Ein neues Festival für den deutschen Film
02.04.2005
50.000 Euro nur für "Filmkunst"
Von Wolfram Schütte
Noch ein Filmfestival in Deutschland? Haben wir nicht genug davon, um aus Filmen, die sonst keine Chance im Kino haben, einen „Event“ zu machen, auf dem sie wenigstens jeweils lokal von den dadurch Angezogenen einmal gesehen werden können (und dann meistens niemals & nirgends mehr)?
Nein, es reicht nicht – meint Michael Kötz, der Leiter des jährlich im November stattfindenden „Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg“. Es versteht sich als Treffpunkt für den Nachwuchs des weltweiten „Autorenfilms“ jenseits des Mainstreams, der unsere Kinos überschwemmt.
Michael Kötz, der einst mit Lacan und Guattari über „Casablanca“ bei Alexander Kluge promoviert hat, ist der lautstarke Herold eines Kinoverständnisses, das für Filmregisseure die gleiche subjektive künstlerische Freiheit einfordert, wie für die anderen, die „klassischen“, Schönen Künste.
Im Hinblick auf das augenblickliche Wiedererstarken des deutschen Films fragt er sich: „Können die neuen Regisseure wirklich Neues ausprobieren und können sie sich auch kontinuierlich entwickeln? Ist eine erzählerische Breite gesichert, die für die Qualität des deutschen Films sehr wichtig ist?“ Und er ergänzt: „Der deutsche Film muß auch künstlerisch relevant sein, um langfristig kommerziell bedeutend zu sein. In der Qualität liegt sogar der entscheidende Marktvorteil – ähnlich wie bei anderen Produkten aus Deutschland“.
Dafür setzt Kötz nun Fakten: „Aus Liebe zur Filmkunst im deutschen Film stiften wir einen neuen Filmpreis in Deutschland, den >Filmkunstpreis< und etablieren wir dafür ein >Festival des deutschen Films<“. Der Filmkunstpreis wird mit 50.000 ¤ dotiert, das Festival, auf dem er unter etwa 20 Beiträgen von einer unabhängigen Jury ermittelt wird, soll schon in diesem Jahr vom 30. Juni bis 10. Juli stattfinden – und zwar: „Unter alten Bäumen auf einer Parkinsel mitten im Rhein“, wo ein Kinozelt errichtet, ein Open-Air-Kino etabliert wird und alles, was an „Event“ von Nöten sein wird für ein Kinovergnügen „bei Sonnenuntergang am Rhein“. Neben dem Haupt-(& Filmkunst-)preis sollen Ehrenpreise für besondere Leistungen und Verdienste an eine oder mehrere Persönlichkeiten des deutschen Films vergeben werden, und ein Zuschauerpreis ergänzt die offiziellen Preisvergaben.
Der immer findige & umtriebige Festivalleiter Michael Kötz hat als Träger die „Initiative Rhein-Neckar-Dreieck“ dafür gewonnen, ein „Zusammenschluss aus Vertretern der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Verwaltung der Region Mannheim-Heidelberg-Ludwigshafen“, die auch schon sein November-Filmfestival sponsern.
Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß hier eine kreative Alternative zu den sterilen Selbstbeweihräucherungen beim „Deutschen Filmpreis“ der Filmakademie vorliegt, welche dessen kleinteiliges Berliner Imitat der Hollywooder Oscar-Nacht mit Spielfreude & Enthusiasmus in der „Provinz“ konterkarieren will: Raus aus Babelsberg & hin zum Open-Air im Rhein, weg von den etablierten Insidern & hin zum jungen Publikum, dem Kötz mehr Lust aufs Neue, mehr Neugier aufs Unkonventionelle, mehr Vergnügen an Kunst zutraut – als die nur auf Quoten & Kompromisse schielende Branche in Filmtheatern und Fernsehanstalten. Einzige Bedingung der Teilnahme für die deutschen Filme zum Filmkunstpreis ist: ihre künstlerische Qualität. Sie dürfen noch nicht in Kinos laufen, können aber schon auf Festivals gezeigt worden sein.
Eine tolle Idee, eine begrüßenswerte Initiative mit hohen Ansprüchen. Verschwiegene Pointe: diese „konkrete Utopie“ hat ihren Ort des „Vorscheins“ auf der Parkinsel in Ludwigshafen – Ernst Blochs Geburtstadt!
Wer sich für die Breite und Vielfalt individueller Erfahrungs- und Phantasiewelten und für künstlerische Qualität im deutschen Film interessiert und Feste zu feiern versteht, kann dem „Festival des deutschen Films“ auf der Rheininsel nur einen rauschenden Erfolg wünschen.
Wolfram Schütte