Was bedeutet es, daß im Jahr von „Der Untergang“ die 38. Hofer Filmtage, diesem Treffen des jeweils jungen oder neuen deutschen Films, mit „Napola-Elite für den Führer“ eröffnet wurden? Mit allen Mitteln des modernen Marketings, das dem Reichspropagandaminister Goebbels schon geläufig war, als es das amerikanische Wort für die Verkaufsstrategie von Produkten noch nicht gab, ist Eichingers Un-Film über die letzten Tage im Führerbunker zu einem Kino-Erfolg in Deutschland geworden. Deshalb muß das im selben (Constantin-) Verleih programmierte Kinostück des dreißigjährigen Dennis Gansel nun bis Januar auf seinen Kinostart warten. Es soll, wenn der Rahm vom „Untergang“ abgeschöpft ist, der kommerziellen Erfolgspur mit Nazi-Stoffen folgen.
Angetrieben wird der professionell gemachte Film Gansels von den musikalisch voll aufgedrehten Windmaschinen der Emotionalisierung für ein Melodrama, das in einer märchenhaft aufgesteilten Ordensburg spielt, einer „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ (Napola), in der die Nazis jene Elite erziehen wollten, die nach dem Endsieg über die Welt die versklavten Völker zum Nutzen der „germanischen Herrenrasse“ ausbeuten & führen sollte. Ideologische Indoktrination, männerbündisches Kameradschaftserlebnis, körperliche Ertüchtigung und absolute Disziplinierung waren die Erziehungsmittel für Jugendliche aus allen sozialen Bereichen.
Der 17jährige talentierte Boxer Friedrich wird bei einem Kampf 1942 von einem Napola-Trainer entdeckt und angeworben. Das junge Kraftpaket aus dem Berliner Arbeiterviertel Wedding folgt dem verführerischen Napola-Ruf gegen den Willen des antinazistischen Vaters. So kommt er in eine steil aufragende, isoliert gelegene Burg, in der ihm der Ruf eines Könners vorauseilt, dem nur der letzte Schliff noch fehlt, um der ostpreußischen Ordensburg den Sieg im Boxkampf gegen ihre Potsdamer Konkurrenten zu sichern. Ein proletarischer tumber Tor, dessen letzter Schliff in die Verinnerlichung des nationalsozialistischen Darwinismus besteht: „fanatisch“ & „bedingungslos“ den Gegner „auszuschalten“, also „Fairness“ als „falsches Mitleid“ in sich zu tilgen.
Melodrama auf der Ordensburg
Im Laufe seines „Erziehungsprozesses“ kommen ihm Zweifel an dieser entmenschlichenden Brutalität. Ein gedemütigter „Bettnässer“, der sich opfert und auf eine Granate wirft, wird postum als Held gefeiert, der sensible Sohn eines ekelhaften Gauleiters wählt den Freitod, nachdem er eine nächtliche Jagd der Napola-Schüler auf unbewaffnete jugendliche russische Kriegsgefangene öffentlich als Mord denunziert hat. Als sein Freund Friedrich in einem entscheidenden Boxkampf den finalen Knockout des bereits angeschlagenen Gegners unterlässt und „versagt“, wird er von der Napola wie ein Aussätziger (oder als einziger „Gerechter“) verwiesen. Er hat seine menschliche Würde im letzten Augenblick gerettet – ein dramaturgisch-ethisches Motiv, das sich Ganser und seine Drehbauchautorin Maggie Pesen aus Alan Sillitoes / Tony Richardsons „Einsamkeit des Langstreckenläufers“ (1962) angeeignet haben.
Gansers Film setzt ganz im Sinne eines gefühlswarmen Melos auf die erweckte Menschlichkeit seines jugendlichen Helden, der sich der Zurichtung als skrupellose Kampfmaschine verweigert, welche die älteren Bonzen, Schleifer und Ideologen aus ihm machen wollen. Die fundamentale Inhumanität & Amoralität des nazistischen Systems tritt hier um Umkreis eines die Film-Genres von Boxer- & Internatsfilm kreuzenden pubertären Melodramas hervor – und setzt auf die musikalisch breit untermalte Mitempfindungsfähigkeit eines jugendlichen Publikums. Das Hofer Publikum war davon begeistert.
