Zeichen seiner Erschöpfung hatte es zuvor schon gegeben, die Folge seiner psychischen Überlastung als Konsequenz des biographischen Unheils. Einmal reißt Celan einem Passanten einen leuchtend gelben Schal vom Hals, weil dieser ihn an den gelben Judenstern erinnert, den er einst tragen musste. 1966 wird er zwangsweise in eine Heilanstalt eingewiesen, bleibt dort jedoch nur kurz. Am Ende lässt Celan nur noch Ilana Shmueli an sich sein heran, schreibt ihr aus seinem „totalen Down“.
Ilana antwortet ihm aus der Ferne. Sie war in den neu gegründeten Staat Israel umgesiedelt. Warum ging Paul nicht mit ihr? Ilana hatte ihn darum gebeten. 1969 besuchte Paul sie in ihrer neuen Heimat. Die metaphysisch-transzendentalen Geborgenheitsvorstellungen vieler Juden vom himmlischen Jerusalem teilte Celan ebenso wenig wie die realpolitische Option des Zionismus: ein irdischen Jerusalem als Zentrum einer neuen Heimat des jüdischen Volkes im neuen Staat Israel auf dem Boden des alten Bundes. „Hoffe, hoffe ein stilles Hoffen, kein zu großes“, schrieb er in einem Brief an Ilana. An den Toren Jerusalems stehend, steht Paul gleichsam „an den Toren der Vergeblichkeit“: „Israel – das Land, das sein Volk auffrißt, ein heilloses Durcheinander – Ich will nicht!“ Er kehrt zurück nach Paris.
Das Abschiedsgedicht Celans, dass er der schockierten Ilana im April 1970 schickt, gibt Zeugnis von einer für den Autor lächerlich gewordenen Welt, in der er keinen Sinn zu erkennen vermag. Mit einem Sprung in die Seine verlässt er diese Welt, von der er nur noch spottet: „Die Welt, Welt / in allen Fürzen gerecht.“ Ilana Shmueli, mittlerweile 86 Jahre alt, lebt immer noch in dieser „gerechten Welt“, in Jerusalem, Israel.

