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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:05

 

Licht meiner Augen

23.12.2004


Der Himmel über Rom

Giuseppe Piccionis preisgekröntes Kammerspiel für Einsame, „Licht meiner Augen“, kommt mit mehrjähriger Verspätung in deutsche Kinos.     

 

Wie kann es nur sein, daß ein so außergewöhnlicher Film wie Giuseppe Piccionis „Licht meiner Augen“, dessen zwei Hauptdarsteller auf dem Filmfestival von Venedig im Jahre 2001 den Darstellerpreis gewonnen haben, erst jetzt in unsere Kinos kommt? „Unsere Kinos“? Nein: nur in wenige, in die wenigen, die es noch gibt, die Filme wie diesen zeigen. Zeigen können dürfen, weil der mutige Schwarz Weiss Filmverleih in Bonn ihn in der Originalfassung mit Untertiteln und synchronisiert anbietet.

Ermutigt wurde der deutsche Verleih dazu, weil er schon einmal mit einem Film Piccionis, dem 1999 entstandenen „Nicht von dieser Welt“, immerhin über 100.000 Besucher in deutschen Kinos begeistern konnte. Es sollte – wenn es eine Filmkritik noch gäbe, die dafür trommelte, und Zuschauer, die Grund hätten, ihr Vertrauen zu schenken – mit dem „Licht meiner Augen“ erst recht gelingen.

Denn es ist ein raffinierter Film und ein einfacher, beides zugleich. Er beginnt geheimnisvoll und endet offen. Dazwischen ist er wunderbar. Ein professioneller Chauffeur streift mit seiner Mercedes-Limousine ziellos durch eine italienische Großstadt im Spätherbst. Beinahe hätte er abends ein kleines Mädchen überfahren, das vor sein Auto rennt, auf der Suche nach einer entlaufenen Katze. Er spricht mit ihr sanft, freundlich, liebevoll. Als kurz darauf die Mutter, eine junge Frau, auf ihrem Motorroller hinzukommt, kann man die Angst sofort in ihrem Gesicht lesen: was macht die Tochter um diese Zeit auf der Straße, was will der Typ im Luxuswagen von ihrem Kind? Sie muß es in Sicherheit bringen, mißtrauisch, gehetzt, abweisend.
So lernt Antonio (Luigi Lo Cascio), der Chauffeur, die allein erziehende Maria (Sandra Ceccarelli), eine Ladenbesitzerin für Tiefkühlkost, zufällig kennen. Kennen? Sie sehen einander, sie ihn abschätzig & mißtrauisch, er sie mit Interesse, einem Anflug von Zuneigung und Sympathie. Sie wissen nichts von einander – und wir als Zuschauer?

Ein außerirdischer Engel ohne Flügel

Zu uns als Zuhörer spricht Antonio im off. Er rezitiert immer wieder Teile eines Textes, der von einem Außerirdischen handelt, der sich in der galaktischen Fremde aufhält und der sich „freut, schon bald wieder auf die Erde zurückkehren zu können. In der Ferne sah er ein Raumschiff, das gerade im Begriff war abzuheben. Und er dachte an den sonnigen Morgen im Garten seines Hauses...“ Der schwermütige Sehnsuchtstext, in dem „Morgan“, so heißt der, von dem hier gesprochen wird, sich nachhause sehnt („Nachhause“ wünscht sich ja auch am Ende flehentlich „E.T.“), legt sich über die Bilder des Mercedes-Fahrers, von dem wir bald darauf erfahren, daß er zu einer Gruppe von Chauffeuren gehört, die von einer Zentrale für Privatfahrten reicher Leute vermittelt werden.

Es gelingt Piccioni schon mit diesem Beginn, die schwebende Leichtigkeit eines irritierenden Geheimnisses und Rätsels zu erzeugen, so daß wir leichthin glauben können, der sanfte, immer gefällige, einsame Antonio sei ein Außerirdischer, ja vielleicht so etwas wie ein Engel, jedoch ohne die Flügel, die Wim Wenders noch benötigte, um Bruno Ganz aus dem „Himmel über Berlin“ unter die Menschen herabsteigen lassen zu können. Derart suggestiv ist der Off-Text, daß wir noch lange ihm mehr an Phantasma zutrauen, als unseren Augen, die sehen, daß Antonio in Science-Fiction-Romanen liest & liest, so daß er in ihnen lebt, mit ihnen die Welt, in der er sich bewegt, sieht und beurteilt.

