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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:03

 

Elephant

07.04.2004

 
Dead Boys walking

Ein Film, der wiedermal beweist, wieviel Kino leisten kann, wenn ein Regisseur sich Gedanken macht und ein stimmiges visuelles Konzept überlegt, das auch auf der inhaltlichen Ebene gestützt wird.

 

Elephant
USA 2003.
Regie: Gus Van Sant.
Mit Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McConnell u.a.
Kinostart: 8.4.04

Glücklicherweise begegnen uns in der Filmgeschichte immer wieder Regisseure, die uns mit der Entwicklung ihrer kinematographischen Laufbahn überraschen. Die unangenehme Überraschung ist stets, wenn nach einem interessanten Film ein mißlungener, langweiliger daherkommt. Die positive, wenn ein verstoßener, abgehalfterter, an den blanken Kommerz verlorener Filmemacher wie Phoenix aus der Asche in den Arthousehimmel zurückkehrt.Nach "Good Will Hunting" hatten ihn fast alle abgeschrieben, die seine früheren Werke wie "Drugstore Cowboy" oder "My Own Private Idaho" kannten und schätzten. Dann kam die gelungene Appropriation Psycho - für einige ein vorher nie dagewesenes Meisterwerk, für andere eine Blamage und Peinlichkeit. Dann mit "Finding Forrester" wieder feinste, starbesetzte Kinosülze und mit "Gerry" eines der spannendsten und mutigsten Kinoexperimente des neuen Jahrtausends.

Die Rede ist natürlich von Gus van Sant, dessen neueste, überaus gelungene Arbeit "Elephant" - ob zu recht oder nicht in Cannes mit zwei Hauptpreisen ausgezeichnet - den bis dato wahrscheinlich überzeugendsten Spielfilmkommentar zu den Vorfällen in Columbine darstellt.Vielleicht gerade deshalb, weil es van Sant gar nicht so sehr um einen Kommentar und auch gar nicht um die Vorfälle an sich geht: Zwei Kids ermorden eines Tages einige ihrer Mitschüler und Lehrer. Bis auf eine, leider eher überflüssige, Szenenfolge bietet van Sant keinen Erklärungsversuch für die Taten, und es läßt sich auch fragen, ob ihn die Geschichte hinter den Bluttaten in Columbine vordergründig interessiert hat oder nicht eher ein Plot, den er verwoben aus verschiedenen Perspektiven erzählen kann, ohne die Notwendigkeit zu haben, eine klassische Dramaturgie oder gar die Psychologie der Charaktere entwickeln zu müssen.

Vielmehr scheint mir die reine Bewegung, der Akt des Gehens der Protagonisten und die Darstellungen aus verschiedenen Perspektiven eine Inspiration gewesen zu sein - als hätte van Sant wirklich im Thema des Gehens, des Umherirrens einen Topos gefunden, der ihn beschäftigt, ohne dabei dem reinen Manierismus zu verfallen.Während "Gerry" ein Gehen in einem recht kontextlosen Raum zeigt (Affleck und Damon landen in der Wüste, fangen an zu gehen und zu gehen, bis der eine den anderen umbringt), gibt es auch in "Elephant" sehr viel Bewegung - nur hier eingebettet in einen deutlich zu lokalisierenden Kontext (die Highschool) und mit einem klaren Ziel (wenigsten für zwei von ihnen). Aber auch hier steht das Killing am Ende des Films, beziehungsweise des Ganges. Die Korridore der Schule erinnern übrigens sowohl an Kubricks "Shining" als auch an "2001".

"Elephant" knüpft als Variation dort an, wo "Gerry", als gewagtes Experiment, das mit der Räumlichkeit, der Bewegung in ihr und unserer Wahrnehmung spielt, angefangen hat. In "Gerry" irren zwei (bekannte) Schauspieler durch die Wüste. In "Elephant" sind es mehrere junge Darsteller, die durch die Gänge einer Highschool flowten. Aber der Film stellt auch eine formale Weiterentwicklung dar. Während bei "Gerry" noch narrativ stringent erzählt wird, wechseln in "Elephant" die Perspektiven und Zeitebenen. Die Kamera heftet sich ebenso wie bei "Gerry" auch in "Elephant" an die Fersen der Protagonisten und begleitet sie auf ihrem tristen Trott durch die Hallen. Und gerade diese formale Strenge fordert die Zuschauer dabeizubleiben, obwohl die Entwicklung und deren Ausgang bekannt ist.

Am Anfang ist der Zuschauer vielleicht verwirrt, im schlechten Fall auch gelangweilt, weil sich der Regisseur Zeit nimmt, um die Figuren vorzustellen. Ab einem gewissen Moment kommt der Aha-Effekt, man versteht den Aufbau, und von da ist man viel mehr eingebunden. Ein Film, der wiedermal beweist, wieviel Kino leisten kann, wenn ein Regisseur sich Gedanken macht und ein stimmiges visuelles Konzept überlegt, das auch auf der inhaltlichen Ebene gestützt wird.

Nikolaj Nikitin

präsentiert von Schnitt Filmmagazin

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