So schön & warm & herbstlich bunt war die oberfränkische Metropole scehon lange nicht mehr, wie heuer während der 39. Hofer Internationalen Filmtage. Es gab ja schon Jahre, in denen das traditionelle Fußballspiel zwischen Filmemachern und den Hofer Veranstaltern in strömendem Regen oder – besonders apart – in zentimeterhohem Schnee am letzten Samstag des Oktobers ausgetragen werden mußte. Aber das war noch während der Zeiten des „Kalten Kriegs“ am Dreiländer - & Sechsämtereck zwischen BRD, DDR Und CSSR; und die wohl unwiderrufliche globale Erwärmung hatte das „Bayrische Sibirien“ im Fichtelgebirge damals noch nicht erreicht.
Tempi passati – auch insofern, als damals noch der gesamte Junge deutsche Film, den der Hofer Heinz Badewitz in seiner Geburtsstadt zum Stelldichein geladen hatte, für ein verlängertes Wochenende aus München und Berlin angereist kam, samt seinem journalistischen Tross der großen Blätter & Zeitschriften. Das ist lange vorbei, nicht wenige der damaligen Hof-Leute haben das Zeitliche gesegnet, andere sind in die Welt hinausgezogen oder sind verstummt – und die überregionalen Zeitungen & Reaktionen schicken kaum noch einen Filmredakteur in das von Wim Wenders so genannten „Home of Films“. Die neue Generation von Filmjournalisten hat paradigmatisch ihr Interesse dem Mainstream-Kino zugewandt, und der abgelegene Ort in der Gegend, wo die Mainquellen nicht weit sind, ist für sie von minderem Interesse geworden, wenngleich dort der Nachwuchs aus den vielen deutschen Filmhochschulen die Erstlingsarbeiten seiner Studenten oder Abgänger zum ersten- (und meist auch zum letzten Mal) einem (meist jugendlichen) Kinopublikum präsentiert.
Aber „umwerfende Entdeckungen“ sind in Hof rar geworden, aber nicht weil dem ewig neugierig-enthusiastischen Badewitz, der seinen Pilzkopfhaarschnitt wohl solange noch tragen wird, bis er wieder zur Mode wird, die Puste ausgegangen wäre oder er den Kontakt zum Neuen verloren hätte. Die „Hof Filmtage“ waren einmal eine notwendige Nische und Startrampe vor allem für den westdeutschen Film, aber auch für das Off-Hollywood-Kino, das von hier aus dann, wenn nicht gar in den Alternativ-Kinos, so doch in den 3. Fernsehprogrammen wieder auftauchte. Seit aber diese Möglichkeit von den öffentlich-rechtlichen Sendern systematisch aufgegeben wurde und der Kinomarkt für Off-Mainstream-Filme geschrumpft ist wie die Neugier des aktuellen Publikums, hängt das Konzept der Hofer Filmtage in der Luft – in dünner Luft: Denn „attraktive“ (sprich: publikumslukrative) deutsche Filme werden von der „Berlinale“ schnell an Land gezogen oder an A-Festivals im Ausland vergeben, weil sie dort eines größeren Presseechos sicher sein können.
