Michael Moore: The Awful Truth
13.10.2005
Rothschild's DVD-Tipp:
Kämpfer mit Humor
Michael Moore ist nicht in erster Linie Filmemacher, sondern ein politischer Agitator, der seinen europäischen Kollegen eines voraus hat, nämlich Witz.
Es erscheint müßig, darüber zu streiten, ob Michael Moores Filme als Dokumentarfilme gelten dürfen oder nicht. Auch die kleinlichen Diskussionen über Fairness gegenüber Mächtigen werden Moores Leistung nicht gerecht. Fest steht: Michael Moore hat mehr bewirkt, mehr in Bewegung gesetzt als irgendein anderer Dokumentarist unserer Zeit. Einem breiten Publikum bekannt wurde er erst durch seine abendfüllenden Filme, die ins Kino kamen, und dann durch seinen Auftritt bei der Verleihung des Oscar, der zugleich das verlogene Ritual dieser auch in den europäischen Medien unverhältnismäßig aufgewerteten jährlichen Veranstaltung sichtbar machte. Aber Michael Moore ist nicht in erster Linie Filmemacher, sondern ein politischer Agitator, der seinen europäischen Kollegen eines voraus hat, nämlich Witz. Dieser Witz bedient sich verschiedener Techniken: der hemmungslosen Selbstdarstellung, die aber keineswegs eitel, sondern dramaturgisch höchst raffiniert ist, der Geistesgegenwart, des Rollenspiels, der inszenierten Aktion, der Funktionalisierung ungewöhnlicher Perspektiven und der Fangfrage, die schon deshalb in jeder Beziehung berechtigt ist, weil sie Wahrheiten an den Tag bringt, die uns alle betreffen und die verheimlicht werden, weil sie partikulären Interessen hinderlich sind. Da stellt sich die moralische Frage nicht anders als einst bei Günter Wallraff, und die Antworten, die darauf gegeben werden, sind wie damals interessegeleitet.
Die Wahrheiten, die Michael Moore befördert, sind schrecklich, und so - nämlich "The Awful Truth" - hieß nicht nur eine der besten Screwball Comedies aller Zeiten, sondern auch eine Fernsehserie von und mit Michael Moore, die jetzt, sozusagen im Windschatten seines internationalen Erfolgs, auf DVDs erhältlich ist. Sie macht deutlich, was Fernsehen zwischen Dokumentation, Kabarett und Show im besten Falle leisten kann. Liegt es nur daran, dass es bei uns keinen Michael Moore gibt, oder liegt es doch an der Mutlosigkeit unserer öffentlich-rechtlichen Anstalten, dass derlei bei uns nicht vorkommt? Müssen wir jede feixende Vorabenddilettantin, jeden stumpfsinnigen und durch hanebüchene Synchronisationen noch blöderen Dialog, jedes idiotische Talkshowformat aus den USA übernehmen, statt jenes andere Amerika, das, unter anderem im Public TV und über Michael Moore hinaus, immerhin auch existiert? Wir werden in Europa nicht den USA ausgeliefert, sondern deren dümmster, verrottetster Kommerzkultur, die, wie Wim Wenders einst festgestellt hat, unsere Köpfe kolonialisiert und unsere Gehirne verkleistert.
Zwei Kollektionen liegen vor mit je zwei DVDs und insgesamt 24 Sendungen. Die in Deutschland vertriebene Ausgabe lässt die Einblendung deutscher Untertitel zu. Die einzelnen vorproduzierten Filme jeder Show werden von Michael Moore anmoderiert. Diese Ansagen lassen unseren hochdotierten Harald Schmidt recht blass erscheinen. Die eigentlichen Knüller aber sind die Filme, in denen Michael Moore meist selbst eine zentrale Rolle spielt. Da lässt er etwa einen Chor von Sängern, denen nach einer Krebserkrankung der Kehlkopf entfernt wurde, den Bossen einer Zigarettenfabrik mit einem Weihnachtsständchen aufwarten. Die Kamera zeigt deren Reaktion, eine schreckliche Wahrheit, die ansonsten verborgen bleibt.
So etwas muss einem erst mal einfallen. Die Wahrheit ist nicht nur schrecklich, sie ist auch konkret. Warum fällt so etwas niemandem anderen ein, jedenfalls nicht seit den subversiven Aktionen der Studentenbewegung und nicht in den Massenmedien? Warum fällt den Gagschreibern eines Thomas Gottschalk jeder menschenverachtende Schwachsinn ein, nur "so etwas" nicht? Warum wohl.
In Michael Moores Show geht es unter anderem um Rassismus, um Bigotterie, um die Macht der Konzerne, um den Golfkrieg und immer wieder um die Kluft zwischen Arm und Reich. Seine filmischen Einfälle sind schier unerschöpflich. Wer denn meint, Agitprop - und genau darum handelt es sich - müsse künstlerisch minderwertig sein, sollte sich diese DVDs ansehen. Sie sind nicht nur höchst vergnüglich, sondern auch in vielfacher Hinsicht lehrreich.
Thomas Rothschild
Michael Moore: The Awful Truth.
Collection 1 + 2, Alliance Atlantis 82876 66831 9 + 82876 67864 9.