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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:03

 

Jansens Kino

08.08.2004

Hörkino

Für den SWR erfand der mittlerweile in den Ruhestand entlassene Redakteur Peter W. Jansen eine Reihe, die er „Jansens Kino“ nannte. Darin stellte er in halbstündigen Beiträgen Meilensteine der Filmgeschichte – genauer: der Geschichte des abendfüllenden Spielfilms – vor. Jetzt kann man diese Produktionen auch auf fünfzig CDs mit je zwei Sendungen erwerben.

 

Nirgends drängeln sich so viele Dilettanten wie in der Filmkritik. Wer ein paar Filme gesehen und dazu eine Meinung hat, denkt, wenn er gar noch einen halbwegs korrekten deutschen Satz zu bilden vermag, er eigne sich für das Gewerbe. Die paar wirklich kompetenten Filmkritiker Deutschlands kann man an den Fingern herzählen. Peter W. Jansen ist einer von ihnen.

Für den SWR erfand der mittlerweile in den Ruhestand entlassene Redakteur eine Reihe, die er „Jansens Kino“ nannte. Darin stellte er in halbstündigen Beiträgen Meilensteine der Filmgeschichte – genauer: der Geschichte des abendfüllenden Spielfilms – vor. Jetzt kann man diese Produktionen auch auf fünfzig CDs mit je zwei Sendungen erwerben.

Es mag einem ja zunächst wahnwitzig erscheinen, eine visuelle Kunstform ausgerechnet in einem akustischen Medium abhandeln zu wollen. Aber Jansen entdeckte dafür eine überzeugende Lösung. In einer Montage von Dialogauszügen in Originalfassung und in deutscher Übersetzung, wo das Original nicht deutsch war, von Sprecherpartien und von Musik lässt er die Filme vor dem geistigen Auge des Hörers (wieder)erstehen. Doch Jansen beschränkt sich nicht auf die übliche Erzählung der Fabel, sondern er geht ausführlich auf die Machart der Filme ein, auf Besonderheiten der Kameraführung und der Schnittfolge, des Tons und des Lichts etc. Mehr noch: er fügt Informationen über das historische Umfeld und über Produktionsbedingungen sowie über die Rezeption der Filme ein. Er zitiert Absichtserklärungen und theoretische Positionen der Macher. Und er unterstreicht, was an dem jeweiligen Film neu war, die Entwicklung vorangetrieben hat. So ergibt sich Sendung für Sendung nicht nur ein zugleich unterhaltsames und lehrreiches Panorama, das ganz ohne Tratsch auskommt, sondern auch eine Geschichte der Filmkunst – mit Betonung auf Kunst. Dabei schaut Jansen über die Grenzen des Films hinaus. Auch das unterscheidet ihn von der Heerschar der Dilettanten: die haben von Literatur und Musik, von bildender Kunst und Philosophie noch weniger Ahnung als vom Film.

Die hundert vorgestellten Filme bilden so etwas wie einen Kanon. Nun kann man gegen diesen, wie gegen jeden Kanon, Einspruch erheben, vermisste Titel nennen (mir zum Beispiel fehlen – zum Teil wegen des sachlich nicht begründbaren Prinzips, nur einen Film pro Regisseur vorzustellen – Metropolis und Stagecoach, Sein oder Nichtsein und Key Largo, Hiroshima mon amour und Wilde Erdbeeren, Jules und Jim und Allegro barbaro, Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird und Die Regenschirme von Cherbourg, Alice in den Städten und Der Untergang des amerikanischen Imperiums, Smoke oder Filme von Mike Leigh, Ken Loach und den Tschechen der sechziger Jahre), man kann einen genannten Titel für überschätzt halten, nur eines kann man nicht: über Film reden, ohne seine Geschichte zu kennen. Und die wurde zweifellos von den Filmen geprägt, die Jansen ausgewählt hat. Renoirs Spielregel gehört dazu und Citizen Kane von Orson Welles, Der dritte Mann und Boulevard der Dämmerung, Godards Außer Atem und Resnais’ Letztes Jahr in Marienbad, Bonnie und Clyde und Der eiskalte Engel, Scorseses Taxi Driver und Apocalypse Now. Es geht quer durch das Jahrhundert und die Länder dieser Welt. Ein Schatzkästlein für Cinéasten und Nachhilfe für jene, die meinen, die Geschichte des Films habe mit Indiana Jones begonnen.

Das Vergnügen wäre uneingeschränkt, wenn nicht – ausgerechnet bei Rundfunkaufnahmen – die Tonqualität streckenweise unbefriedigend wäre, und zwar paradoxerweise nicht bei den Tonspuren alter Filme (da nimmt man Rauschen und Knistern gerne in Kauf), sondern bei den Kommentaren.

Thomas Rothschild


Peter W. Jansen: Jansens Kino
Eine Geschichte des Kinos in 100 Filmen
Bertz Verlag
Insgesamt 50 Audio-CDs (auf jeder CD zwei Hör-Essays zu je 30 Min.)
je ¤ 16,90

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