So verdankte es Badewitz diesmal einzig dem Starttermin am 5. Januar, daß er zum erstenmal einen Film von Andreas Dresen seinem Hofer Publikum präsentieren konnte, der schon eine erfolgreiche Festivalreise von Toronto über San Sebastian und Paris hinter sich hat, bevor er nun in Hof umjubelt wurde. Daß die jungen deutschen Zuschauer in Dresens Prenzlauer-Berg-Geschichte „Sommer vorm Balkon“ an den gleichen Stellen gelacht haben wie die ausländischen Publika, die den Film ja nur untertitelt gesehen haben, offenbart bei dieser realistisch aus dem (Frauen-)Leben gegriffenen Tragikomödie eine grenzüberschreitende Treffsicherheit von Story, Körpersprache und Dialogwitz, die gleichermaßen auf das Konto des brillanten Szenaristen Wolfgang Kohlhaase, der drei Hauptdarsteller Nadja Uhl, Inka Friedrich und Andreas Schmidt und des im Berliner Milieu erfahrenen Ex-DDR-Regisseurs Andreas Dresen geht. Die erzählerische Melange aus arbeitsloser, allein erziehender junger Mutter mit Alkoholismus, deren Freundin, die als Pflegerin von kuriosen Alten jobbt und einen sexy Partner sucht und ihn vorübergehend in einem schlurigen Fernfahrer findet, bis sie entdeckt, daß er als Kuckuck schon dreimal Kinder in unterschiedliche Nester gelegt hat verspricht dem Publikum ein ebenso realitätsnahes wie humoristisch gespicktes Vergnügen, das den Ernst der Lage junger, resoluter Frauen nicht verschweigt und sie bei ihrem Existenzkampf um Glück und Liebe zeigt – ein Thema, das die Philosophin Christiane Voss und die Dokumentaristin Katja Dringenberg in ihrem Interview-Film „Ich Dich auch“ als Recherche nach Glück und Elend, Romantik und Ernüchterung in der Liebeserfahrung von Paaren & Singles durchbuchstabieren. Kommt die Romantik wieder, nachdem das besinnungslose Gevögele schal geworden ist?
Erkaltete deutsche Mittelstandsehen
Zuerst einmal gilt es, den beziehungslos gewordenen Elternhäuser zu entkommen – wie der vierzehnjährige Lukas in einer Münchner Trabantenstadt, der sich selbst eine dreitägige Flucht in die bayrische Metropole zum Geburtstag „schenkt“ und dabei auf die siebzehnjährige Blinde Sonja trifft, die ihn fasziniert und ihm im Verlauf seines ersten Abenteuers die Augen öffnet für Empfindungen & Erfahrungen, und auch für die Liebe. Maurus von Scheidt hat mit seinem ersten Spielfilm „Wie Licht schmeckt“, der in Hof mit dem ersten „Förderpreis Deutscher Film“ ausgezeichnet wurde, diese kleine „Education sentimentale“ ohne Sentimentalität, wenn auch mit überflüssigen dokumentaristischen Schlenkern ins Schwabinger Milieu.
Jedoch hier wie in Neele Leana Vollmars „Urlaub vom Leben“ fällt verstörend ins Gewicht, daß alle diese deutschen Filme, sosehr sie sich auch um Realismus bemühen, den Direkt- oder Originalton meiden – also jene akustische Rauheit des Wirklichen, die ihren erzählerischen Zeugnissen Bodenhaftung gäben. Urlaub vom alltäglichen Leben eines Kassierers in einer Bankfiliale nimmt der übergewichtige, Karpfenhaft nach Lebensluft schnappende Rolf Köster (Gustav Peter Wöhler), der in seiner Familie nur noch im Hintergrund anwesend ist. Die Ehe mit seiner Frau, einer Lehrerin, ist längst erkaltet, ihre beiden Kinder sind gestört, der sechsjährige schweigsame Sohn muß einen Fahrradhelm tragen, weil er dauernd mit dem Kopf gegen Wände läuft.
Überdeutlich wird da ein Mittelstandsmilieu gezeichnet, in dem jeder von jedem entfernt ist (und die Mutter auch noch fremd geht. Als der tadellose Kassierer Ausfallerscheinungen zeigt, bekommt er von seinem Chef Acht Tage Urlaub „verordnet“, ohne das seiner Familie zu sagen, die er wie üblich morgens verläßt, dabei aber auf eine erst schnippische, dann zutrauliche junge Taxifahrerin verbringt. Was diese beiden Einsamen wirklich verbindet, bleibt rätselhaft – umso mehr, als der unbeholfene Trauerkloß kaum eine Regung oder Entwicklung zeigt, sodaß aus seinem harmlosen „Abenteuer“ kein wirkliches wird und er am Ende von seiner Frau verlassen wird, er seine Stellung gekündigt hat und sich um seine zwei Kinder kümmern muß – aber glücklicher sein soll, als je zuvor.
