Über Pietät, Fairness und Kritiklosigkeit
Diese formalistische Betrachtung von Politik, die Talent und Begabung von den Inhalten und Zielen trennt, denen sie dienen, ist zutiefst unpolitisch, ja katastrophal. Es löst Empörung aus, wenn man Leni Riefenstahl angesichts ihrer nationalsozialistischen Propagandafilme künstlerisches Talent attestiert. Dem Bewunderer der nationalsozialistischen Beschäftigungspolitik und pflichtbewusster SS-Veteranen politisches Talent zu bescheinigen, gehört jedoch offenbar zum guten Ton.
Was ist eigentlich die fünf Wochen davor allseits beteuerte „tiefe Betroffenheit“ über den Tod des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler wert, wenn der Tod Jörg Haiders dieselben Gefühle auslöst? Haben Worte im täglichen Gesülze überhaupt keine Bedeutung mehr? Fließen sie nur noch aus den Mündern wie Diarrhö aus den entgegengesetzten Öffnungen? Sind die Verteiler der Pressesprecher mit Versatzstücken gefüttert, bei denen nur noch Namen eingesetzt werden? Es soll ja gar nicht in Frage gestellt werden, dass Haider charmant gewesen sein mag. Das war auch Franz Josef Strauß und ist angeblich Berlusconi. Aber jenseits der Cocktailparty und der Kungelei aus den Fluren der Parlamente zählt das politische Handeln, nicht der persönliche Charme. Die Betroffenheitsfloskeln anlässlich des Todes von Jörg Haider sind ebenso unangemessen wie es die Panikattacken anlässlich seines Aufstiegs waren. Schlimmer noch: diese Reaktionen von seinerzeit wurden durch das Phrasentheater anlässlich des Tods von Haider als verlogene Schmiere, als schlechte Inszenierung und ihre Regisseure als unglaubwürdige Selbstdarsteller decouvriert. Für die Demokratie ist dieser Vorgang zumindest ebenso desaströs wie es Haider in all den Jahren seiner politischen Einflussnahme war.
Man sollte Pietät und Fairness in der politischen Auseinandersetzung nicht mit Kritiklosigkeit verwechseln. Jörg Haider hat sich in seinen letzten Jahren staatsmännisch gegeben. Er hat Kreide geschluckt und in der Tat Forderungen formuliert, die jenen der Sozialdemokraten glichen. Aber er war für Österreich ein Unglück, und das wird durch einen Autounfall nicht ausgelöscht. Die 2008 tief betroffen waren und ihrer heimlichen Bewunderung für Haiders Talente keine Zensur mehr auferlegten, sind entweder seinen politischen Vorstellungen immer schon näher gewesen, als sie zuzugeben bereit waren, oder sie schielen nach Haiders Wählern. Oder aber, das ist die Alternative, sie sind politisch nicht nur talentlos, sondern Idioten.
P.S.: Die Online-Ausgaben der beiden großen österreichischen Tageszeitungen haben ihre Foren zu Jörg Haider nach seinem Tod wegen „vieler pietätloser Postings“ gesperrt. Das entbehrt, angesichts der üblichen Postings, nicht einer gewissen pietätlosen Komik. Wo sonst die wüstesten Schimpforgien stattfinden, muss ausgerechnet der tote Haider geschützt werden. Die tiefe Betroffenheit schlägt Purzelbäume. Mittlerweile haben neue Fakten dem Heiligenschein Haiders etwas von seinem Glanz genommen. Doch der Mythos lebt weiter und meldet sich, wie der Geist von Hamlets Vater, gelegentlich zu Wort. Dass Haiders Erben nicht appetitlicher sind als er, ändert freilich nichts an der unheilvollen Rolle, die er in der österreichischen Politik gespielt hat und über seinen Tod hinaus spielt. Die Wahrheit ist immer noch der Pietät vorzuziehen, wo die europäischen Haiders an Einfluss zu gewinnen drohen.

