1.
Wie kein zweites deutsches Filmfestival hat sich das von Mannheim-Heidelberg dem Autorenfilm verschrieben und dessen „Newcomern“. Der Festivalleiter Michael Kötz: „Wir sind süchtig nach Geschichten, guten Geschichten. Sie sollen wahr sein, oder wenigstens wahrscheinlich. Aber wir wollen auch, daß jemand dahintersteht. Wir wollen, anders gesagt, den Einzelnen erkennen, den Blickwinkel, seine oder ihre Sicht der Dinge. Durch die Geschichte, die jemand erzählt, soll er selbst sichtbar werden. Vielleicht, weil wir wissen, daß jeder Mensch nicht nur eine Geschichte
hat, sondern diese Geschichte auch ist, ein geschichtetes Leben verkörpert. Deshalb: erst, wenn wir die Geschichte kennen von jemandem, haben wir ihn kennen gelernt“.
Deshalb gehört das anschließende Gespräch nach den 22 Wettbewerbsfilmen, den 18 „Internationalen Entdeckungen“, den 5 Filmen der „besonderen Reihe“
substantiell dazu, damit die Regisseure, Produzenten oder Schauspieler den Zuschauern als Gesprächspartner präsent sind. Das ist, vorallem für die vielen Debütanten, eine gute Erfahrung, weil man mit dem Mannheim-Heidelberger Publikum in Kontakt kommt; und für das Publikum, weil es die „Macher“ befragen und sich Eindrücke sammeln kann von den Menschen, die „hinter“ den gesehenen Filmen stehen: Individuen, Künstler, Mit-Menschen.
2.
Es war eine schlüssige Idee, die jährliche Auszeichnung als „Master of Cinema“ diesmal gleich zweimal zu verleihen: an die deutschen Autorenfilmer
Edgar Reitz und
Wim Wenders. Weil der 75jährige Reitz nach jahrelangen Kämpfen jetzt seine „Heimat 3“ fertiggestellt hat und Wenders, der im nächsten Jahre 60 Jahre alt wird, mit seinem jüngsten Film „Land of Plenty“ einen Zustandsbericht von der desolaten politischen Situation seiner imaginativen Wunschtraum-Heimat, den USA, gegeben hat: deshalb war die Doppelauszeichnung höchst angebracht. Das Festival zeigte, in einem Akt des emphatischen Enthusiasmus´, jenen über 50 stündigen Geschichten- & Geschichtskranz, den Reitz seit 1981, mit zeitlichen Unterbrechungen, wechselnden Partnern und Schauspielern, in 30 Teilen von 1919 bis 2000 geflochten hat; und von Wenders den knapp fünfstündigen „Director`s cut“ von dessen weltumspannenden Road-Movie „ Bis ans Ende der Welt“.
Symptomatisch, zu bemerken, daß bei Reitz´ Ehrung der Saal des Mannheimer Stadthauses nicht voll und auch die sonst dominante Jugend spärlicher vertreten war, während Wenders von dem jugendlichen Publikum wie ein, um nicht zu sagen:
als Popstar gefeiert wurde.
Symptomatisch nicht für die Bewunderung, sondern für die Bekanntheit der beiden. Reitz, der dem Fernsehmedium die umfänglichste epische Erzählung aus der deutschen (Provinz-) Geschichte geschenkt hat, ist längst nicht öffentlich so präsent wie Wenders, dessen Oeuvre sich
nur im Kino entwickelt hat. Mannheim-Heidelberg bot nun den Jüngeren seiner Besucher die hochherzige Chance, den seriellen Film-Erzählepiker Reitz mit seinem monumentalen Lebenswerk kennen zu lernen: ein „Platschen in Geschichten“ (um ein Wort des literarischen Epikers Alfred Döblin zu variieren), aus denen auch etwas, wenn nicht gar
etwas Entscheidendes erfahren ließ: nämlich über Edgar Reitz´ Wandel des ästhetischen Umgangs mit seinen Stoffen, im Verlauf der zwanzig Jahre, die Reitz mit ihnen verbrachte; über die Veränderungen des Blickwinkels auf die deutsche Geschichte, die sich ja auch radikal umgestürzt hat seit 1989; und schließlich über die abnehmenden künstlerischen Möglichkeiten eines Autorenfilmers beim „öffentlich-rechtlichen“ Fernsehen.