Das nicht uninteressante Drehbuch von Janko Haschemian wird jedoch nicht mit Leben und Spannung oder überraschenden Wendungen erfüllt, die eine Entwicklung in der Hauptfigur verständlich machen würden. Eher greift die Hilflosigkeit & Peinlichkeit, mit der Gustav Pete Wöhlers glubschäugige Mimik dieses sprachlose Melodrama einer atomisierten Familie immer wieder tragen soll, auf den ganzen Film über.
Kauziger Humorist am Ende
Mit seiner kuriosen Dokumentation „Absolut Warhola“ (2001) hatte sich der polnische Humorist Stanislaw Mucha viele Freunde erworben. Seine damalige Recherche in Andy Warhols tschechischer Heimat setzte er danach mit der Suche nach der Mitte Europas fort, und nun ist er in Ostpolen, an der Grenze zu Weißrussland und der Ukraine unter Käuzen, Waldmenschen und sonstigen Alkoholikern gelandet, die (samt einer kuriosen Funk-Band) sich über die Osterweiterung Europas an der Grenze Asiens auslassen. Seine Methode, hinterwäldlerische Underdogs vor der Kamera zu Selbstdarstellungen zu provozieren, die dem „Idiotismus des Landlebens“ (Marx) zum schrägen Ausdruck verhelfen, kommen in die Nähe einer Komik, die sich beim Besuch im „Irrenhaus“ wegen des Wahnwitzes seiner Insassen humorig auf die Schenkel klopft. Da Mucha derzeit in der Nähe Hofs lebt, sollten die Oberfranken Acht geben, damit sie sich nicht demnächst in seiner dokumentaristischen Verwurstungsmaschine als lächerliche Würstchen wiederbegegnen. Werner Herzog, dem die Hofer Filmtage in ihren Anfängen viel verdanken, schickte seinem Freund Badewitz seinen jüngsten Film „The wild blue yonder“, der ihn eher im Programm versteckte und ihn „als etwas ganz Neues“ sybillinisch ankündigte. Nun: es ist eher ein trauriger Fall. Herzog hat Material der Nasa von einem Raumflug und Unterwasseraufnahmen von Tauchern in der Antarktis ermüdend langatmig, mit aufdringlicher Musik von Eric Spitzer als poetische Fiktion eines Außerirdischen verschweißt. Einzig ein einleitender langer Schwenk über einen Wald von gigantischen Windmasten in Kalifornien läßt einen sehnsuchtsvoll an das Feld von Windmühlen in seinem ersten langen Spielfilm „Lebenszeichen“ denken und an die flirrende Magie des Phantastischen, zu der dieser große heroische Romantiker des Jungen deutschen Films einmal fähig war. Hier versucht er vergeblich, sein Fremdmaterial (das gelegentlich gewiß großen optischen Reiz besitzt) mit einem bombastischen Text ins Geheimnisvoll- Fiktive zu überführen; aber schon die Rahmenhandlung (das einzige, was von ihm gefilmt wurde) – der Bericht eines Alien von seinem Besuch auf der Erde, aufgenommen vor einer monumentalen Kaufhausruine in der kalifornischen (?) Steppe – ist hilflos und bleibt lächerlich und nähert sich einer unfreiwilligen Selbstparodie, so ironisch Herzog seine kindische Beschwörung auch verstanden wissen will.
