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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:06

 

Inside Deep Throat

11.08.2005

 
Als Porno chic war

Inside Deep Throat erinnert an die spektakuläre Geschichte eines Sexfilms – und beschwört die Freiheit, auch den größten Unsinn zu verbreiten.

 

Inside Deep Throat
USA 2005.
Drehbuch und Regie: Fenton Bailey und Randy Barbato
Produzent: Brian Grazer 
90 Min. Imagine Entertainment in Zusammenarbeit mit HBO Documentary Films (Verleih: Constantin Film)
ab 11.8.05

Ein Friseur aus Queens, der Frauen befreien will, Klein-Mafiosi und eine Katze namens Hitler – Quentin Tarantino hätte Spaß an diesem Personal. Aber das Leben, insbesondere, wenn es in der Pornobranche spielt, erfindet beizeiten groteskere Figuren. Inside Deep Throat dokumentiert die Geschichte eines Pornofilms – des Pornofilms. Denn Deep Throat, („tiefer Schlund“) war mehr als ein Sexstreifen. Es war auch mehr als eine Geldmaschine, die mit einem Budget von 25 000 Dollar 600 Millionen Dollar einspielte. 1972 gedreht, gab Deep Throat den Anlass für einen Kulturkampf, der die USA bis heute beschäftigt.

Die preisgekrönten Dokumentarfilmer Fenton Bailey und Randy Barbato haben für Inside Deep Throat 800 Stunden Interviews, Archivmaterial und Filmszenen zusammen geschnitten. Die Macher und die Darsteller kommen ebenso zu Wort wie Politiker oder Intellektuelle. Ergänzt werden ihre Stimmen um Collagen und den Soundtrack der frühen 70er Jahre – eine Art Cut-Up-Verfahren, das Inside Deep Throat zu einem gewitzten, raffinierten Dokumentarfilm macht. Aber worum geht es in Deep Throat eigentlich? Eine junge Frau ist sexuell unerfüllt, bis ein durchgedrehter Doktor den Grund ihres Kummers entdeckt. Die Frau leidet an einer anatomischen Anomalie: Ihre Klitoris befindet sich im Rachenraum. Bis es zu einer für alle Seiten befriedigenden Lösung kommt, sind irrwitzige Dialoge und schauspielerischer Dilettantismus in Reinkultur zu verfolgen.

Ausgedacht hat sich die Männerphantasie Regisseur Gerard Damiano, der Anfang der 70er seinen Friseurladen in Queens aufgab, um Pornos zu drehen. Heute ist Damiano ein liebenswürdiger Opa. Damals fühlte er sich als Künstler und als Avantgardist der sexuellen Befreiung. Nicht ganz zu unrecht, schließlich schwärmte sogar die New York Times den „Porno Chic“. Es war die Zeit kurz nach den politisch aufgeladenen 60ern, kurz vor Woodstock und den Hippies.

Auf der Gegenseite formierte sich damals eine religiöse Rechte, die an Deep Throat ein Exempel statuierte – von Demonstrationen bis hin zu einer nicht endenden Prozesslawine. Wie tief der (für europäische Geschmäcker) fundamentalistische Teil Amerikas davon noch immer traumatisiert ist, beweist ein Statement des damaligen Staatsanwalts John Parish: „Hoffentlich verziehen sich die Terroristen bald, damit wir uns diesem Thema widmen können!“

Dass Inside Deep Throat beim Sundance Film Festival gefeiert wurde, verdankt sich seinen politischen Implikationen mindestens so sehr wie seinen ästhetischen Qualitäten. Am Ende zeigen Bailey und Barbato am Ende die US-Fahne, während der Kommentar (im Original spricht Dennis Hopper) verkündet, Deep Throat handle in Wirklichkeit von der Freiheit, sich öffentlich auszusprechen. Das ist wahr, aber selbst das größte liberale Pathos täuscht nicht darüber hinweg, dass eine Klitoris im Rachen kaum den Gipfel weiblicher Lust bedeutet. Immerhin kommt auch die feministische Kritik zu Wort, und wird benannt, dass die Mafia Deep Throat nicht nur finanzierte, sondern kräftig daran verdiente. Guter Kunst- und schlechter Kommerzporno – auch das ist wahr - ließen sich noch nie so einfach trennen.

Schade ist, dass Linda Lovelace (bürgerlich Linda Boreman), die Hauptdarstellerin von Deep Throat, vage bleibt. Was man erfährt, deutet an, dass ihre Geschichte einiges über die Ambivalenzen der frühen 70er Jahre hätte verraten können. Offenbar war die Sexikone ein Mädchen aus der Provinz, das ein wenig selbstbestimmtes Leben führte. In einem Interview erklärt sie, keine Ahnung von Anarchie zu haben. Aber ihre Katze nannte sie „Adolf Hitler“ - des Bartes wegen. Später sagte sie aus, damals vergewaltigt worden zu sein, wurde zur Kronzeugin der linken wie der rechten Anklage. In Denver versuchte sie ein neues Leben zu beginnen. Doch als ihr Vorleben bekannt wurde, verlor sie ihren Job bei der Post, zog sich wieder aus und starb schließlich völlig verarmt. Linda Boremans Tochter hat kürzlich eine Filmrolle abgelehnt – in Deep Throat 7.

Jens Poggenpohl

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