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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:10

 

Die große Stille

10.12.2005

Weniger wäre mehr gewesen

Leider wurde aus der “Großen Stille” auch eine
lange Länge, die Intensität der meditativen Lebensweise beschwören will, aber durch die pure Redundanz des gefilmten Materials nur zwanghafte Insistenz erzeugt - statt lakonische Konzentration.

 

Die große Stille
Dokumentation
D 2004Regie:
Philip Gröning, Nicolas Humbert
Kinostart: 10.11.2005

Natürlich ist die Dokumentation des Lebens in einem Kartäuserkloster, wohl dem größten in den französischen Alpen, eine Sensation. Philip Gröning berichtet, er habe 16 (!) Jahre auf die Genehmigung gewartet, in der “Grand Chartreuse” in der Nähe von Grenoble drehen zu dürfen, und er habe dann fast sechs Monate dort gelebt, um das Material seines 162 minütigen Films “Die große Stille” ansammeln zu können. Die Kartäuser gehören zu den strengsten Orden des Katholizismus; nur die Trappisten, die so gut wie gar nicht mehr sprechen dürfen, sind noch strenger, was das Schweige- & Sprechverbot angeht. Die Kartäuser haben gewissermaßen das solitäre Eremitendasein an abgelegenen Orten in der Natur kollektiviert, lokalisiert & zivilisiert: jeder Mönch des Klosters lebt für sich in einer Kartause (früher mit einem Gärtchen, in dem er Gewürze anpflanzte, aus dem später der Chartreuse-Likör hergestellt wurde). Nur zu gemeinsamen Gebeten, Messen & Essen kommen sie zusammen und nur zu besonderen Gelegenheiten sprechen sie miteinander oder bewegen sie sich außerhalb des Klosters. Das tägliche Leben wird reglementiert von Jahrhunderte hindurch tradierten Regeln & Riten.

Solche radikale asketische Lebensweise ist natürlich das absolute Gegenteil zu unserer aller Art, das Leben zu leben. Statt in japanischen Zen-Klöstern zu meditieren, böten sich als deren nächste (freilich christliche) Verwandte für mitteleuropäische Weltflüchtige die Kartäuser an. Das Spirituelle hat ja in den New-Age-Moden derzeit Hochkonjunktur. Daher ist Grönings “Die große Stille” ein Solitär im Kino - und ein Glück, dass diese Herausforderung an die Geduld, Neugier & Anteilnahme der Zuschauer überhaupt noch bei uns gezeigt und gesehen wird. Übrigens von erstaunlich vielen Alltagslebens-Müden, so dass “Die große Stille“ ein vergleichsweise großes Publikum in den Programmkinos findet. Allerdings hat die monopolistische Exklusivität der Drehgenehmigung den Regisseur, der sein eigener Kamera- & Tonmann und auch noch Cutter war, derart überwältigt, dass er vor seinem Stoff kapituliert hat. Ebenso aber auch die in den höchsten Tönen jubilierende Kritik, deren Begeisterung über das einzigartige, unvergleichliche Sujet ich zwar teilen kann, nicht aber ihr Absehen von der Form, mit der Philip Gröning sein aufgenommenes Material montiert hat.

Der Film sei selbst “Kloster geworden, mehr als dass er Kloster erzählt”, erzählt Gröning einer ehrfürchtig ihm nachbetenden Kritik, die auf diese Selbstausrede des Autors hereingefallen ist. Denn natürlich ist der Film nicht ein Kloster - oder doch nur insofern, als er den Zuschauer von Informationen exkludiert, die ihm angesichts des befremdlichen Sujets sowohl historisch als auch konkret vermittelt gehört hätten. Was ist die Geschichte des Ordens, wie überlebt er heute, wie sind seine Außenkontakte - Fragen, die angesichts der doch gewaltigen Klosteranlage und ihren Gebäude- und Landwirtschaftskomplexe sich einem geradezu aufdrängen. Grönings Dokumentation schweigt dazu.

Nun muss ein Dokumentarfilm nicht notwendigerweise diskursiv informativ sein. Er kann auch - und das ist wohl der Vorsatz in “Die große Stille” gewesen - affirmativ identifikatorisch werden: zu einer evokativen Beschwörung seines Sujets. Aber diese Form der Identifikation mit seinem Gegenstand müsste auch (wie die klösterliche) denn eine sein, und das setzte eine narrative Dramaturgie voraus, deren Schlüssigkeit erzählerisch triftig sein und jedem ihrer Teile ebenso Notwendigkeit wie Platzierung im Ganzen zumessen müsste. Im Großen hat Gröning als Klammer und erzählerische Bewegung die Jahreszeiten gewählt: vom Winter über Frühling, Sommer, Herbst schließt sich der Zyklus seiner Bilder-Momente wieder mit dem anfänglichen Schneetreiben. Auch wird der Dokumentarist Zeuge der Klosteraufnahme zweier neuer Ordensmitglieder und der Riten ihrer Initiation. Aber dann verschwimmt die Struktur oder Architektur seines Films im Ungefähren. Zwischentitel mit Bibelzitaten - und wohl auch Ordenstexten - versuchen, wiederholt eingeblendet, dem aufgenommenen Material betender, sich versammelnder oder auch diskutierender oder sich im Schnee vergnügender Patres, neben stummen Porträtaufnahmen der Einzelnen eine Gliederung zu geben, die aber redundant bleibt und wohl mehr dem Stolz des dreifach tätigen Regisseurs auf sein “Exklusiv”-Material entspricht, als der auswählenden, komponierenden Gestaltungskraft eines Film-Künstlers, sagen wir von der Meisterschaft eines Nicolas Philibert (“Sein und Haben”) oder eines Abbas Kiarostami.

So wurde leider aus der “Großen Stille” auch eine lange Länge, die Intensität der meditativen Lebensweise beschwören will, aber durch die pure Redundanz des gefilmten Materials nur zwanghafte Insistenz erzeugt - statt lakonische Konzentration. Weniger wäre mehr gewesen, trotz einer Vielzahl bewegender Momente, vor allem aber einer bis zur Abstraktion reichenden Poesie der Dinge.

Wolfram Schütte

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