Die schöne Rätselhaftigkeit und Doppelbödigkeit von „Licht meiner Augen“ liegt aber auch an Piccionis Regie und der Kameraarbeit Arnaldo Catinaris, der das Cinemascope-Format nutzt, um die Leere zwischen den Personen und ihre Isolation zu pointieren. Penibel vermeidet der Regisseur, die Stadt als reales Rom kenntlich zu machen. Die unerkennbar „Ewige Stadt“ ist reine Urbanität ohne touristische Lokalisierungs- und Zuschreibungszeichen – wie Godard einmal sein utopisches „Alphaville“ aus Versatzstücken moderner Architektur und moderem Design als SF-Imagination entworfen hatte. Das reale Rom der sieben Hügel ist in Piccionis Film z.B. flach wie Mailand, eine Akkumulation von Straßen, Geschäften, Wohnungen, Pizzerien, Bistros – und der Garage der Chauffeure, die ein melancholischer Chef zu ihren Aufträgen schickt.

Gefühle gemeinschaftlich teilen

Antonio ist ein sanftmütiger, kollegialer Mensch, der immer zur Stelle ist, wenn ihn der Chef braucht. Er lebt allein, ohne Familie. Ein schöner Mensch auch und ein einsamer; umso eher also ein „außerirdischer“, der seinen Beruf wie ein Fremder betreibt, der sich in einer anderen Welt bewegt – als wäre er „Morgan“ oder sogar ein Karl Roßmann in Kafkas „Amerika“. Die Musik Ludovico Einaudis, die viele sprachlose Sequenzen tranceartig begleitet, tut ein Übriges, die urbane Welt von Piccionis Film zu irrealisieren. Dabei bleibt „Licht meiner Augen“ durchaus realistisch & gegenwärtig wie ein früher Film des Iraners Kiarostamis, mit dem der Italiener den Bezugspunkt auf die Moralität und den Humanismus des Neorealismus teilt: „Kino, diese Illusionskunst, entsteht notwendigerweise nur über Gefühle, die man gemeinschaftlich teilen kann. (...) Diese Art, Dinge anzuschauen, ist der lebendige Kern meines Kinos. Es kann nicht ohne Moral sein oder eine persönliche Auswirkung“. (Piccioni).

Antonio hat Gefallen gefunden an der schönen Maria: nervös, gehetzt, unsicher, abweisend, zornig, ängstlich. Erkennbar kämpft sie darum, ihre Tochter bei sich behalten zu dürfen in ihrem kleinen Vorstadtappartment; denn die staatliche Fürsorge will ihr das Kind wegnehmen und die Enkelin ihrer Großmutter zuführen. Antonio, der von seinem Chef das Auto zur freien Verfügung bekommt, stellt Maria und der Tochter nach, beobachtet sie, drängt sich in ihr Leben, ja: für einen nächtlichen Moment gibt Maria seinen immer enger werdenden Annäherungen nach, nimmt ihn sogar mit nachhause & schläft mit ihm. Als sie ihm auch noch für kurze Zeit den Gefrierkostladen als Verkäufer überläßt, weil sie wieder einmal „dringend telefonieren muß“, stößt Antonio auf ein Scheckheft mit hohen monatlichen Überweisungen an einen Saverio.

Wie ein Geheimagent pirscht sich Antonio an Saverio (Silvio Orlando), den mafiösen Schlepper & Schleuser heran, dient sich ihm als Chauffeur an und wird bald Zeuge der brutalen Machenschaften Saverios, bei dem er die Schulden Marias abzahlt, ohne daß sie es erfahren darf. Währenddessen schält sich langsam Marias Vor- & Geheimgeschichte aus dem Nebel, der ihr rätselhaftes Verhalten umgibt – ihre Unruhe, Gehetztheit, Angst und ihre rätselhaften Telefongespräche. Wieder einmal war sie an einen verheirateten Liebhaber geraten, wie so oft schon zuvor, sie hat kein Glück mit ihren Geliebten. Deshalb schenkt sie Antonio, der sie unverkennbar liebt, reinen Wein ein: Er sei ihr zwar angenehm im Umgang, aber sie liebe ihn nicht, erklärt sie ihm, trennt sich aber zugleich von ihrem Geliebten, um sich ganz ihrer Tochter zu widmen. Als Antonio kurz darauf erneut für Saverio bei versteckten illegalen Immigranten Kopfgeld eintreiben soll, schenkt er ihnen in einem selbstmörderischen Anfall das gerade eingesammelte Geld, und nur durch einen Zufall entkommt er seinem absehbaren Tod. Er hatte, als abgwiesener Liebhaber Marias, ihn gesucht.

