Erstaunlich fett
Nur selten ist der Film im deutschen Fernsehen zu sehen, 1-2 mal pro Jahr um 23.50 Uhr auf Tele5, und man kann es den im Quotenkampf befindlichen Sendern nicht mal übel nehmen: in der Zeit schneller Schnitte, 30-Millionen-Stunts und 3D-Technik, wirkt der Film mit seinen langen Einstellungen fast schon antiquiert. Aber, und das ist ein großes Aber: was für eine begnadete Besetzung! Walter Matthau (damals einer der zugkräftigsten Stars in Hollywood, der durch Rollen wie diese von seinem Komiker-Image wegkommen wollte) in einer Paraderolle als Lt. Garber, grummelig und reich an Mimik, flankiert von Jerry Stiller (Schwiegervater von Doug Heffernan in der US-Sitcom King of Queens und Vater von Ben Stiller) als schon vom Blättern in der Zeitung gestressten Lt. Rico Patrone sowie Robert Shaw (Bösewicht aus dem James-Bond-Film Liebesgrüße aus Moskau) und Martin Balsam (der später auch in Kap der Angst, einem meiner all time favourites, mitspielte). Last but not least kann Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123, so der deutsche Titel, exzellente Dialoge und einen Soundtrack vorweisen, der einem Shaft in nichts nachsteht.
»Captain Retro und die Synchronauten«, eine aus 7 Künstlern (3 Sprecher und ebenso viele Musiker sowie ein über alles wachender Mischer) bestehende Formation, hat das in diesem Film schlummernde Potential erkannt und als Kino-Live-Synchro-Show auf die Bühne gebracht. Allesamt Filmliebhaber, erwecken sie die tonlos über die Leinwand zuckelnde U-Bahn zu neuem Leben. Jede der drei Stimmen hat ein gutes Dutzend Sprechrollen zu übernehmen, während die Musiker neben ihnen nicht nur für einen – für eine 3-Mann-Kombo – erstaunlich fetten, unverzüglich in die Füße gehenden Sound sorgen, sondern den Film mit allen Geräuschen garnieren, die es eben braucht. Die musikalische Vielseitigkeit der Mitwirkenden ermöglicht ein reiches und farbenfrohes Klangbild ohne elektronische Tricks. Jeder Sound ist für das Publikum nachvollziehbar, die Bühne wimmelt von allem, womit sich adäquate Geräusche erzeugen lassen – vom Kopfkissen über Stahlfässer bis hin zum Klospülkasten ...
Nach 100 Minuten Film, dargeboten in zwei gleich langen Halbzeiten, ist den Künstlern die Erschöpfung anzumerken. Volle Konzentration, der sekundengenaue Einsatz der Stimmen, Geräusche und Musik haben bei allen Mitwirkenden Spuren hinterlassen. Aber: Man sieht und spürt, mit welcher Freude das Ensemble bei der Sache ist, wie liebevoll es mit der Story, den Film-Charakteren, seinem Equipment und seinem Publikum umgeht. Spielfreude pur, und das Publikum macht mit, lässt sich anstecken und trägt seinen Teil bei, indem es die eingeblendeten Kommandos ausführt, grummelt, surrt, Buhrufe ablässt oder in kollektive Panik verfällt.
Gut 20 mal haben »Captain Retro und die Synchronauten« die Todesfahrt der U-Bahn 123 bereits aufgeführt, und auch für das Frühjahr 2011 stehen bereits weitere Termine fest:
23.03.2011 – Essen
24.03.2011 – Erlangen
25.03.2011 – Baden-Baden
02.04.2011 – Marne
Fazit: Anschauen und legendären Spaß haben!


