Wenn heute die Berlinale beginnt, meinten zwei Medienbubis von Spiegel-Online bereits vor zehn Tagen, „könnte man meinen, sie sei schon vorbei“. Wie sie denn darauf kämen, fragte sie der Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Ja, begründeten Lars-Olav Beier und Martin Wolf ihr verrücktes Weltbild, weil die bereits in den Kinos laufenden Großproduktionen Hollywoods wie „Aviator“, „Ray“, „Hautnah“ und „Mathilde“ dem Berliner Filmfestival Glanz & Glamour vorweg entzogen hätten & sowohl die Knaller als auch die großen Stars ausblieben.
„Also mal halblang“, erwiderte Kosslick – und bürstete die zwei Vorwitzigen derart ab, daß sie wie begossene Pudel dastanden, die von nichts eine Ahnung hatten: nichts von den Geschäftsentscheidungen der Hollywood-Studios, nichts von deren Vermarktungsstrategien, nichts von der diesmal vorverlegten „Oscar“-Preisverleihung, die Stars am Reisen hindern usw. Sorgenvoll wie Geschäftsführer des deutschen Filmtheaterverbandes befürchteten die beiden Spiegel-Fuzzis, daß die europäischen Filmfestivals als „Präsentationsplattform“ für Hollywood- Filme „an Bedeutung“ verloren hätten, weil „Hollywood gute Kritiken und Jury-Preise angesichts seiner gigantischen Marketing-Maschinerie ziemlich egal“ geworden seien und speziell die Berlinale keine große Rolle mehr für „diese Vermarktung“ spiele.
Kosslick, der weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen ist – und sich auch dadurch von seinen Befragern heftig unterscheidet -, erklärt den beiden Besorgnisträgern, daß zwar alle großen Hollywood-Studios auf der Berlinale vertreten seien, er sich aber deren Vermarktungsstrategien zu beugen habe – und es übrigens „auch ein Leben neben Hollywood gebe“. Es spricht eher für die der Sensationsgeilheit als der Wahrheit verpflichteten Spiegeljournalisten, daß sie diese Bemerkung Kosslicks in ein „Es geht auch ohne Hollywood“ umtiteln – nur damit sie sich ihr Vorurteil selbst bestätigen könnten. Denn ohne Hollywood will der durchaus zum Feiern und großen Bahnhof aufgelegte Mittfünfziger Kosslick gar nicht auskommen. Nur diesmal haben ihm die Studios einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Die Zwei vom Spiegel müssen dem immer gut gelaunten Festival-Leiter mit ihrer Angst, nicht genug Starrummel auf der Berlinale zu bekommen, ziemlich auf den Wecker gegangen sein.Aber nicht nur sie: „Es ist auf die Dauer öde“, fährt er sie an,“ 3700 Journalisten die Frage beantworten zu müssen, wer kommt und wer nicht. Und wenn dann ein europäischer Star kommt, erkennen den die nicht einmal. Dafür wird ganz locker mal Robin Williams mit Robbie Williams verwechselt. Oder da wird gefragt: >Kommt George Clooney?< - >Nein, denn er hat keinen neuen Film< - >Egal, wir wollen ihn trotzdem.<“
.Kosslick, der die „Berlinale“ seit vier Jahren leitet und aufgemöbelt hat, indem er alle Sektionen (neben dem Wettbewerb sowohl das „Panorama“ als auch das „Internationale Forum“) zu einem vielfältigen Gesamtkunstwerk des aktuellen Films der Welt in allen seinen Formen & Facetten gebündelt hat, weiß, wovon er hier nur geringfügig satirisch redet. Er geht noch einen Schritt weiter, um die beiden Spiegel-Journalisten vor den dumpfen Kopf zu stoßen: „Wir hatten schon die Idee“, bekennt er augenzwinkernd, „auf dem roten Teppich Flugblätter zu verteilen, auf denen steht: >Das ist ein taiwanesischer Film< oder: >Da ist eine Produktion aus Nordrhein-Westfalen<. Gegen dieses Bildungsdesaster muß etwas getan werden: Die Leute sollen sich nicht nur für Hollywood-Filme interessieren, sondern auch für das andere Weltkino“. Und zum Schluss dieses munteren Gesprächs mit zwei Entertainment-geilen Filmjournalisten erklärt ihnen Kosslick, was er heute unter einem Filmfestival wie der „Berlinale“ versteht: „Es gibt im Kino mehrere Parallelwelten, und die Aufgabe der Berlinale ist es, Brücken zwischen diesen Welten zu bauen und einen Standpunkt einzunehmen. Wir jedenfalls stellen uns auf die Seite der starken Filme, die sich auf die Seite der Schwachen dieser Welt stellen“. Ende der Kosslickschen Standpauke.