Stromlinienförmige Routiners
Auch die drei ausgewiesenen Regisseure, deren jüngste Filme als Highlights gedacht waren, vermochten mich nicht wirklich zu überzeugen. Atom Agoyans „Where the Truth lies“ ebenso wie Francois Ozons „Le temps qui reste“ wirkten wie routiniert zugerichtete Musterstücke eines ihnen je eigenen erotischen Erzählens: bei Egoyan durch einen fast parodistischen Schematismus von Wiederholungen und Variationen kriminalistischer Motive & sexueller Verrichtungen im Showbiz und Hollywood der 50iger und Mittsechziger Jahre; bei Ozon, der die letzten Monate eines krebskranken schwulen Modephotographen (!) mit obligatorischen Auftritten Jeanne Moreaus und der immer exhibitionistisch aufgelegten Valeria Bruni-Tedeschi zu einem elegischen Todestanz verbindet, bei dem der Schwule als Wunschvater einer kinderlosen Familie nach einem flotten Dreier sein Fortleben sichert und dem nach ihm geborenen Baby großzügig sein Erbe vermacht. Patrice Chéreau inszeniert sein Kammerspiel „Gabrielle“ mit undurchsichtig begründeten Stilmitteln (wie Farbwechseln, Zwischentiteln über stummen Augenblicke) Szenen einer Ehe im luxuriösen großbürgerlichem Pariser Ambiente zur Proust-Zeit. Isabelle Huppert als unnahbare Ehefrau, die für vier Stunden aus dem kalten Goldkäfig ihrer Ehe mit dem nichts ahnenden Mann (Pascal Greggory) ausbricht und zurückkehrt, steht Chéreau brillant zu Verfügung – und die beiden „Herrschaften“ führen vor ihrer „Dienerschaft“ einen verbalen und emotionalen Kampf bis zu den Abgründen ihrer Liebe und ihres Hasses aus. Ein eiskalter tour-de-force für zwei brillante Schauspieler ist dieses Melodrama aus dem frühen 20. Jahrhundert gewiß; aber an die thematisch eng verwandten ultimativen chef d´oeuvres Carl Theodor Dreyers „Gertrud“ oder LuchinoViscontis „L´innocente“ reicht Chéreaus „Gabrielle“ nicht heran.
Der epiphanische Augenblick oder eine kanadische Überraschung
Wenn ich an die 39. Internationalen Hofer Filmtage zurückdenke: was hinterließ den tiefsten Eindruck einer epiphanischen Überraschung? Es war der semidokumentarische Spielfilm „Les États nordiques“ des 33jährigen Kanadiers Denis Coté. Ein (fast) Ein-Personenfilm vor leeren Landschaften, in nordischer Kälte. Seit Robert Bressons „Mouchette“ habe ich keinen lakonischeren Film über die Einsamkeit eines Menschen gesehen als diesen, der mit elektronischer Hand-Kamera gedreht ist und die Farben oft zur Schraffur von Schwarz/weiß ausbleicht, wenn Christian sich auf die Flucht in den unwegsamen Kanadischen Norden in ein Container-Dorf begibt, wo es die Menschen oft nur ein paar Jahre aushalten. Christian hat seine Mutter getötet: Wir sehen von ihr nur die frei liegenden Füße beim Blick durch eine Zimmertür und hören die Geräusche der Beatmungsmaschine, an welche der bewusstlose Körper der vor sich Hinsterbenden angeschlossen ist. Dann geht der Sohn in das Zimmer, ein wenig zittern die Füße und das Geräusch der Maschine verändert sich zu einem gleichbleibenden Ton. Im Kofferraum seines Autos verstaut der Sohn den eingeschlagenen Leichnam. Er wird das Paket, wenn er sein Ziel in der menschenleeren, fast baumlosen, winddurchtobten Einsamkeit des Nordens erreicht hat, unter abgestorbenen Ästen begraben, mit Benzin übergießen und verbrennen. Ein archaischer Vorgang. Langsam beginnt sich der Fremde in dem Dorf einzuleben, trifft auf einen Polizisten, der ihm ein leeres Haus zur Verfügung stellt, lernt eine allein erziehende Mutter kennen. Sie gestehen sich auf einem Dorffest, daß sie sich mögen und auf dem nächtlichen Weg trennen sich ihre Schatten erst, dann kommen sie zusammen und gehen in sein Haus. Kein Licht geht an; da fährt der Wagen des Polizisten vor. Christians Flucht vor dem Gesetz ist gescheitert im gleichen Augenblick, in dem der moralische Druck seiner Tat von ihm gewichen war und er in die menschliche Gesellschaft zurückkehren wollte.
Die herbe, nahezu sprach- & dialoglose dunkle Schönheit der im Direktton beschworenen Poesie von Einsamkeit, Verlassenheit und Ausgesetztheit in den „États nordiques“ von Denis Coté hat genau jene ästhetische Dringlichkeit und Originalität, die heute weitgehend dem Kino fehlt, das doch zu oft nur Vorgekautes erbricht – auch in Hof im Jahre 2005. Es ist immer ein Moment des Glücks, wenn man die Stecknadel im Heuhaufen findet.
Wolfram Schütte