Das Filmfestival Arsenals in Riga
29.09.2004
Zwiebel statt Popcorn
Die Vorteile des Internationalen Film Forums Arsenals in Riga wurden auch bei der zehnten Ausgabe bewahrt. Es sind die Vorteile kleinerer Festivals, die Vorteile, die sich aus der Abwesenheit von kommerziellen Interessen, von dämlicher Werbung und schicken PR-Leuten ergeben. Natürlich würden Filmemacher ihre Filme gerne verkaufen und Verleihe finden. Dafür ist Riga nicht der richtige Ort.
Die besten Satiren schreibt bekanntlich das Leben. Neben dem Frühstücksraum, in dem sich die österreichische Bauernbundjugend und eine deutsche Reisegruppe um die Wette von einem Tisch zum anderen über ihre Sauferlebnisse austauschen und Elvis Presley dazu aus dem Lautsprecher stöhnt, führt eine Treppe zum Tagungsraum des Hotels. Eine Hinweistafel annonciert ein Seminar über „Umweltlärmverhinderung“. Das könnte eine Inszenierung von Augusts Sukuts sein.
Das Internationale Film Forum Arsenals in Riga findet alle zwei Jahre statt. (Das ungewohnte s am Ende des vertrauten Wortes signalisiert im Lettischen das männliche Geschlecht.) Dieses Jahr ging die bislang zehnte Ausgabe über die Bühnen mehrerer Kinosäle. Ursache also, an eine Erfolgsgeschichte zu glauben. Der Name des Festivals verneigt sich offenbar vor einer international geschätzten Berliner Institution. 1986, nach dem Regierungsantritt Gorbatschows gegründet, lebt das Festival nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im unabhängigen Lettland weiter. Unabhängig ist auch das beste Attribut für das Festival selbst. Es kümmert sich nicht um die dominante Position von US-Filmen auf dem Weltmarkt und interessiert sich stattdessen für Filmkunst im engeren Sinn des Wortes. In den ersten Jahren konzentrierte es sich vorwiegend auf Avantgarde. Inzwischen präsentiert Arsenals einen Überblick über internationale Produktionen, die ansonsten kaum eine Chance hätten, das lettische Publikum zu erreichen.
Die politischen Veränderungen haben auch die Funktion des Festivals verändert. In der Sowjetunion wurde Avantgarde als verschlüsselte Formulierung von Widerstand gegen die zentralistische und dogmatische Bevormundung von Kunst rezipiert. Mittlerweile hat das Prinzip des „anything goes“ die soziale Bedeutung von Kunst wie in allen kapitalistischen Ländern verringert. Das ist offensichtlich der Preis für mehr oder weniger demokratische Bedingungen. Aber natürlich ist jeder in Lettland gerne bereit, ihn zu bezahlen.
Und schließlich: die Vorteile von Arsenals wurden bewahrt. Es sind die Vorteile kleinerer Festivals, die Vorteile, die sich aus der Abwesenheit von kommerziellen Interessen, von dämlicher Werbung und schicken PR-Leuten ergeben. Natürlich würden Filmemacher ihre Filme gerne verkaufen und Verleihe finden. Dafür ist Riga nicht der richtige Ort. Stattdessen ist Arsenals ein Treffpunkt für junge und nicht ganz so junge Menschen, die im Kinofilm ein ästhetisches Abenteuer suchen. Das Festival hat bis heute – in Übereinstimmung mit seinem Leiter Augusts Sukuts – seinen anarchischen Charakter bewahrt, der ein wenig an die Tschechoslowakei der sechziger Jahre erinnert, an einen spielerischen Zugang zur Filmkunst, bei dem die Umgebung fast in ein Happening verwandelt wird. Man nehme als Beispiel nur die heurige Abschlussparty, auf der lebende Schafe auftraten, von denen eins an Ort und Stelle geschoren wurde, wo am Buffet junge Zwiebel überwogen und der von einer Bank gespendete Geldpreis schließlich, wie schon in den vergangenen Jahren, nicht an einen „besten“ Film, sondern nach dem Lotterieverfahren vergeben wurde. Dieser Einfall kritisiert implizit die Zufälligkeit mancher Juryentscheidungen und ehrt zugleich alle eingeladenen Filme als gleichermaßen preiswürdig. Zur freundlichen Atmosphäre von Arsenals trägt auch bei, dass es kein Popcorn, dafür aber in allen Kinos geräumige Cafés gibt, in denen man ordentliches Essen bekommt und sich beim Kaffee oder bei einem Schnaps über das Gesehene unterhalten kann. Und wer spät abends noch nicht müde war, der konnte sich in dem einem Kino angeschlossenen Klub umgeben von viel körperlicher Wärme laute Musik anhören.
Neben dem internationalen Wettbewerb, der – wiederum nach einem Berliner Vorbild – Forum heißt, und einem speziellen baltischen Wettbewerb, neben mehreren Sektionen mit Spiel- und Dokumentarfilmen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Thematik, gab es in diesem Jahr eine eigene Serie georgischer Filme zu Ehren von Otar Iosselianis 70. Geburtstag. Der Name dieses Regisseurs kann als programmatisch für Arsenals interpretiert werden.
Die Jury der FIPRESCI, des internationalen Verbands der Filmkritiker, musste sich nicht zur Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber oder zu einem Baltenbonus entschließen, um Laila Pakalniņa für ihren Film Die Pythonschlange ihren Preis zu verleihen. Mit disziplinierter Sparsamkeit, mit strengen Farbbildern entwickelt die Lettin eine äußerlich schlichte Story, die sich unschwer als Parabel begreifen lässt. Denn die Kamera zeigt mehr, als die Aktionen und die Dialoge besagen. An der Oberfläche geht es um eine Schulgeschichte, um eine Schlange, die in einem Schulgebäude verschwunden ist und nun gesucht wird. Aber wenn etwa eine starre Kamera in Halbtotale aus einem Klassenzimmer herausblickt und jenseits der Tür mehrmals Gruppen von Schülerinnen und Schülern erst von rechts nach links, dann von links nach rechts laufen, dann sehen wir auf einer zweiten Ebene das Bild einer Gesellschaft, die hektische Bewegung vortäuscht, wo in Wahrheit Stillstand herrscht. Ob dieser Film jemals in unsere Kinos kommen wird, ist zu bezweifeln. Es sind Abenteuer wie dieses, die Festivals immer kostbarer machen. Arsenals in Riga gehört zu den lustigsten.
Thomas Rothschild