allem „semantische Signale“, wie Christa Wolf bemerkte, um zu ergänzen: „Die Sprache springt nun aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie bisher eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter.“ Gefühlsausdrücke, mal aggressiv („Sägt die Bonzen ab, schützt die Bäume“), mal kreativ („Kein Artenschutz für Wendehälse“), mal spielerisch („Reformen – aber unbekrenzt“), doch immer befreiend. Die „normale, verärgerte Sprache“ (Stefan Heym) erobert die Straßen in Dresden, Leipzig und Ost-Berlin.
Wir sind das Volk, wir sind ein Volk
Am Ende ist nicht nur die Freiheit, sondern auch die Einheit eine sprachliche Angelegenheit. Die deutsche Einheit ist enthalten in dem kleinen grammatikalischen Übergang vom bestimmten zum unbestimmten Artikel, der wohl selten bedeutungsvoller war. In die Abgrenzung von denen, die nicht Volk sind („Wir sind das Volk!“), mischt sich die Anlehnung an die Idee eines geeinten Deutschland („Wir sind ein Volk!“). Die – zumindest weitgehend – geteilte Sprache sollte dabei helfen, die innere Einheit in Zukunft noch deutlicher spürbar werden zu lassen. Obwohl das sicher weitere 20 Jahre braucht. Schließlich waren „wir“ – also „das Volk“ – vierzig Jahre lang getrennt. Die Vollendung der inneren Einheit Deutschlands ist wichtig, denn davon hängt auch die Freiheit des deutschen Volkes ab. Wer jene begräbt, bringt auch diese in den Sarg. Oder wie man in der DDR sagte: ins Erdmöbel.
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