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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:10

 

Marcos Carnevales Liebeskomödie Elsa & Fred

12.04.2006

Ein Vivat dem “Seniorenfilm”
Mit dem “Verschwinden der Kindheit”, das der amerikanische Soziologe Neil Postman vor einigen Jahrzehnten konstatierte, ist auch das Genre des “Kinderfilms” zumindest im Kino verschwunden - und selbst durch das Multimedia-Phänomen der “Harry Potter”-Verfilmungen nicht oder doch nur zeitweilig & schräg als vorübergehendes Massenphänomen wiedergekehrt.

 

Im gleichen Zeitraum, in dem das Fernsehen an die Stelle des “Kinderfilms” getreten ist, hat sich aber ein Genre etabliert, das man den “Seniorenfilm” nennen könnte. In seinem Mittelpunkt stehen Menschen jenseits der Pensionsgrenze, die sich Freiheiten des Lebens herausnehmen, die sie sich während ihres Erwerbslebens nicht erlaubt haben oder hätten. Wie in Brechts kleiner Erzählung von der “Unwürdigen Greisin” leben sie nun im hohen Alter erst so recht auf - nach dem Tod ihres repressiven Lebenspartners oder den existentiellen Verpflichtungen in Beruf und Familie. An ihrem Lebensabend schmecken sie wieder oder erstmals die anarchische Freiheit, allein so zu leben, wie sie es sich immer wünschten: immer schon erträumt oder noch nie zuvor? Es scheint, als werde im “Seniorenfilm”, kurz vorm Tod, die nicht erlebte Kindheit doch noch nachgeholt.

Das Sprichwort von den Greisen, die wieder zu Kindern werden, erfüllt sich im “Seniorenfilm” auf zeitgemäße Weise. Zeitgemäß insofern, als seine Helden & Heldinnen zu jener immer größer gewordenen Zahl von Senioren gehören, die nicht, wie noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts, bald nach Erreichen ihrer Pensionsgrenze und deren bescheidenen Ansprüchen “das Zeitliche segneten“. Im Gegenteil: Heute segnen die Pensionäre die lange Zeit, die ihnen als finanziell mehr als auskömmlich versorgte Rentner, dank angewachsener Lebenserwartung, noch zu verleben bleibt und schmieden mit mobiler Verve das von Frank Schirrmacher als Menetekel für die Erbengeneration so genannte “Methusalem-Komplott”.

Natürlich haben nicht auf alle Rentner solche Aussichten auf einen “Abend mit Goldrand”: vornehmlich nur Senioren in den kapitalistischen Industriestaaten; und hinreichend finanziell ausgefüttert, um sich auch noch im Alter Große Sprünge leisten zu können, sind nur jene Pensionäre, die schon zu ihren Erwerbszeiten zu den Besitzenden in der bürgerlichen Gesellschaft zählten. Deren Nutznießer sind jedoch im letzten Halbjahrhundert weiter gestreut als früher, bzw. wie es bald wieder sein wird.

Unter ihnen findet der “Seniorenfilm” seine Protagonisten, wie sie der Mainstream ja auch vornehmlich dort sucht, wo im mittleren Alter “Kasse” gemacht wird. Kurz: ein gewisses finanzielles Kapital muss schon vorhanden sein, damit der “Seniorenfilm” seinen komödiantischen Reiz entfalten kann. Denn die “Seniorenfilme” sind in der Regel Komödien, mit denen sie die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen bringen - Tragikomödien auch gelegentlich , wie z.B. Fellinis “Ginger & Fred“, in dem der sich selbst historisch gewordene große Italiener noch einmal Giulietta Masina und Marcello Mastroianni zu einem ausgedienten Tänzerpaar in einer vulgären Fernsehshow zusammenführte, als seien sie Ginger Rogers und Fred Astaire in einem ihrer glanzvollen Hollywood-Musicals.

Am wichtigsten sind natürlich für einen “Seniorenfilm” seine Darsteller, am besten alte, noch besser uralte Stars - nicht nur, weil sie in ihre Rollen ihr Alter ebenso ironisch wie existenziell mitspielen lassen, sondern auch, weil der “Seniorenfilm” eine Zielgruppe anpeilt, die mit den Stars vertraut und alt geworden ist und damit ihre eigene wie auch deren Lebensgeschichte nostalgisch nachempfinden und überhöhen kann.

Man ist dann ganz unter sich - wie einst Kinder in ihrer Welt, und zwar: gegen die Welt der “Erwachsenen”. Mit der haben es die Senioren in ihren Filmen auch & sogar vornehmlich zu tun - als milder oder böser Feind, der sie ja meist in Einsamkeit & Isolation abgeschoben, ausgemustert, sich selbst überlassen hatte: lieblos; allenfalls dienen die Alten noch dazu, finanziell angezapft zu werden & manchmal kommt es zu einem kleinen augenzwinkernden Komplott zwischen Großeltern & Enkeln - sofern diese nicht schon längst, wie Postman diagnostizierte, selbst in den Erwachsenenkreislauf integriert sind.
Gegen die Isolation verbünden sich die einsamen Alten zu Paaren, die gemeinsam den Kampf gegen ihre Familien aufnehmen: als übermütige Paare, deren letzte Liebe jünger ist, als die schon verbrauchte ihrer im Berufsleben strampelnden Kinder.

Zu dieser Skizze eines Genres, das in der derzeitigen strukturellen Krise des Kinos unverhofft kommerzielle Chancen an unseren Kinokassen haben könnte, hat mich ein kleiner großer Schauspielerfilm aus Spanien angeregt, den jetzt der Tübinger “Arsenal Filmverleih” in unsere Kino bringt. Hätte der deutsche Verleih mehr werbliche Mittel und könnte die Senioren direkter ansprechen, so wäre gewiß daraus ein beachtlicher und beträchtlicher Erfolg zu erwirtschaften.