Von einem „unsichtbaren Krieg, der sich direkt vor unseren Augen abspielt“, handelt auf eine beeindruckend dokumentaristische Weise der Spielfilm „Yasmin“ des 1961 geborenen Schotten Kenny Glennan. Er hat, wie sein weltbekannter Landsmann Ken Loach, mehr als ein Jahr lang im sozialen Milieu pakistanischer Immigranten in einer schottischen Kleinstadt recherchiert, um die islamophobischen Folgen des 11. September 2001 unter Pakistanis in einer schnörkellos und spannend entfalteten Geschichte darstellen zu können: sowohl mit Profidarstellern als auch mit betroffenen Laien. Ein semidokumentarisches Konzept, das Dank der Sensibilität des Regisseurs bruchlos aufging und einen mitreißend sinnlichen Film zustande brachte.
Zwei Kulturen in Gegenwart & Vergangenheit
Die selbstbewusste Sozialarbeiterin Yasmin wird ihr Doppelleben in den zwei Kulturen ebenso aufgeben wie ihr Dealerbruder sein zielloses Herumhängen im Arbeitslosenmilieu. Er wird den Weg nach Pakistan einschlagen und „Märtyrer“ werden, Yasmin sich in keine engen Jeans mehr zwängen, sondern in die Moschee gehen – und ihr sanftmütiger Vater wird am Ende seine beiden Kinder verloren haben. Eine präzise entworfene Familiengeschichte wird durch die repressive Gewalt und den Zynismus der britischen Polizei zu einer Tragödie des Zerfalls und des Rückschritts in die Isolation, den Hass und die Resignation.
Einem historischen Tabu, das noch heute das Verhältnis zwischen der Türkei und Griechenland vergiftet, wendet sich der 1957 in Istanbul geborene Grieche Tasso Boulmetis zu: die Zwangsemigration der Griechen aus der Türkei, bedingt durch die nationalistische Politik des Zypernpräsidenten Erzbischof Makarios in den Fünfziger/Sechziger Jahren, die schließlich zur Teilung Zyperns führte, die erst jüngst wieder zementiert wurde.
Boulmetis geht es um die in Konstantinopel geborenen, in der multinationalen Metropole seit Generationen heimisch gewesenen Griechen, die wie der Filmregisseur als Jugendlicher zur „Rückkehr“ nach Griechenland gezwungen und dort wegen ihres türkisch geprägten Dialekts als „Türken“ geschmäht wurden. In seinem opulent mit technischen Tricks ausgestatteten Film „A Touch of Spice“ („Ein Gewürzhauch“) erzählt Boulmetis anhand der Gewürze des Orients und ihrer Rolle in der griechisch-türkischen Küche eine traurig-süße Familiengeschichte, in der er (mit den Kapiteln: Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise) der verlorenen Kindheit und Heimat am Bosporus nachtrauert.
Magischer Mittelpunkt ist der unvergessene türkischstämmige Großvater, der in Istanbul geblieben ist und wieder einmal nicht zum Besuch zu den emigrierten Verwandten und Freunden gekommen ist. So bricht sein Enkel Fanis zu dem Todkranken auf und trifft dort wieder seine Jugendgeliebte. In großen, tragikomischen Tableaux rund um Essen, Gewürze und Familienkräche beschwört der griechische Regisseur gefühlvoll und opernhaft auslandend – „orientalisch“ eben – seine Nostalgie: als Erinnerung an eine einst möglichen Symbiose der verschiedenen Kulturen am Bosporus. Es ist ein gutes Zeichen, daß sein auf schöne Art sentimentaler Film demnächst auch in der Türkei laufen wird.
