Wenn die Schöpfung auf intelligentem Design basierte, so hat die Planung jedenfalls nicht bis ins Montréal des Jahres 2005 gereicht. Hier herrscht Darwins Gesetz des survival of the fittest ohne göttlichen Einspruch. Am 18. September wird das Neue Montrealer FilmFest eröffnet, keine zwei Wochen nach dem Ende des Festival des Films du Monde, das heuer bereits zum 29. Mal stattfand und eben erst von der Internationalen Föderation der Filmproduzentenvereinigungen wieder als A-Festival anerkannt wurde. Ab nächstem Jahr will die Neugründung gar vor dem Termin der etablierten Konkurrenz, im Juni, in Stellung gehen.
Daneben gibt es in Montréal noch das ältere, aber kleinere Festival du nouveau cinéma. Jeder ahnt, dass sich selbst eine so kinofreundliche Stadt wie die multikulturelle Metropole Québecs auf die Dauer keine drei Filmfestivals leisten kann. Dafür mangelt es an Sponsoren und vor allem an guten Filmen. Dass am aktuellen Streit auch mal wieder Moritz de Hadeln als Programmdirektor des neuen Festivals mit einer Gage von 325000 US-Dollar beteiligt ist, wird nur den wundern, der über dem Desaster von Venedig, das ihm breite Solidarität einbrachte, vergessen hat, wie er in Berlin mit seinen Kollegen vom Internationalen Forum des jungen Films umzuspringen pflegte. Dass er gegenüber dem gewiss kantigen Gründer und Leiter des Weltfilmfestivals Serge Losique eher Rücksichten nimmt, ist nicht zu erwarten. Darwin macht jedes intelligente Design zunichte. Losique derweilen gibt sich weiterhin kämpferisch. Aber eine gewisse Zermürbung lässt sich nicht verheimlichen. Und wenn Jutta Brückner, um einem neugierigen Publikum zu ihrem Film "Hitler Kantate" Rede und Antwort zu stehen, über Newark anreisen muss, weil der Direktflug dem Festival zu teuer ist, dann erfahren pessimistische Prognosen Auftrieb.
Als Indikator für das Kinoverständnis Losiques und seiner Kodirektorin Danièle Cauchard mag die Besetzung der heurigen Jury gelten. Ihr Präsident war Theo Angelopoulos, an seiner Seite urteilten unter anderem Godards Muse Anna Karina, längst eine Legende des Autorenfilms, sowie der schwedische Kameramann Jörgen Persson. Aus den USA war niemand dabei. Es fiel nicht unangenehm auf.
Didaktik hat im Zeitalter des Entertainment schlechte Presse. Schon Bertolt Brecht hat mehrfach bedauert, dass das Lernen diskreditiert werde. Claude Gagnon lässt in "Kamataki" den Zuschauer zusammen mit seinem jungen kanadischen Protagonisten mittels einer schlichten, linearen Dramaturgie und statischer Einstellungen in eine exotische japanische Kultur eindringen. Ästhetischer Genuss und intellektuelle wie emotionale Erfahrung sind hier eins. Brecht hätte seine Freude daran.
Innerhalb des gegenwärtigen Filmangebots fällt "Kamataki" durch den Verzicht auf Gewaltszenen auf, ohne deshalb einer süßlich-sentimentalen Schönfärberei zu huldigen. Das ist selten geworden in einer Kinolandschaft, die nur zwischen der Hölle und dem Idyll zu wählen, in einer Wirklichkeit, die etwa bei Naturkatastrophen nur hilfsbereite Samariter oder plündernde Vandalen zu kennen scheint. „Kamataki“ räumte beim Publikum wie bei den diversen Jurys die meisten Preise an. Den Hauptpreis erhielt die niederländisch-belgische Koproduktion „Off Screen“ von Pieter Kuijpers, die Imagination einer Abrechnung eines kleinen Mannes mit dem Chef von Philips.
Wenn, wie im britischen Wettbewerbsbeitrag "Red Mercury", in einem Restaurant Geiseln genommen werden - wer sind die Täter? Erraten: islamistische Terroristen. Am Schema des Genres hat sich seit "Key Largo", "The Desperate Hours" oder "Dog Day's Afternoon" nichts geändert. Aber die Bösen müssen heute islamistische Fundamentalisten sein.
