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Freitag, 25. Mai 2012 | 02:53

Sommer der Gaukler - jetzt im Kino!

22.12.2011

Selbstapplaudierende Kostümklamotte

»Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht.« Das Zitat ist eher profan denn universell, doch Weiß auf Schwarz (dem der Leinwand) wirkt es trotzdem vage tiefsinnig. Dass die Worte mehr von Unbedarftheit als Weisheit zeugen, macht nichts. Hauptsache sie stammen von Emanuel Schikaneder, dessen Theatertruppe Marcus H. Rosenmüller begleitet. Weisheiten gehören nicht ins Repertoire des überspannten Bühnenautors und -darstellers (Max von Thun), der sich so selbstgefällig in den Bühnenmittelpunkt drängt wie in den von Rosenmüllers Sommer der Gaukler. Von LIDA BACH

 

Was, schon wieder Sommer? Ist nicht der Sommer in Orange gerade erst überstanden? Schon, aber das war der letzte Film von Rosenmüller, der in Sachen schreiberischer Produktivität das Gegenteil seines Hauptcharakters ist. Letzter plagt sich mit der Komposition eines allumfassenden »Weltentheaters«. Als ein solches gibt Rosenmüller seine Inszenierung aus, vor der sich derselbe rote Vorhang öffnet und schließt wie vor Schikaneders Aufführungen. Überwältigt von so viel Metatext soll das Publikum übersehen, dass das, was dahinter wartet, noch fadenscheiniger ist als der Vorhang. Ob Rosenmüller diese Methode von Schikaneder hat oder umgekehrt, bleibt offen. »Die jungen Leute verwechseln die Bühne und das Leben!«, lamentieren der reale und der fiktive Autor theatralischer Schmonzetten scheinbar aus einem Mund. Am geforderten Realismus scheitert die Truppe, die im Biedermeier zu Hause scheint, obwohl es erst 1780 ist.

 

Es war 1780 und es war in Wien ... – nein! Zwar spielen Popsongs eine gravitätische Rolle in Sommer der Gaukler, aber er es ist nicht in Wien, sondern einem Bergarbeiterkaff an der österreichischen Grenze und Falcos Amadeus erklingt nicht. Dabei rattert die Kutsche Mozarts auf den holprigen Handlungswegen durch das Bauerndorf, wo Schikaneders Ensemble mit dem Filmpublikum darauf wartet, dass es weitergeht. Weder die Truppe noch der Plot gelangen in den Zielort Salzburg ohne ein passables Script. Stattdessen legt Florian Teichtmeister sich ins Zeug, Milos Formans Amadeus zu kopieren, Schikaneder Falcos: »No plastic money, anymore, die Banken gegen ihn. Woher die Schulden kamen waren jedermann bekannt, er war ein Mann der Frauen. Frauen liebten seinen Punk.« Punk fehlt dem selbstherrlichen Selbstdarsteller. Dafür kann er palavern.

 

»Wir machen uns lächerlich.«

Doch weder der unbezahlte Herbergswirt und die unbezahlte Truppe wollen die finanziellen, beruflichen und amourösen Eskapaden länger hinnehmen noch Gattin Eleonore (Lisa Maria Potthoff). »Die kleinen Geschichten verstecken sich«, lektoriert sie: »Man muss Geduld haben mit ihnen.« Belohnt wird die Geduld nach 110 Filmminuten nicht. »Das gibt ja nicht viel her«, kommentiert der ungeschlachte Arbeiter Vester (Maxi Schafroth) dasHandlungsgerüst. Noch einsturzgefährdeter als das ist darum der Stollen, für den die Grubenarbeiter neue Stützbalken fordern. »Der Bergrebell« Vester wird unversehens zur Galionsfigur, die das romantische Gemüt der Tochter des Bergwerksbesitzers ebenso anregt wie Schikaneders Schreibfeder.

 

Die Liebe, von der sein Eröffnungszitat spricht, ist eine physische und die zu sich selbst. Vor allem aber geht sie durch den Magen. Die Protagonisten frönen ständiger Völlerei. Isst man einmal nicht, wird laut nach Essen geschrien; vor allem von der Theatertruppe, die als farbenfrohes Requisit dient. »Das Publikum will a Gaudi und a Fetz«, rechtfertigt sich die Kostümklamotte, die sich permanent selbst applaudiert. »Unverdient, unverdient!«, murrt nicht nur Wallerschenk (Nicholas Ofczarek), Bühnenkollege Schikaneders und Konkurrent um die Liebe von Eleonore.

 

»Ohne Ernst geht die Sache nicht!«, benennt ein Dialogsatz die Crux der Geschichte. Den Ernst begreife man erst, wenn man zuvor gelacht habe, erwidert Schikaneder. Das Problem ist: Man lacht nicht. Die triviale Historie ist ein Meisterwerk an Unkomik und Engstirnigkeit. Mit Freigeistigkeit kokettiert es, um der bürgerlichen Moral treu zu bleiben. Die Universalität der Kunst bemüht es, um ein Exempel zu statuieren für das Unverständnis der Unterschicht, die sinnbildlich eine Last ist für das Bildungsbürgertum. Um mit einem Zitat zu schließen: »So viele faule Eier gibt’s gar nicht.«

 

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