Mal sehn, ob die wie vor den Kopf geschlagenen Hollywood-Blockbuster-Leute „flexibel“ sind. Denn die „Leute“, die sich auf Glanz & Glamour des Mainstreams abonniert glaubten, sind ja die Filmjournalisten, die in den vergangenen Jahren auf den Festivals die dort gezeigten Filme aus den Augen verloren hatten und mehr auf das Kommen & Gehen der Stars, ihr Promotionsgeschwätz auf den Pressekonferenzen und das große Tamtam der Inszenierung wie kreischende Teenies bei Popstarauftritten fixiert waren – obwohl sie, als selbstgefällige & als gefällige Garnierung der Marketing-Maschinerie, über den Status von Zaungästen nicht hinausgelangten. Wenn´s für sie hoch kam, durften sie ihre angehimmelten Stars, die sich ihnen gelangweilt darboten, für maximal ein halbes Stündchen in einem Hotelappartement zu einem Quickie mit dummen Fragen belästigen, während schon der oder die nächste im Vorzimmer wartet – wie in Fellinis Roma die „Bordellbesucher“ auf ihren rationell flutschenden Kundendienst.
Die sogenannte „seriöse“ Filmkritik machte da keine Ausnahme. Im Gegenteil: sie drängte mit der Macht ihres fadenscheinig gewordenen Anspruchs auf den Boulevard solcher journalistischen Dämmerungen und konkurrierte mit „Bild“- & „Bunte“-Schmonzes.
Kosslick trommelte mit seiner Standpauke aber nicht nur gegen überzogene Glamour-Auftritte als Bilderfutter für die Berliner Lokalpresse, sondern auch gegen einen epidemischen Infekt, der die Filmkritik bei uns schon lange bis zur eigenen Bewusstlosigkeit gelähmt hat: den Verlust ihrer Neugier, das Verschwinden ihrer Abenteuerlust, etwas ganz & gar Neues, Fremdes, Befremdliches auf dem Weltmarkt des Kinos & Films zu entdecken & zu fördern gegen die kommerzielle Übermacht der Marketing-Maschine der Großstudios & -verleihe.
Neugierig ist die deutsche Filmkritik weithin eigentlich nur noch auf die Ups & Downs der ihr bekannten Namen & vertrauten Gesichter – nachdem sie via Internet über jeden Furz aus & in Hollywood schon sich informiert, ja über Filmvorhaben & Filme, Produktvolumen & Gossip schon längst & mehrfach geschrieben hatte: als willfährige & vorauseilende Helfer der transatlantischen „Marketing-Maschinerie“. Auf den Festivals fiebern diese Kritiker der ersten Begegnung mit den Objekten ihrer Promotion entgegen, um schließlich ihren Namen mit dem Blockbuster-Produkt symbiotisch zu verbinden: auf den Schultern von Riesen wird man von den Lesern besser gesehen. So feiern sie sich selbst und die Wiederkehr des immer Gleichen.
Denn längst ist ihre Wahrnehmung eingeschnurrt auf die marktgeschützte Ideologie: Extra muros hollywoodiensis nisi bene. Gegen solche Engstirnigkeit spricht Kosslick gelassen eine Selbstverständlichkeit aus, die in den verschmockten Kreisen provozierend wirken muß: Es gibt auch jenseits von Hollywood Filme, die es mit ihm aufnehmen oder es übertrumpfen. Seht sie Euch an!
Die Berlinale war aber von jeher ein Spiegelsaal der Weltkulturen des Kinos & des Films. Nur ist das von den konformistischen Medienbubis kaum noch wahrgenommen worden. Wenn Kosslick nun seinen politischen „Standort“ für die gesamte Berlinale definiert, indem er sich „auf die Seite der starken Filme stellt, die sich auf die Seite der Schwachen dieser Welt stellen“, dann bin ich sehr gespannt, ob die Kritik mitzieht, wenn der Berliner Festivalleiter ihr nun diesmal verstärkt „jene Teile der Wirklichkeit“ zeigt, „vor denen sie normalerweise die Augen verschließt“, anstatt dem Publikum dafür die Augen zu öffnen. Es könnte ja sein, daß sie wieder lernfähig und neugierig wird, die deutsche Filmkritik, weil eine Berlinale mit „Aviator“, „Ray“, „Hautnah“ und der in Frankreich produzierten „Mathilde“ schon in den Kinos stattgefunden hat und die „Wirklichkeits“-Berlinale des Dieter Kosslick erst heute wirklich begonnen hat. Schau mer mal.
Wolfram Schütte