Die Rede ist von Marcos Carnevales drittem Spielfilm “Elsa & Fred” (2005), gespielt von der Argentinierin China Zorilla und dem Spanier Manuel Alexandre. Sie alle sind Nobodys für uns. In Argentinien und Spanien, versichert uns das Verleih, kennt die beiden (vorsichtig geschätzt) über siebzigjährigen Schauspieler das große einheimische Publikum von Bühne & Film. Für uns geht ihr Stern jetzt erst in Carnevales dramaturgisch brillantem Film leuchtend auf.

Schon sein Titel ist natürlich eine Hommage à Fellini, aber nicht auf das Spätwerk, sondern auf dessen berühmtesten Film “La dolce vita”. Dessen Titelversprechen entdecken sich gemeinsam & erobern sich zuletzt Elsa & Fred. Dazu muss Elsa erst einmal Fred für sich gewinnen. Der gerade Verwitwete “wird” von seiner energischen Tochter “eingezogen” - in ein Appartement gegenüber von Elsas kleiner Wohnwelt, wo die angeblich verwitwete attraktive ältere Dame immer noch davon träumt, einmal in ihrem Leben nach Rom zu kommen und wie Anita Ekberg in die Fontana di Trevi zu steigen. Das Szenen-Bild mit der schwedischen “Sexbombe” hängt in Elsas Zimmer, und obwohl ihre Schönheit (ital.) “morbido” geworden ist, glaubt man ihr, wenn sie behauptet, es in ihrer Jugend mit den Ekbergschen Brüsten aufgenommen zu haben.

Mit List & Tücke, Zähigkeit und Witz schafft sie es, den trauernden Witwer zu umgarnen, seine Depression durch ihren Charme zu lösen und ihn zu ihrem Kavalier zu machen. Wir wohnen staunend einem weiblichen Feldzug der Liebe bei, dessen ganzer schmelzender Reiz nicht zuletzt darin besteht, dass er jugendliches Werben einer vergangenen Zeit nun im hohen Alter wie selbstverständlich noch einmal heraufruft und köstlich imitiert - bis hin zur rührend-komischen Szene, in der Elsa & Fred ihre erste gemeinsame Nacht miteinander verbringen. Als Mitwisser von Elsas Selbstgesprächen sind die Zuschauer immer auf ihrer Seite: eine dramaturgische Pointe des Films, mit der spanische Regisseur Marcos Carnevale seine Heldin doppelt anziehend macht.

Aus zwei Isolierten werden Liebende, wobei Elsa die Energie des Wünschens besitzt und damit den betulichen Fred, der ein braves & ereignisloses Eheleben hinter sich hat, auf Trab bringt. Z.B. zum Zechprellen in Madrids teuerstem Restaurant, was den beiden zur diebischen Freude des Kinopublikums bravourös gelingt.

Natürlich kommt es aber dann auch zum Zerwürfnis zwischen der “Verrückten” und dem “Langweiler”, wie sie sich gegenseitig titulieren: zur temporären Freude der Kinder der beide Alten, die deren gemeinsame Eigenmächtigkeiten natürlich mit Misstrauen und wachsendem Ärger verfolgen mussten. Umso mehr, als Alfreds Tochter den Vater um einen beträchtlichen Kredit anpumpen wollte, um ihrem arbeitslosen Ehemann einen Internetshop einzurichten.

Aber wie es in Liebeskomödien älteren Typs und jüngerem Personals üblich ist, so finden auch hier die beiden Liebes-Senioren, gegen die Welt, wieder zusammen. Denn Alfred kann seine Elsa, die ihm Lebendigkeit & Glück geschenkt hat, einfach nur lieben - obwohl sie ihm Dichtung & Wahrheit aus ihrem Leben bunt gemischt vorgeflunkert hat und eines Tages sogar ihr gar nicht verstorbener, sondern nur geschiedener Ehemann in Alfreds Appartement steht. Er will seinen Nachfolger über die “Spinnereien” Elsas aufklären und vor ihr warnen, obgleich er seinen Monolog am Ende mit der Aufforderung an Alfred schließt, trotzdem die “verrückte” Elsa zu lieben. Was Alfred denn auch tut - und erst recht Marcos Carnevale mit seiner hinreißenden Komödie, die ihre berührende Apotheose in der enthusiastischen Parodie der Ekbergschen Badeszene in der Fontana di Trevi findet.

Ach, ja: bittersüß sind die komödiantischen “Seniorenfilme” zumeist auch; weil vor dem Hintergrund des absehbaren physischen Endes ihrer Helden die Euphorie ihres späten Lebens- & Liebesglücks die sentimentale Edelsüße einer feurigen Trockenbeerenauslese oder eines Eisweins gewinnt: “Einmal lebt´ ich wie Götter/ Und mehr bedarf´s nicht“ (Hölderlin).

Das trifft auch auf “Elsa & Fred” zu. Denn Fred hatte - was er nicht wusste - der sterbenskranken Elsa mit der Romreise ihren letzten Willen & sehnsüchtigsten Lebenstraum erfüllt. An ihrem Grab mit seinem Enkel stehend, erblicken sie auf ihrer Grabplatte Elsas letzte verschwiegene Lüge: nicht jünger als Fred war sie gewesen, sondern beträchtlich älter. Ihr gelebtes Leben hat die Arithmetik des Alters aufs Schönste desavouiert.

Wolfram Schütte

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