Bisweilen erstaunlich drastisch
Neben seiner Neigung zum Hermetischen ist es ein grundsätzlicher Pessimismus, was Harold Pinter und sein Werk kennzeichnet. Martin Esslin, von dem die Bezeichnung „Theater des Absurden“ stammt, erzählte einmal, wie er mit Harold Pinter durch den Hyde Park spaziert sei. Pinter bemerkte: „Ein schöner Tag heute.“ Worauf Esslin fragte: „Also ist das Leben doch schön?“ Da meinte Pinter: „So weit würde ich nicht gehen.“
Diese Anekdote liefert einen zutreffenden Eindruck von der Haltung des Briten. Sie hat sich in politischen Stellungnahmen konkretisiert. Er wurde zu einem der heftigsten Kritiker von Margaret Thatchers Falkland-Krieg, der Bombardierung Serbiens durch die NATO sowie von Tony Blairs Irakpolitik. In einer Rede vor dem House of Commons sagte Harold Pinter im Oktober 2002: „Tatsache ist, dass Mister Bush und seine Bande wissen, was sie tun, und Blair, wenn er nicht wirklich der irregeführte Idiot ist, der er oft zu sein scheint, weiß auch, was sie tun. Sie sind ganz einfach entschlossen, die Welt und die Ressourcen der Welt zu kontrollieren.“
Solche Äußerungen haben dem vielfach preisgekrönten und mit mehr als einem Dutzend Doktorwürden geehrten Pinter nicht nur Freunde eingebracht. Ein Mitglied der Nobelpreisjury hat nicht allein wegen Elfriede Jelinek, sondern auch wegen solcher Statements von deren Nachfolger Harold Pinter unter Protest das Komitee verlassen. Das spricht freilich weniger gegen Pinter als gegen den Juror. Erstaunlich sind solche drastischen Töne dennoch. Das dichterische Werk Pinters lässt sie nicht unbedingt erwarten.
Eine Krebserkrankung hinderte Harold Pinter, den Nobelpreis persönlich entgegenzunehmen. Am Heiligabend des Jahres 2008 ist er seiner Krankheit erlegen. Und heute wäre er 80 Jahre alt. „Wie nah sind uns manche Tote, doch / Wie tot sind uns manche, die leben.“ (Wolf Biermann)

