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Freitag, 25. Mai 2012 | 02:47

Poliezei - jetzt im Kino!

10.11.2011

»Polizei, Handschellen, Gefängnis. So ist das im Leben.«

Die letzten Dinge bestimmen die Arbeit von Nadine. Die zweifache Mutter und ihre Kollegen sind Beamte der »Polisse«. Die Sondereinheit der Pariser Polizei befasst sich mit Jugendschutzdelikten, die meisten davon Sittlichkeitsverbrechen gegen Kinder. Es ist ein Job, der die rund ein Dutzend Männer und Frauen täglich an ihre Grenzen bringt, physisch und psychisch. Maïwenn hat ihn selbst aus nächster Nähe erlebt. Über mehrere Wochen begleitete die Regisseurin und Co-Drehbuchautorin die Pariser Jugendschutzeinheit bei ihrer Arbeit. Von LIDA BACH

 

Am Ende der Recherche fühlte sie sich der Abteilung so verbunden, dass sie sich als eine von ihnen inszenierte. In der Rolle der jungen Melissa hält Maïwenn die Arbeit des Kommandos in Bildern fest. Der einzige Unterschied ist, dass auf der Leinwand der Fotoapparat und in der Realität die Filmkamera dokumentierte. In Cannes gab es für dafür den Preis der Jury – ob für die Inszenierung oder die hohen Ambitionen, bleibt offen. Ungeachtet der niederschmetternden Thematik und der Tragik der im Drehbuch dramatisierten realen Fälle ist Polisse ein Unterhaltungsfilm. Zumindest versucht die hektische Episodenfolge dies zu sein, so hartnäckig, dass er sich dabei selbst vergreift: nicht nur in den inszenatorischen Mitteln, sondern im Sujet.

 

Die rudimentäre Handlung setzt sich zusammen aus Berufsalltag und zwischen Polizisten, Tätern und Opfern wechselnden Privatszenen, die selbst nur Fragmente bleiben. Von der rumänischen Taschendiebesbande geht es zur Babyentführung, ein einflussreicher Pädophiler bleibt straflos, während eine obdachlose Mutter ihren Sohn zu dessen Wohl ins Heim gibt. Es gibt eine Verwarnung, einen verpatzten Einsatz, eine Scheidung, eine neue Partnerschaft und am Ende springt jemand aus dem Fenster. Den Betrachter lässt all dies kalt, denn die Charaktere sind skizzenhaft auf die Leinwand geworfene Karikaturen. Ihren Mangel an Kontur übertünchen drastische Details, die in ihrer Übermäßigkeit die naturalistische Darstellung Lügen strafen. Aggressionen, Beziehungskonflikte und emotionale Aussetzer gehören für die Truppe von Gewohnheitstrinkern zum guten Ton wie die obszöne Sprache.

 

»Wir finden nichts vulgär oder eklig«, sagt Chrys (Karole Rocher). Das meiste findet sowohl der Film als auch seine Protagonisten komisch. »Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, über schreckliche Dinge lachen zu können«, sagt Maïwenn im Interview. Der Effekt der Mischung von Abstumpfung, Melodrama und krudem Humor ist Geschmacklosigkeit oder unfreiwillige Komik. Die Zurückhaltung ihres Alter Egos Melissa ist nichts für Maïwenn, die ins Handlungszentrum tritt als hässliches Entlein auf dem Weg zum schönen Schwan. Als solcher betört sie ihren Kollegen Fred alias Rapper JoeyStarr, dessen energiegeladene Darstellung neben der des Kinderensembles hervorsticht. Doch das naturalistische Spiel wird unterminiert durch die Unglaubwürdgkeit, die eine Jugendliche Nadine aufzeigt: »Sehen Sie mal fern! Bringen Sie sich auf den neusten Stand!«

 

Das gilt auch dem ehrgeizigen Filmexperiment zwischen Betriebskomödie, Polizeifilm und Missbrauchsdrama, dass an seiner kruden Machart scheitert. Ironie des Schicksals, dass der Vorwurf einer verzerrenden und unvorteilhaften Darstellung Maïwenn in der Rolle der Melissa schon innerhalb des Plots trifft. Wie es in seiner verräterischen Szene heißt: »Das wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei. Aber wir sind sonst nicht so!« Man kann es nur hoffen.

 

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