Auch Maria nähert sich der persönlichen Katastrophe, weil ihre vernachlässigte Tochter einmal nicht von der Schule nachhause gekommen ist, von der Polizei aufgegriffen und daraufhin vom Jugendamt zu ihren Großeltern geschickt wird. Als Antonio zuletzt die verzweifelte Maria zu den Großeltern fährt, fragt sie ihn verzagt: „Meinst Du, daß sie sich freut, mich zu sehen?“ Nur ein Schnitt trennt die Frage von der Antwort – ein Zwischenschnitt zeigt die Tochter auf dem Rücksitz lächelnd: während der Heimfahrt der drei.

Thema con variazioni

Giuseppe Piccionis „Licht meiner Augen“ ist ein knapp zweistündiges lyrisches Panorama der Heimatlosigkeit in der urbanen Welt der Gegenwart. Überblickt man rückschauend die Liebesgeschichte, in die Antonio und Maria hineingeraten, so zeigt sich, daß der Regisseur rund um sein bewundernswert diskret und doch intensiv von seinen Hauptdarstellern verkörpertes Paar (das aus der Fremde nach Rom gekommen ist: sie aus Ligurien, er aus Sizilien), vielfache Variationen der menschlichen Isolation, Heimatlosigkeit und Verlassenheit hat ankristallisieren lassen. Man bemerkt dann erst – weil Piccionis filmische Erzählung sich eher beiläufig entwickelt, ohne demonstrativ zu werden –, wie schlüssig & nuanciert alle ihre Motive, Nebenhandlungen und Personen um das Zentralmotiv gruppiert sind: Von den Tiefkühlprodukten in Marias Laden über Antonios Traumfluchten in die Science-Fiction und seine ziellosen Fahren durch die Stadt, das Verstummen von Marias Tochter bis zu den in leerstehenden Ruinen und Hallen verborgenen illegalen afrikanisch-indischen Arbeitsemigranten und selbst ihrem kriminellen Schlepper Silvio. Auch er ist kein glücklicher Mensch. Sie alle haben „den Sinn für den Ort verloren, wo wir hingehen können und von wo wir zurückkehren können: die Idee von Heimat“. (Piccioni)

Erstaunlich (oder symptomatisch?), wie nahe der Italiener Piccioni mit seinem stillen, bewegenden „Licht meiner Augen“ sowohl mit diesem Befund als auch mit seiner zart symbolistischen Erzählweise damit Edgar Reitz´ eben im Fernsehen laufender „Heimat“ kommt!„Wonach ich suche“, hat Giuseppe Piccioni zu seinem Erkundung der Heimatlosigkeit der modernen Menschen in der Unwirtlichkeit ihrer Städte und der Kälte ihrer Lebensweisen gesagt: „Wonach ich suche, ist am Los meiner Figuren Anteil zun nehmen. Ich kann ihnen nicht helfen, aber ich versuche, nahe bei ihnen zu sein, um zu sehen, ob sie möglicherweise eine Chance für eine Veränderung haben. Dadurch ist ihr Leiden nicht einfach nur ihres, sondern auch meines“. Es ist eben dieser Wärmestrom der Mitempfindung und der Anteilnahme am prekären Leben ganz gewöhnlicher, unscheinbarer „Erniedrigter und Beleidigter“ und ihren Träumen und Illusionen, das Piccionis „Licht meiner Augen“ auf eine ganz unsentimentale, aber umsomehr ergreifendere Art befähigt, seinen Zuschauern sanft und eindringlich Augen und Herz zu öffnen.

Man atmet wieder tief durch: mit Giuseppe Piccioni, der von sich bekennt, daß ihn die Erfahrung mit den Filmen Francois Truffauts von Grund auf verändert habe, hat der junge, gegenwärtige italienische Film endlich wieder den Anschluß an die Humanität Rossellinis und de Sicas gefunden.

Wolfram Schütte

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