Von einem Terrorismus ganz anderer Art handelt die polnisch-luxemburgische Koproduktion "Du heißt Justine" des Venezuelaners Franco De Peňa. Er findet in Berliner Mietswohnungen statt, wo osteuropäische Frauen mit angedrohter und manifester Gewalt zur Prostitution gezwungen werden. Zwischen Reportage, Horror und Sex & Crime oszilliert dieser Film, der bis an die Grenze des Erträglichen geht. Doch verzichtet er auf spekulative Sensationen. Er dürfte einer widerwärtigen Wirklichkeit sehr nahe kommen. Die Botschaft, nicht der Bote ist zu verdammen.
Der krude Naturalismus eines Ibsen oder eines Tennessee Williams hat im Kino überlebt. Er scheint auch beim deutschen Wettbewerbsbeitrag, bei Hans W. Geissendörfers schwerblütigem "Schneeland"-Epos, nicht weit entfernt. Eine stilisierte Bilderfolge ohne Handlung im üblichen Verständnis, ein choreographiertes Filmpoem in der Tradition eines Paradschanov, eines Jancsó oder eines Solanas wie "Sex & Philosophie" von Mohsen Makhmalbaf bleibt auch in Montréal eine Ausnahme. "Miss Montigny", der Debütspielfilm des Belgiers Miel van Hoogenbemt ist kein Meisterwerk. Wenn die stellenweise melodramatische Geschichte aus dem Kohlenrevier dennoch sympathisch berührt, so liegt das an der Genauigkeit der Milieuzeichnung, die an den frühen Milos Forman oder, mehr noch, an Ken Loach erinnert, besonders aber an der Hauptdarstellerin Sophie Quinton. Der penetrante tägliche Starrummel des Boulevards muss das Vergnügen an schauspielerischen Leistungen oder auch nur an einem geglückten Casting nicht schmälern. Auf einige hartnäckige Klischees könnte man gerne verzichten, etwa auf jene Situation, in der eine Frau ihre Schwangerschaft mehr andeutet als verkündet, worauf sie die übrigen anwesenden Frauen freudig umarmen. Die treffliche Antwort erteilt der irische Kurzfilm "Jellybaby", in dem ein genervter Vater sein ununterbrochen plärrendes Baby gegen ein stilles eintauscht, das jenem, bis auf die Haarfarbe, vollkommen gleicht. Dieser erfrischend unmoralische Wettbewerbsbeitrag belegt übrigens, dass der Kurzfilm, über den Befähigungsnachweis von Studenten hinaus, eine lebensfähige Gattung darstellt, wenn zu den rein handwerklichen Voraussetzungen ein origineller Einfall hinzukommt.
Der originelle Einfall: er hat Seltenheitswert. Und mit der "Nähe zum wirklichen Leben", die den Mangel an Fantasie ersetzen soll, ist das so eine Sache. Gegen CNN mit seinem Realzeitthriller "Chronik eines angekündigten Hurrikans" kommt kein Spielfilm an. Paradoxerweise muss dann, als die Katastrophe eingetroffen ist, ausgerechnet das Fernsehen das Kino daran erinnern, worin seine Stärke besteht: in der Macht der Bilder. Die Filme nämlich überbieten einander mit Geschwätzigkeit, mit den ewig gleichen Schuss-Gegenschuss-Einstellungen ohne Atmosphäre, ohne zweite Ebene, ohne jene von den großen Regisseuren, von Renoir und Antonioni, von Ozu und Angelopoulos entwickelte visuelle Sprache, die im Schrecken überfluteter Landstriche und eingestürzter Häuser besser aufgehoben scheint als in der Fiktion von Spielfilmen.
Und dennoch: sollte dieses oder 2006 das dreißigste FFM das letzte gewesen sein, so wird man sie vermissen, mit denen man im Lauf der Jahre vertraut geworden ist, jenen Mann, der aussieht wie Ben Turpin und sich immer ganz vorne im Kino aufstellt um zu kontrollieren, ob ihn auch alle wahrgenommen haben, jene drei älteren Damen, die auf den Ecksitzen der Reihen H, I und J im Cinéma Impérial ihre Lunchpakete verzehren und über den täglichen Witz des jovialen Herren in der Mitte der Reihe G lachen, oder die stets brummige Betreuerin der Jury, die eifersüchtig darüber wacht, dass kein Unbefugter die reservierten Plätze einnimmt. Vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass Festivals entstehen und sterben. Wenn das zutrifft, dann hat es jedenfalls mit Darwin mehr zu tun als mit dem lieben Gott.
Thomas Rothschild
Festival des Films du Monde