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Freitag, 25. Mai 2012 | 03:11

 

Man muß mich nicht lieben

20.07.2006

Pflicht und Kür

Stéphane Brizé, der schon für seinen ersten Film, "Le bleu des villes", viel Lob verbuchen konnte, bleibt bei diesem bittersüßen Werk zwischen charmanter Komik und sensiblem Drama bescheiden.

 

Man muß mich nicht lieben
Je ne suis pas là pour être aimé.
F 2005.
Regie: Stéphane Brizé. 
Mit Patrick Chesnais, Anne Consigny, Georges Wilson, Lionel Abelanski, Cyril Coupon u.a. 93 Min. Kool
ab 20.7.06

Der Tango ist alles, was Jean-Claude Delsart nicht ist: feuerrot statt aschfahl, kraftvoll statt ausgelaugt und leidenschaftlich statt ernüchtert. Dieser schlappe, emotionslose Mann hat zunächst wenig an sich, das den Zuschauer für ihn einnehmen könnte. Wer mag schon einen Gerichtsvollzieher, der offensichtlich vom Leben nicht viel hält und zum Lachen in den Keller geht. Um so überraschender ist es, daß er seinen schleppenden Schritt eines Tages zu einem Tangotanzkurs dirigiert. Plötzlich zeigt sich Farbe auf der Leinwand, Rot, Orange und Gold, und Jean-Claude nimmt Haltung an, und aus Schlurfen wird Schweben. "Heute bin ich mal verrückt", scheint er sich heimlich zu sagen, und wagt es sogar, eine kleine Hoffnung aufkeimen zu lassen.

Stéphane Brizé, der schon für seinen ersten Film, "Le bleu des villes", viel Lob verbuchen konnte, bleibt bei diesem bittersüßen Werk zwischen charmanter Komik und sensiblem Drama bescheiden. Besonders sehenswert daran ist die respektvolle Distanz zu den beiden Hauptdarstellern, deren Schicksal nicht aufgeblättert und in allen Einzelheiten präsentiert wird. Die Kamera verhält sich genauso schüchtern wie Jean-Claude und Françoise, jederzeit bereit, den Blick abzuwenden. Nur beim Tango schleicht sie sich dann doch näher an die beiden heran und fängt ein bißchen von der zarten Romantik ein, die die beiden Tanzenden umgibt. Vieles an der Geschichte ist vorhersehbar; kurze Schnitte und Wiederholungen fangen die ganz normale Langeweile des ganz normalen Lebens ein, und das Drehbuch bietet keine Überraschungen.

Aber das ist auch gar nicht so wichtig. Brizé interessiert sich für diese fast alltäglichen Enttäuschungen und Hoffnungen. Seine Geschichte braucht nicht wild drauflos zu stürmen, seine Schauspieler werden nicht in ein enges Korsett aus ausgefeilten Dialogen gezwängt, sondern dürfen sich mit langem Schweigen und nach innen gekehrten Blicken begnügen. Daß der Zuschauer dabei so viel mehr hört als gesagt wird, ist der hervorragenden Besetzung zu verdanken: Patrick Chesnais als alternder Mann, der fast verwelkt seinen Pflichten nachlahmt, und Anne Consigny, die mit ihren stets leicht amüsierten Lachfältchen im Augenwinkel das blühende Leben selbst zu sein scheint, machen diesen Film über eine zweite Chance absolut sehenswert.

Kerrin Anke

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Schnitt Filmmagazin

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