Vertreibung aus dem Jenaer Paradies
Der 1972 in Berlin geborene Marco Mittelstaedt berichtet in seinem ersten Spielfilm „Jena Paradies“ von drei Generationen, die in ihren Träumen vom richtigen Leben im falschen gefangen sind, scheitern und doch nicht aufgeben: die alleinerziehende Mutter Jeannette mit ihrem zehnjährigen Sohn Louis, dem sie seine Großeltern vorenthält; dem arbeitslosen Platzwart Harry, dessen Lebensinhalt der Fußballclub ist, wo ihn die Jungen nur noch halbwegs dulden und laufend demütigen; und von dem Holzkünstler Philipp, in den sich glücklos Jeannette verliebt und der doch seine Familie mit Kind und hochschwangerer Frau vorzieht. Es sind lauter kleine, in sich verwobene Lebensgeschichten von Menschen, die wenig oberhalb der Armutsgrenze im heutigen Jena leben und sich durchschlagen – einsam, aber auch auf unspektakuläre Art lebenstapfer; und Mittelstaedt hat diese Geschichten zu einem zarten, bewegenden Porträt von sympathischen Loosern verwoben, die nicht resignieren, sondern ihr Unglück mit Liebe überwinden.
Sibylle Tiedemann ist den Spuren ihres geliebten, wenig älteren Bruders gefolgt, der seine bürgerliche Karriere in den Neunziger Jahren hinschmiss und immer wieder sich im Herkunftsland seiner Heimatvertriebenen-Familie, in Estland verkrochen hat – bis die Schwester eines Tages von seinem überraschenden Tod dort erfuhr. War es ein natürlicher Sturz des Betrunkenen von einer Leiter oder war es ein vertuschter Raubüberfall auf den Einzelgänger? Tiedemanns Dokumentation „Estland, mon amour“ ist eine persönliche Recherche, der immer mehr die kriminalistische Mutmaßung entgleitet und sich der einsamen Landschaft und den vielen, freundlichen Menschen zuwendet, die sich an ihren Bruder, diesen seltsamen Heiligen aus Deutschland, mit Liebe und unverkennbarer Zuneigung erinnern. Der Bruder, der aus Deutschland und der Familie geflohen war, muß dort in den Wäldern, an den Seen und der Ostsee, so glücklich gewesen sein, wie ein mit Vorsatz aus der „geschäftigen Welt“ Gefallener. Er gleicht solipsistischen Figuren aus späten Peter-Handke-Romanen.
Eine pfiffige Frau unter Afghanen
Die 35jährige Stuttgarterin Suzana Lipovac hat ihre Industrie-Karriere an den Nagel gehängt und sich, nach Hilfstätigkeiten in Bosnien (woher ihre Eltern stammen) nun als Managerin einer Hilfsorganisation nach Afghanistan begeben, um dort Ambulanzen und Schulen aufzubauen. Zentrierte Sibylle Tiedemann ihre Recherche um eine Leerstelle, den toten Bruder, und fand sie die Spuren seiner Anwesenheit in den Erinnerungen seiner Freunde, so zentriert der 1974 in Aschaffenburg geborene Jochen Frank mit seiner Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg seine Dokumentation um die Leiterin der deutschen Hilfsorganisation, die er bei ihren Aktivitäten begleitet. Es ist eine ungemein couragierte, witzige, listige, zähe und humorvolle Person, die sich von den größten Herausforderungen erst so recht angesprochen fühlt, wenn es z. B. in unsichere Gegenden geht. Als Ausländerin und Frau sucht sie die riskante Gratwanderung mit ihren Widerparts: den machistischen Männern und Mullahs – und man(Mann) bewundert ihre Delikatesse & ihr Raffinement im Verhandeln, Abweisen und Entgegenkommen beim mühseligen Umgang mit den „Afghanen“, die „nicht flirten“.
