Nicht zweite, dritte, sondern echte Heimat
Doch wen interessieren jetzt Bücher! Die Betonung liegt auf „-nobelpreis“, nicht auf „Literatur-“. Zumal in Arequipa. Die Vargas Llosa-Schulfreunde und Vargas Llosa-Verwandten oder die, die Vargas Llosa-Schulfreunde und Vargas Llosa-Verwandte kennen oder zu kennen glauben, reagieren ordnungsgemäß mit vertraulichen Anekdoten und der kohärenten Biographie. Ja, er hat immer schon Romane geschrieben, ja, er war immer schon ein kritischer Journalist, dem es um die individuelle Freiheit ging, ja, seinen ersten Essay verfasste er mit dreieinhalb Jahren. Di Feiheit des Indiwidums – strahlend hält seine Kindergärtnerin die Titelseite in die Kamera. Jede Universität, in deren Mensa Mario schon mal war, spricht vom „ehemaligen Studenten Vargas Llosa“. Die etwas verwegeneren der Zunft nennen ihn „Ex-Professor“. Es gibt in Arequipa Niemanden, der mit „Super Mario“ nicht durch dick und dünn gegangen ist, damals, als er schätzungsweise 17 Schulen besuchte.
Meine Familie macht da keine Ausnahme. Eine Tante exponiert mehr oder minder stringente verwandtschaftliche Beziehungen. Als klar wird, dass entweder sie sich irrt oder Gregor Mendel, wird aus dem Großonkel ein Schulfreund. Banknachbar in der Abschlussklasse. Immerhin. Angesichts der vielen „besten Freunde“, die Vargas Llosa in Arequipa hat, aber eher von unterdurchschnittlichem Imponierfaktor. Selbst der jüngste Spross der Familie, der mit Windeln und Schnuller über den Hof watschelt, ist von der Mario-Mania inspiriert: „Literaturnobelpreisträger“ ist das vierte Wort, das er jetzt sagen kann – nach „Mama“, „Papa“ und „Mobiltelefon“.
Dabei ist das Verhältnis Mario Vargas Llosas zu seiner Heimat durchaus gespannt. Der Schriftsteller, Politiker und – endlich! – Nobelpreisträger, hat seinem Heimatland längst den Rücken gekehrt und den heimlichen Traum vieler seiner Landsleute realisiert: Er ist in die USA ausgewandert. Wegen der Freiheit des Individuums, sicher, doch auch, weil jenes peruanische Volk, das jetzt den Literaturnobelpreisträger „Super Mario“ bejubelt, einst dem Präsidentschaftskandidaten Vargas Llosa eine Abfuhr erteilte und seinen Konkurrenten, den Japan-Immigranten Alberto „Chino“ Fudjimori, an die Macht wählte, der, wie sich bald zeigen sollte, von Freiheit des Individuums nur sehr eingeschränkt überzeugt war. Doch jetzt – vom Nobelpreiskomitee und dem Alter milde gestimmt – bekennt sich Vargas Llosa zu seinem Land, das ihm in diesen Tagen zu Füßen liegt.
Es ist schön, das peruanische Volk so feiern zu sehen. Vor allem die Menschen in seiner Heimatstadt Arequipa, die mir seit einer Dekade auch immer wieder Heimat bietet. Nicht zweite oder dritte, sondern echte Heimat. Bisher war es meine Familie, die hier die sozialen Beziehungen bestimmte. Doch jetzt weitet Vargas Llosa den Freundeskreis schneller als Facebook. Heute Abend bin ich verabredet: Eine von Marios Cousinen hält einen Vortrag: Identifikation und Individualität. Die Freiheit des Rennrodlers. Super.

