Let Me In - jetzt im Kino!
15.12.2011
...denn das Blut ist das Leben
»Hey, kleines Mädchen, hast du Angst?«, fragt der Bewaffnete mit der Maske. Der in Mark Reeves schmerzvoll-zärtlicher Liaison aus Kinderfilm und Horrordrama ein kleiner Junge vor dem Spiegel ist. Dort spielt der zwölfjährige Owen (Kodi Smit-McPhee) die Mordfantasien gegen die Mitschüler, die ihn terrorisieren. »Würdest du mich noch mögen, wenn ich kein Mädchen wäre?«, fragt Abby (Chloë Grace Moretz), die mit einem gealterten Fremden (Richard Jenkins) in Los Alamos auftaucht, kurz bevor eine Mordserie beginnt. Die mit geisterhafter Lautlosigkeit durch die lyrischen Kameragemälde streift. Die lange Zwölf ist, viel länger als Owen. Und die sein Heim nur betreten kann, wenn er sie einlädt. Von LIDA BACH
Das Übertreten der Schwelle wird zum symbolischen Übergangsritus in die durch die frostige Szenerie gespiegelte Gefühlskälte der Erwachsenenwelt. Im Vergleich zu den brutalen Erniedrigungen von Owens Gleichaltrigen besitzt Abbys Blutdurst anrührende Unschuld. Wie ein kleines Kind hält sie sich den Bauch vor Hunger und würgt selbst ein Bonbon wieder hoch, unfähig eine andere Nahrung zu sich zu nehmen. Läuft sie mit apathischer Determination barfuß durch den Schnee, trägt sie das ausgehöhlte Gesicht eines Junkies, das im Kontrast steht zu dem warm schimmernden Mädchenantlitz. Abby hat zwei Gesichter, von denen keines das wahre ist. Ihre Untrennbarkeit erschafft die mitleiderregende Monstrosität im Kern der filmischen Horrorpoesie.
Ihre Ambivalenz macht Abby zur Geistesverwandten Owens, der schon vor ihrer Bekanntschaft von Messern fasziniert ist und maskiert Schlachtgebärden übt. Obwohl noch Pantomime, stehen sie als unverrückbarer Fixpunkt in der Zukunft der Geschichte. Owens Mittäterschaft beginnt mit dem Zuziehen einer Tür, die er vor einem Opfer Abbys und seiner einstmaligen Zukunft unwiederbringlich schließt. Die passive Komplizenschaft ist die Frühphase der Haupttäterschaft von Abbys bisherigem Gefährten. In der Anfangsszene ist der nur noch ein Körper ohne Gesicht, das er mit Säure verätzt hat. Identitätslos, namenlos wie die übrigen Erwachsenen. Eine leere Stimme am Telefon, ein Passbild in der Brieftasche, Schauobjekte in der Linse des Fernrohrs: Ihre Entrückung macht die Eltern, Nachbarn und Lehrer zu Sinnbildern des Desinteresses.
»Gibt es so etwas wie das Böse?«
Obwohl er das Original streckenweise bis zur einzelnen Szene kopiert, kreiert Let me in ein eigenes, anderes Grauen. Reeves tastet sich durch das Vampir-Motiv an die Ursachen jugendlicher Gewalt heran. Das Beängstigende realer Dämonie inmitten kleinstädtischer Schäbigkeit verdrängt die Furcht vor dem Verlassensein. Alle Bindungen scheinen von ihr motiviert: die des streitenden Nachbarpärchens und der Schläger-Clique in der Schule, von Owens Mutter zu Gott und von Abbys Gefährten zu ihr. Letztendlich auch die Gemeinschaft von Owen und Abby, deren Parasitismus zugleich kaltblütig und unabsichtlich ist. Beide suchen im anderen einen Beschützer, ohne den sie nicht leben können. Beide finden ihn ineinander, wie die Erwachsenen der von pre- und post-teenage angst heimgesuchten Welt in fanatischem Glauben oder den Nachrichtenreden Ronald Reagans.
Weder die stilistische Formvollendung noch das Makabere von Tomas Alfredsons Let the right one in besitzt die Zweitadaption von John Ajvide Lindqists Roman So finster die Nacht. Ihre Abwesenheit erscheint jedoch niemals als Mangel, dank der zaghaften Romantik sich verborgen andeutender Sinnlichkeit und dem leisen Beiklang des Vergeblichen. Den Wunsch nach Zweisamkeit, Behütung und Nähe kann Abbys und Owens Bindung nicht erfüllen. Ihr in Kindlichkeit erstarrter Körper und sein Beutestatus verhindern eine sexuelle Annäherung, während sein Altern ihn Jahr für Jahr von ihr entrückt. Ihre Bindung umgibt ein Hauch des morbiden Liebesopfers aus Shakespeares Romeo und Julia, das Owen liest – einem kindlich-reifen Liebespaar, kaum älter als das der düster-einfühlsamen Symphonie des Grauens.
Titelangaben:Let Me In (USA, Großbritannien 2010)
R: Mark Reeves
B: Mark Reeves
K: Greig Fraser
M: Michael Giacchino
P: Simon Oakes, Alex Brunner, Guy East, Torbin Armbrust, Donna Gigliotti
D: Chloe Moretz, Kodi Smith-Mcphee, Richard Jenkins, Elias Korteas, Cara buono, Sasha Barrese, Dylan Kenin, Chris Browning, Ritchie Coster
116 Min.
Wild Bunch
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