Am Ende der Recherche fühlte sie sich der Abteilung so verbunden, dass sie sich als eine von ihnen inszenierte. In der Rolle der jungen Melissa hält Maïwenn die Arbeit des Kommandos in Bildern fest. Der einzige Unterschied ist, dass auf der Leinwand der Fotoapparat und in der Realität die Filmkamera dokumentierte. In Cannes gab es für dafür den Preis der Jury – ob für die Inszenierung oder die hohen Ambitionen, bleibt offen. Ungeachtet der niederschmetternden Thematik und der Tragik der im Drehbuch dramatisierten realen Fälle ist Polisse ein Unterhaltungsfilm. Zumindest versucht die hektische Episodenfolge dies zu sein, so hartnäckig, dass er sich dabei selbst vergreift: nicht nur in den inszenatorischen Mitteln, sondern im Sujet.
Die rudimentäre Handlung setzt sich zusammen aus Berufsalltag und zwischen Polizisten, Tätern und Opfern wechselnden Privatszenen, die selbst nur Fragmente bleiben. Von der rumänischen Taschendiebesbande geht es zur Babyentführung, ein einflussreicher Pädophiler bleibt straflos, während eine obdachlose Mutter ihren Sohn zu dessen Wohl ins Heim gibt. Es gibt eine Verwarnung, einen verpatzten Einsatz, eine Scheidung, eine neue Partnerschaft und am Ende springt jemand aus dem Fenster. Den Betrachter lässt all dies kalt, denn die Charaktere sind skizzenhaft auf die Leinwand geworfene Karikaturen. Ihren Mangel an Kontur übertünchen drastische Details, die in ihrer Übermäßigkeit die naturalistische Darstellung Lügen strafen. Aggressionen, Beziehungskonflikte und emotionale Aussetzer gehören für die Truppe von Gewohnheitstrinkern zum guten Ton wie die obszöne Sprache.