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Auf den 40. Internationalen Hofer Filmtagen

02.11.2006

Familien-Bande, gleich mehrfach

Von Wolfram Schütte

 

Es dürfte wohl kein Film- oder auch kaum eine anderes Festival auf der Welt geben, das seine vierzigste Wiederkehr feiert und immer noch vom gleichen Leiter und manchem anderen “altgedienten” Teammitglied ausgerichtet wird - außer den einzigartigen “Hofer Filmtagen” und ihrem Spiritus rector, der immer noch pilzköpfigen & alerten Heinz Badewitz. Längst könnten die jungen Debütanten, die im “Home of Films” (wie Wim Wenders den Namen der oberfränkischen Metropole umdeutete) die Enkel von Badewitz sein, der jedoch immer noch nicht der Opa, sondern wie stets zuvor der enthusiastische väterliche Freund aller Newcomer in der deutschen Filmszene ist - und seien es auch, wie in den vergangenen 40 Jahren auch nicht selten, nur “Eintagsfliegen”, die einmal mit ihrem Film und ihrem Team sich den erstaunlicherweise immer aufs Neue nachgewachsenen jungen Publikum präsentieren durften & dann von der Bildfläche verschwanden. Andere aber begannen hier ihre Karriere oder wurden erst wirklich in der Enge des wie immer reichhaltigen Programms, das diesmal um einen, nämlich auf fünf volle Tage erweitert wurde, vom Publikum, den Kritikern und den Verleihern und Fernsehredakteuren entdeckt.

Die Retrospektive war zum Jubiläum gewissermaßen “Hofer” Filmemachern gewidmet - wie Wenders, Herzog, Straub, Blumenberg, Fleischmann, Noever, Schmid, Tykwer oder Schlingensief, der die Laudatio auf den diesjährigen Hofer Filmpreisträger Alexander Kluge hielt, der sich artig mit der Bemerkung bedankte: “Vom Herzen her lieben wir dieses Festival mehr als die großen von Cannes oder Venedig”.

Eine Wahrheit gewiss auch für alle anderen, die seit Jahrzehnten ins herbstliche Hof mit Saus & Braus einfallen - nur dass Kluge schon lange das von ihm so enthusiastisch gefeierte Kino mit dem Fernsehen vertauscht hat. Das Schicksal, ihr Publikum (oft spät nachts) nur noch im Fernsehen suchen & finden zu können, teilen aber die meisten der neuen deutschen Filme in Hof (oft von Absolventen unserer Filmhochschulen) mit Kluges späten essayistisch-karnevalistischen Arbeiten in den Nischen der kommerziellen Sender.

Einmal das Publikum zum Greifen nahe

Nur in Hof präsentieren die Filme sich einmal, zweimal auf der Kino-Leinwand und ihre Regisseure samt angereistem Team sehen sich einem konkreten, “zum Greifen nahen” Publikum konfrontiert (& nicht der “Quote”) - eine sinnliche Erfahrung von “unabhängiger Öffentlichkeit” (Kluge), die dann mancher nie mehr oder nur noch höchst selten machen und nach der wohl der wirkliche wie auch der bloß eingebildeten Künstler gieren dürfte. Das ist der intime wie kollektive Reiz der “familiären” Hofer Herbst-Filmtage.

“Hof”, das sich seit es zwar in die Jahre gekommen, aber dennoch hauptsächlich jung geblieben ist, seit längerem schon “Internationale Hofer Filmtage” nennt, bietet sie ihnen allen - aber auch ausländischen Regisseuren, wie im Lauf der Zeit z. B. Monte Hellman, Sam Fuller, Brian de Palma, Roger Corman, Atom Agoyan oder Mike Leigh, von denen einige herzliche Hommagen, erinnerungssatte Grüße für das großartige Buch “Home of Films” geschickt haben, in dem ein Rückblick auf die 40 Jahre Kino & Fußball in Wort & Bild dokumentiert werden: eine Schwelgerei in Erinnerungen, die “allen Besuchern der Hofer Filmtage“ gewidmet ist und beim Verlag “rekkenze” für 18 ¤ erschienen ist.

