Kurz nach Ihrem filmischen Schaffen beginnt auch Ihre Freundschaft mit Thomas Brasch ...
Christian Rüter: Mein erster Film war ´89/´90. Damals war ich Dramaturg an der Freien Volksbühne. Der Regisseur von dem Georg-Büchner-Stück Leonce und Lena hat Thomas eingeladen als künstlerischer Berater mitzudenken. Er wusste, dass Büchner für Brasch eines der großen Vorbilder war. Woyzeck war für ihn ganz oben unter den Theaterstücken oder Dantons Tod. Thomas ließ sich nicht lange bitten. Da habe ich ihn kennengelernt und wir blieben Freunde.
Entstand damals auch die Idee zum Film?
Über ihn einen Film zu machen stand nie richtig auf dem Plan. Ich hab ´99, nach seiner OP die Chance genutzt und gesagt, ich mache einen Bericht für Aspekte: Brasch is back in town. Er hat ziemlich laut geschwiegen, so dass man das Schweigen hören konnte. Ich habe ihn tagelang begleitet und es gefiel ihm. Er war ja auch eitel. Dieses Material ist zum Teil in den Kinofilm eingeflossen.
Brasch ist 1945 in England geboren, erst in die DDR, dann nach Westberlin gekommen und wieder zurückgekehrt in den Osten.
Er war nie heimisch. Es drückt sich sehr schön aus in dieser Geschichte mit dem Pass: dass er Anspruch auf den englischen Pass hatte, den westdeutschen Ausweis schon mal gar nicht wollte und lieber seinen DDR-Pass verlängerte. Der englische Pass gab ihm Sicherheit und die Möglichkeit abzuhauen. Dieses Verfolgtsein, das Unsichere der eigenen Existenz, war ihm deutlichst anzumerken. Die Geschichte von Emigration und Rückkehr hat ihn sein Leben lang geprägt.
Eine interessante Parallele zwischen Vater und Sohn, die im Konflikt standen. Hing Braschs Rastlosigkeit mit seinem Vater zusammen?
Für ihn war das ein lebenslanger Kampf. Er hat jahrelang nicht mit dem Vater gesprochen. Zum Ende, als sein Vater Krebs bekam, wurde er auch sentimental und versuchte anzuknüpfen. Aber es kam zu keiner Öffnung von der Vaterseite her. Der Vater war durchaus stolz, aber es gab keine Möglichkeit des Redens. Das hatten die nicht gelernt. Allein, wenn man sieht wie früh Thomas auf die NVA-Eliteschule geschickt wurde.
War der Vater als Staatsmitarbeiter eine Repräsentationsfigur für den Staat und dessen erzieherische Hand?
Auf jeden Fall. Dadurch, dass er hohe Ämter in der DDR innehatte, war das eine Auseinandersetzung auf einem ganz anderen Niveau. Es gibt einen Brief aus dem Internat, wo Thomas seinem Vater sagt, er möchte Schriftsteller werden und der Vater ihm einen langen Brief zurückschreibt und ihm die Schriftsteller-Existenz verwehrt. Aber das war Thomas schon früh klar, dass er eine hohe Begabung hatte. Es kam das Temperament hinzu, das Querdenkertum, das Alles-in-Frage-Stellen. Seine Mutter hat er sehr geschützt, aber beim Vater war von Anfang an Kampf angesagt und der Vater hat zurückgekämpft. Erst Internat, dann Knast: immer der Versuch zu erziehen, diesen renitenten Burschen zu brechen.
Erst Haft, dann Exil – war Brasch immer gefangen?
Christa Wolf hat das sehr schön gesagt, als sie ihm 1987 den Kleist-Preis verlieh. Kleist ist auch etwas, bei dem ich an Thomas denken muss: »Es ist wohl so, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.« Es gruselt mich bei dem Satz. Ich denke, das hat mit Thomas zu tun: dass ihm auf Erden nicht zu helfen war. Christa Wolf sagte in der Preisrede: »Thomas Brasch ist jemand, der sich auf einem Messer bewegen muss, um vorwärts zu kommen.« Eine scharf aneckende Persönlichkeit mit einem Riss hindurch. Das war ein guter Satz, um seine Existenz zu beschreiben, dieses Anarchisch-Rebellische. Thomas Brasch ist die Ausnahmeerscheinung: eine ständige Herausforderung, ein Stachel im Fleisch.
Er sagte einmal: »Nur, wenn man Schmerzen hat, weiß man, dass man am Leben ist.« Hat ihn eine Art Masochismus in eine Schaffenskrise gestürzt, als der Konflikt verschwand?
Wie er selber gesagt hat: »Die Sprache ist bei mir zum Stehen gekommen.« Solange es die DDR gab, gab es für ihn eine Herausforderung. Nun gab es nichts mehr. Dadurch wurde für ihn das Land schicksalslos. Er hat sich zurückgezogen und fand öffentlich nicht mehr statt. Er war einer, der gesagt hat: »Die Wunde muss offen bleiben. Sie muss weh tun.« Es war eine innere offene Wunde, die er mit sich trug.
Gab es eine gewisse Rohheit in seiner Natur?
Er hat sehr ungesund gelebt. Da waren viele Drogen im Spiel. Er erzählt selber vom Koks und vom Wodka. Der Kabarettist Wolfgang Neuss hat mal zu ihm gesagt: »Thomas, du solltest Joints rauchen, denn du denkst zu schnell. Aber wahrscheinlich nimmst du Koks.« Er hat Öl ins Feuer gegossen und war damit manchmal unaushaltbar.
War Brasch für Sie seiner Zeit voraus oder in seiner Zeit gefangen?
Ein Dichter schafft sich seine eigene Welt, um die reale darin zu spiegeln. Er hat eine eigene Welt geschaffen. Das macht einen großen Dichter aus. Die Kunst ist die Möglichkeit die Welt zu überleben. Eine Devise von ihm fand ich schön: »Künstler oder Krimineller. Anders geht´s nicht.«