Wie stark die Zwänge bei der ARD geworden sind, die nur widerwillig & halbherzig Reitz die 2. Fortsetzung seines Geschichten- & Geschichtszyklus erlaubt hat, ist schon daran zu erkennen, daß die TV-Zuschauer die „Heimat 3“ nur in einer um 2 Stunden gekürzten Fassung zu sehen bekommen werden: weil das „Programmschema“ es verlange. Wenn es aber z.B. zu Verlängerungen bei Fußball-Übertragungen kommt, „gilt“ das Programmschema allerdings nicht mehr als „heilige Kuh“ der ARD, woraus ersichtlich ist, was für die öffentlich-rechtlichen Oligarchen wirklich zählt. Wobei man hinzusetzen muß, daß Reitz, der seine „Heimat 3“ geschlagene sieben Jahre unter demütigensten Umständen bei der ARD „wie sauer Bier“ anbieten mußte, den sechsteiligen Film nicht hätte realisieren können, wenn ihm nicht der duodezfürstliche Druck des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Beck schließlich doch noch dazu verholfen hätte. Dafür durfte der Mainzer Gönner auch leibhaftig in einer Episode dabei sein.


Szenen aus
Heimat von Edgar Reitz (links)
Land of plenty von Wim Wenders (rechts)
3.Filmfestivals wie das von Mannheim-Heidelberg sind nicht nur für gestanden deutsche Kino- & Fernsehfilm-Veteranen wie Edgar Reitz & Wim Wenders Oasen retrospektivischer Versicherung und Anerkennung ihrer Lebenswerke; auch für das Weltkino, das bei uns heute keine Chance mehr hat, weder bei den Verleihern noch im Fernsehen, dem einheimischen Publikum vor Augen & Ohren zu kommen (wenn es nicht annonciert, auf Anhieb & absehbar die Kassen zum Klingeln bringen zu können), ist Mannheim-Heidelberg ein Ort, wo die Besucher individuelle und kollektive kulturelle und politische „Erfahrungswelten“ betreten können – abseits, jenseits des eindimensionalen Mainstreams.
Dieses Jahr bot das Festival mit seinem Wettbewerb, auf dem Premieren liefen, und seinen „Entdeckungen“ und „Besonderen Filmen“, die andernorts den Veranstaltern aufgefallen waren und gefallen haben, einen besonders reichen Anschauungsunterricht für eine erzählerische und stoffliche Vielfalt von Lebensgeschichten zwischen Stavanger in Norwegen und Luanda in Afrika, Montreal in Kanada und dem Libanon, in New York, Paris, Berlin, Moskau oder Tokio usw.
Eine reich gedeckte Tafel für lokale Kinofreaks und Cinephile also wurde hier vom 18. bis 27. November aufgebaut – und klug vom Festival war es, das Programm aus allen Ecken der Welt nach übergreifenden thematischen Gesichtspunkten (wie z.B. „Liebe und Anderes“, „Kriegszeiten und Lebenszeiten“, „Keine Grenzen. Wohin?“ oder „Auf Leben und Tod“) so zu strukturieren, daß die Besucher nicht nur nach Lust & Laune ihrer Präferenzen auswählen, sondern auch Vergleichsmöglichkeiten erproben konnten.
Denn natürlich kann keiner, bei Strafe einer nachhaltigen Abstumpfung, alle Angebote wie Schnäppchen ergreifen und sich damit vollstopfen; jeder kann, soll,
muß sich sein Programm zusammenstellen – und da ist es eben hilfreich zu wissen, was einen thematisch erwartet. Der Erfolg dieser Mammut-Show beim Mannheim-Heidelberger Publikum, das ohnehin die Möglichkeit hat, die Filme an beiden Veranstaltungsorten in 8 Kinos zwischen drei- und fünfmal zu sehen, dürfte nicht zuletzt durch diese hilfreiche Möglichkeit zur persönlichen Programmierung gefördert werden.
4.
Auffällig, wenngleich nicht überraschend (aber denn doch wieder erstaunlich) war die Vielzahl von Filmen von oder über Emigranten im fremden Land. Wer durch unsere oder überhaupt durch westeuropäische Städte geht, die Augen und Ohren aufhat, kann ja nicht übersehen, daß es nirgendwo noch eine ethnische, kulturelle Homogenität gibt. (Schon gar nicht in Mannheim, wo der Weg vom Stadthaus & Festivalzentrum über den Marktplatz zu zwei anderen Kinos direkt durch ein türkisches „Kreuzberg“ zwischen dem gigantischen Schloß und dem kanalisierten Neckar führt).