Der Filmtitel „Afghanen flirten nicht“ zielt nicht auf das erotische Spiel, sondern darauf, daß die afghanischen Männer dieser Frau aus der Fremde (selbstverständlich mit wechselnden Kopfbedeckungen) nicht in die Augen sehen. Aber sie versteht es dennoch, mit Charme die deutschen UNO-Soldaten und mit Palaver die afghanischen Männer um den Finger zu wickeln, um dort die kürzesten bürokratischen Wege zu den Hilfsgütern zu finden und da eine Schule für Jungen & Mädchen einzurichten, die revolutionär ist innerhalb der traditionellen Lebenswelten, in die sie vorstößt. Jochen Frank hat Suzana Lipovac mit seinem Kameramann Dietmar Ratsch auf eine erstaunlich selbstverständliche Weise bei ihren Reisen & Gesprächen begleitet und ihre beiseite gesprochenen ironischen, kommentierenden Bemerkungen als Würzstoffe in seine Dokumentation aufgenommen. Respekt, Respekt!
Das kann man leider nicht von „Andiamo“ sagen, einem Versuch des 1942 in Frankfurt a. M. geborenen Thomas Crecelius, anhand eine Gruppe von Jugendlichen in der sizilianischen Barockstadt Noto über Dableiben oder Weggehen, Tradition und Moderne einen „Abschied vom alten Europa“ zu dokumentieren. Es fehlt dieser „Dokumentation“ ohne Originalton an Struktur und Stringenz, nie weiß man, ob sich die jungen Leute, die Crecelius zu seinen Seismographen erwählt hat, spontan sich selbst darstellen oder doch eher ihre Rolle vom Blatt nachspielen. Eine falsche, fade Poetisierung durchzieht den Film, dessen erzählerische Momente nicht entfaltet, dessen dokumentarische Aussagen vage bleiben – eine fahrige deutsche Mischung von Fellinis „I vitteloni“ und Pasolinis dokumentarischer Recherche „Comizi d´ amore“.
Ein Road-Movie wie von Jean Paul
Einem anderen Frankfurter, dem 1969 geborenen Cyril Tuschi, ist dagegen ein über weite Strecken hinreißend komisches und spielerisch mysteriöses, zart surrealistisches Road-Movie gelungen: „Sommerhundesöhne“. Zwei Exzentriker – ein Muttersöhnchen (Fabian Busch) und ein rabiater Macho (Stipe Erceg), der sich wie ein Gangster des riesigen Wohnmobils bemächtigt, in dem das Muttersöhnchen auf seine bei Ikea einkaufenden Eltern wartete –kutschieren im Wohnmobil von Berlin bis nach Tanger. Es ist eine wüste, komische, phantastische Reise, auf der sich noch andere merkwürdige Figuren einfinden, die beiden Helden das Wohnmobil verlieren und wiedererobern, in einer Italo-Western-Geisterstadt stranden und in Afrika die Oase nicht finden, die sie suchen – aber die Zuschauer dabei mit einer Fülle von komischen, grotesken und sentimentalen Einfällen Bekanntschaft machen können. Ein außergewöhnlich spielerischer, abenteuerlich verrückter Film.
Wenn in Hof, der Jean-Paul-Stadt, ein Preis mit diesem Namen zu vergeben wäre, so würde ich behaupten, daß ich schon lange keinen eigenwilligeren deutschen Film gesehen habe, der ihn wie Cyril Tuschis „Sommerhundesöhne“ verdient hätte.
Bleibt nur noch zu erwähnen, daß die 38. Hofer Filmtage mit ihren über 60 Filmen gegenüber dem letzten Jahr ihren Zuschauer-Zulauf um mehr als 10 % gesteigert haben. Was für ein „Lebenswerk“ von Heinz Badewitz, der das Festival seit seinem Beginn und damit wohl länger als jeder andere Filmfestivalleiter auf der Welt unter seinen Fittichen des Enthusiasmus für das Kino hat. Ad multos annos, Heinz!
Wolfram Schütte