Die Emigranten und deren Kinder, die Filme machen und sich dabei ihrer wechselnden, schizoiden Identitäten versichern, haben eben etwas zu erzählen, weil sie in prekären, existentiell herausfordernden Situationen leben. An sozialen Reibeflächen entzünden sich Tragik & Komik, an familiären Erinnerungen und Phantasien, Ängste und Hoffnungen – Fragen nach dem Was bin ich?, Woher komme ich?, Wohin gehe ich?
Die Internationalität vieler Filmcrews und ihrer Geschichten hat jedoch nichts, wie im Fußball oder dem Big Business der Filmindustrie, mit ausgewiesenen fachlichen „Leistungsträgern“ zu tun. Denn in den hier laufenden Produktionen handelt es sich um Debüts und kleine Filme, in denen die Autoren von sich sprechen, ihren Lebens- & Erfahrungsmilieus; und ihre Arbeitsmöglichkeiten wie ihre Filme reflektieren eine soziale Situation, die ethnisch hybrid ist.
So hat der
niederländische Autorenfilmer
Hans T. Henkes mit einem
türkischen Kameramann und
russischen Laien und Schauspielern in seinem Abschlussfilm der
Berliner DFFB („Gespenster“) von einem kleinkriminellen Gangstertrio zu erzählen, das einen russisch-jüdischen Mafioso entführt, um vergeblich von dessen Clan Lösegeld zu erpressen. Eine etwas langatmig inszenierte, überwiegend in brandenburgischem Niemandsland angesiedelte traurig-komische, tödlich endende Lebenskatastrophe, ganz & gar in Russisch, von Ferne stimmungshaft an Truffauts „Schießen sie auf den Pianisten“ erinnernd. Oder der nach Tschechien der Liebe wegen emigrierte isländische (!)
Bökur Gunnarsson, Absolvent der Prager Filmakademie, wagt sich mit Erfolg an eine skurrile Komödie unter seinesgleichen Film-, Musik- & Theaterleuten („Bitterer Kaffee“). Neben den tschechischen Schauspielern treten kroatisch-finnische und eine Ägypterin auf, die alle zusammen die vollkommen verfallene Schule auf dem Lande für ein turbulentes Wochenende besuchen, die mittlerweile Ausländern gehört. Hier hatten einige der jungen Leute einmal ihre Jugend verbracht. Eine Liaison geht dabei übers Wochenende zu Bruch, ein versponnener Bücherleser wird zum Liebhaber und ein arbeitsloser schlechter Schauspieler bekommt am Ende ein Engagement. Das alles wird mit hrabalschem Humor und bittersüßem, romantischen Realismus wie von einem gut gelaunten Renoir munter erzählt – als wäre dieses Bohème-Ensemble im Prag unserer Tage das Selbstverständlichste von der Welt.


Szenen aus
Prisraki (Gespenster) von Hans T. Henke (links)
Bitter coffee von Börur Gunnarsson (rechts)
5.
Überhaupt die Komödien! Allein drei (davon zwei Debüts) in diesem Genre kamen in Mannheim aus Norwegen (!), wobei
Tore Ryghs „Alt for Egil“ den originellsten, seine Kollegin
Annette Sjursen mit „Mein eifersüchtiger Friseur“ den komischsten und die bereits etablierte
Mona J. Hoel mit „Wir fliegen zu wenig“ den turbulentesten Film in den Wettbewerb schickte. Dem Leadsänger einer norwegischen Band, Tore Rygh, ist deshalb die kurioseste, leichtfüßige Komödie gelungen, weil er seine drei geistig behinderte Helden auf einen phantastischen Parcours schickt und sein Melodrama auch Züge eines Musicals integriert, in dem ein Song nicht nur die Geliebte aus dem Koma erweckt, sondern auch einen Lebensmüden zu seinem Liebesglück verhilft.


Szenen aus
Alt For Egil (Das ist das Lied für dich) von Tore Rygh (links)
Min Misunnelige Frisör (Mein eifersüchtiger Firseur) von Annette Sjursen (rechts)
Ohne Märchenmotive sind die kleinen & großen Lebenskatastrophen nicht zu bewältigen – was auch für die erstaunliche Gratwanderung
Srdan Koljevics in „Der graue Lastwagen ist rot“ zutrifft. Der in Sarajewo geborene und wie Emir Kustorica heute in Belgrad lebende Drehbuchautor und Regisseur läßt in seinem absurd-grotesken Road-Movie (& Spielfilmdebüt!) eine schwangere, kratzbürstige Rocksängerin aus Belgrad und einen farbenblinden Lastwagenfahrer aus Sarajewo quer durch die Linien des 1991 aufbrechenden Bürgerkriegs in Jugoslawien fahren. Dabei wird die reale Lebens-Bedrohung des seltsamen Paares in dem Mercedes-Truck
nicht folkloristisch
entschärft: der tumbe Tor wird sogar am Ende der abenteuerlich-absonderlichen Reise durch Mord & Totschlag von einem Panzergeschoss samt seinem geliebten Lastwagen in die Luft gesprengt; aber die Liebe besiegt auch hier in einem Nachspiel den Tod – in einem serbischen Film von heute, der den Alptraum der gewesenen Realität ebenso unbeschönigt als Wahnsinn beschwört, wie er ihn im utopischen Traum der Versöhnung durch Liebe – verabschiedet.


Szenen aus
Salto, sakmiakk og kaffe (Wir fliegen zu wenig) von Mona J. Hoel (links)
Kamion Crvene Bose (Der graue Lastwagen ist rot)
von Srdjan Koljevic (rechts)
6.
Der Bürgerkrieg, die Vertreibung und Emigration: nicht als roter Faden sondern als Blutspur zogen sie sich durch eine Reihe von Filmen in Mannheim-Heidelberg. Der Italiener
Giancarlo Bocchi, ein Journalist, erzählte in „Nema Problema“ („Keine Probleme“) parabolisch von den Schwierigkeiten der Journalisten in den Balkankriegen, aus vorderster Front von der Wahrheit zu berichten – und wie ihre Berichte zurückwirken auf die Realität, in der sie sich aufhalten. Der Angolaner
Zézé Gamboa beschreibt die demütigende Odyssee eines „Helden“ (so der Titel seines gradlinig erzählten Debütspielfilms), eines beinamputierten, dekorierten Kriegsveteranen, in der desolaten Nachkriegszeit seines Landes eine Beinprothese & Arbeit zu finden, während die politische Klasse aus seinem Schicksal Kapital schlägt und die vaterlosen Kinder sich nur mit Kleinkriminalität behaupten können.Mit subtilen ästhetischen Mitteln setzt die Dokumentaristin
Margarida Cardoso in ihrem ersten langen Spielfilm „A Costa dos Murmúrios“ einen großen Roman ihrer portugiesischen Landsmännin Lidia Jorge in ein cinéastisches Kammerspiel von Erotik, Gewalt, Lüge und Depression um. Ihre Heldin, die aus Lissabon kommend eben in Mosambik ihren in der Armee dienenden Jugendfreund geheiratet hat, wird in der Agonie des portugiesischen Kolonialimperiums gewahr, wie verheerend der Krieg gegen die Guerilla im Dschungel die Psyche ihres eben angetrauten Mannes schon zersetzt hat – und wie die Hauptstadt am Meer bereits im langen Schatten des kommenden Untergangs liegt. Während ihr Mann als Offizier monatelang im Innern der ostafrikanischen Kolonie bestialisch kämpft, läßt sie sich mit einem Geheimdienstmitarbeiter ein, weil sie der Journalist, den sie zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung aufgefordert hatte, erotisch gereizt hatte. Ihr Mann, impotent aus dem erfolglos verlaufenen Kriegs-Unternehmen zurückkehrt, erfährt er von ihrem „Verrat“ und wird beim „Russisch Roulette“ mit dem Rivalen getötet und wenige Tage später als Leiche vom Meer angeschwemmt.Es ist die atmosphärische Dichte in der Beschreibung der Trance, in der Mosambik befangen ist, der an Cardosos Film besticht.
Szenen aus
Nema Problema (Keine Probleme) von Giancarlo Bocchi (links)
O Herói (Der Held)
von Zézé Gamboa (rechts)
Szene aus
A Costa dos Murmurios (Die stille Küste) von Margarida Cardoso
Der im Libanon geborene, jetzt in der kanadischen Emigration lebende
Wajdi Mouawad hat einen anderen ästhetischen Weg gewählt, um seine libanesische Heimat zu beschwören: den des Traums, der surrealen Phantasie (in „Littoral“). Der Versuch, den Leichnam seines eben im kanadischen Winter selbstmörderisch erfrorenen Vaters in seiner libanesischen Heimat zur letzten Ruhe zu betten, stößt auf eine Vielzahl von familiären und politischen Widerständen, die bis ins Makabre reichen – jedoch diese große filmische Poem über die endgültig verlorene Heimat zu außerordentlichen Bilderfindungen und Traumsequenzen animieren. Ein tragischer Trauerfall, in dem brutale Gegenwart und nostalgische Erinnerung in einander übergehen und zu einem bewegenden Memorial über die Ortlosigkeit selbst der Toten und die Isolation der Emigranten wird: eine Reise durch ein fremdes Heimatland. Nur das Meer hat Erbarmen und nimmt den Vertriebenen zuletzt auf.
7.
Aber der Krieg findet auch mitten in unserer Konsum-Gesellschaft statt, z.B. zwischen den Alten und den Jungen. Es werden davon bald noch manche (auch deutsche) Filme erzählen. Im diesjährigen Programm des 53. Internationalen Filmfestivals von Mannheim-Heidelberg war es aber ein Japaner, der zu einer det großen „Internationalen Entdeckungen“ dort in den späten Novembertagen wurde.
Toda Hiroshis „Shunsetsu“ („Schnee im Frühling“) beschreibt mit einer fast dialoglosen Lakonie, akustischer Präsenz und einer asketischen Bilder-Strenge, die an Bresson oder Straub oder auch weniger europäisch: an Wim Wenders´ „Schutzheiligen“, den japanischen Regisseur Ozu, erinnert: eine in enggedrängter Wohnung lebende Kleinfamilie von Vater, Mutter, Tochter. Sie leiden unter der Gegenwart des eben verwitweten Großvaters, offenbar eines Bauern, den sie aufgenommen haben, der aber in seiner sprachlosen, unansprechbaren Senilität, triebhaften Fresssucht und Vagabondage vorallem seine Schwiegertochter zur Verzweiflung treibt. Eines Nachts stielt sie sich mit ihrer Tochter davon, und ihr Mann, in seinem hilflosen Zorn, fährt daraufhin mit dem senilen Vater in ein Hochgebirge und setzt ihn dort im fallenden Schnee aus – ein rituelles Verhalten, das in manchen bäuerlichen Gegenden Japans einmal Ritual war. Auf dem Rückweg hält der Sohn, der seinen Vater zum Tod durch Erfrieren verurteilt hat, im Wald an, als er ein Mädchen sieht, die einsam auf ihrer Geige ein Lied spielt. Er folgt ihr – und Hiroshis Film gleitet aus der Realität in den Traum, der einem Fall aus der Gegenwart in eine aus Archaik und Moderne gefügte Zeitlosigkeit gleicht, einer klösterlichen Einkehr zuerst, dann aber einer Brutalität, deren Opfer der Zeitreisende zuletzt selbst werden könnte.


Szenen aus
Littoral (Das Meer und die Zeiten) von Waijdi Mouawad (links)
Shunsetsu (Schnee im Frühling)
von Hiroshi Toda (rechts)
Diese Traumsequenz läßt aber eine allegorische Eindeutigkeit nicht zu, sie bleibt offen, poetisch, traumlogisch: gewiß aber ein appellativer Ruf des Gewissens, das den Ritualmord des Alten als archaisch und inhuman abweist – und den aus dem rätselhaften Alptraum erwachten Sohn zurück zum Vater schickt, der aber nicht zur eingeschneiten Leiche wurde, sondern munter und fröhlich unter den Schneeflocken tanzt. Großes, ruhiges, lang- und tief durchatmetes Kino.
8.
Höchst wünschenswert, wenigstens diesen großen Film (wenn schon nicht zahlreiche andere in Mannheim-Heidelberg), in unseren Kinos oder dann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch einmal oder überhaupt sehen & hören zu können. Was für ein
zutiefst hoffnungsloser Traum eines deutschen Kinogängers! Nein: immer weniger werden sie uns in unseren Filmtheatern und Sendeanstalten von den reichlich existenten, aber verborgenen Schätzen des aktuellen Weltkino-Geschehens zu Sehen & zu Hören geben. Da sie uns nichts mehr heranholen, was unseren Erfahrungshunger
sättigt, statt ihn mit Fastfood
abzuspeisen, werden wir reisen müssen – wie wir ja auch in ferne Länder reisen (ohne dort doch wirklich, nämlich
nicht als Touristen, anzukommen). Vielleicht wird es Zeit – so absurd das natürlich ist, resp. wäre –, daß man sich als Filmliebhaber auf die Socken macht und sich z.B. in Mannheim für 8 Tage einquartiert und dort seine Kinoreisen rund & „Bis ans Ende der Welt“ macht – nicht nur mit Wim Wenders´ gleichnamigen längsten Road-Movie und Edgar Reitz´ umfänglichsten epischer Filmerzählung der Kino- & Fernsehgeschichte: auf der Suche nach der Heimat, die uns nur im Kino „vorscheint“, so daß wir, wenn´s hoch kommt, wirklich einmal glauben können, wir seien für glückliche Momente in ihr gewesen.
Wolfram Schütte