Kaum möglich (zumindest in vernünftiger Dosierung) ist es, alle der rund 100 oder der 25 deutschen Filme während der Hofer Filmtage zu sehen. Jeder wird sich seinen Weg selbst wählen müssen, weil Badewitz als Alt-68iger sich als Programmierer anti-autoritär verhält - außer beim Eröffnungsfilm.

Bajuwarische Folklore zum Beginn

Da setzt er, wie im vergangenen Jahr mit “Napola“, so diesmal mit “Schwere Jungs” aufs Populäre. Dieses “Wunder von Oslo”, wie der mit folkloristischem Humor und fettleibigem Pathos ausgestatte Bobfahrerfilm in Anlehnung an Sönke Wortmanns Fußball-Märchen von Bern ´54 heißen könnte, stammt von Marcus H. Rosenmüller, der sich mit dem klischierten Bajuwarismus von “Wer früher stirbt, ist länger tot” bereits dem Rest der Republik sattsam empfohlen hatte. Oh, wie fern ist da doch der bairische Anarchismus Herbert Achternbuschs heute - und wie nahe die abgehangene Brauchtumspflege in Rosenmüllers Heldenlegende der “Schweren Jungs”, die den Nachkriegsdeutschen vor den “Helden von Bern” eine olympische Goldmedaille bescherten!

Typisch für das folgende Programm war die Eröffnung nicht. Allein schon Titel wie “Zwei Frauen”, “Drei Mütter“, “Vier Töchter“, “Rabenbrüder” oder “Schwesterherz” annoncierten andere Akzente, die vielleicht am besten durch den offenherzigen Titel von Alain Gsponsers “Bummm! Deine Familie, dein Schlachtfeld” gekennzeichnet waren: Familientragödien, Identitätssuchen, Abtreibungen, Heimsuchungen, Vereinsamungen. Erstaunlich, dass auch Aki Kaurismäkis jüngster Film “Lichter der Vorstadt” - eine prägnante Studie über die Einsamkeit eines tumben Toren als Wachmann - in diese deutschen familiaristische Problemzone ebenso passt, wie Philippe Liorets “Je vais bien, ne t´en fair pas” (Mach Dir keine Sorgen, mir geht´s gut) . Das plötzliche Verschwinden ihres Zwillingsbruders stürzt seine neunzehnjährige Schwester in eine lebensbedrohliche psychische & physische Krise, welche auch ihre kleinbürgerlich korrekten Eltern in der bürgerlich intakten Pariser Vorstadt erfasst und selbst dann als unausgesprochenes Geheimnis fortschwärt, nachdem die Zuschauer dieses Familienthrillers des verheerenden Rätsels Lösung kennen - es sei denn, hinter dem erkannten Faktum verberge sich noch ein vom Film selbst verschwiegenes weiteres Geheimnis: die inzestuöse Verbindung der Zwillinge.

Der 1959 in Frankfurt a.M. geborene Rainer Kaufmann, der gerade seine Verfilmung der Martin Walser-Novelle “Das fliehende Pferd” vorbereitet, inszeniert den Suspense einer unehelichen Tochter, die - bei Fremdeltern aufgewachsen - nun als junge Frau nach ihrer leiblichen Mutter Ausschau hält, sie ausspioniert und ihr nahe & immer näher kommt (ohne sich zu erkennen zu geben) - und (aufgrund des Drehbuchs von Gabi Blauert) Zeugin der unterschiedlichen Lebensschicksale der drei (!) legitimen Töchter der ebenso rastlos erfolgreichen, lieblosen wie professionellen fünfzigjährigen Immobilienmaklerin wird, die gerade auch noch ihren Ehemann verliert. Es ist ein nicht ohne Witz und Spannung erzähltes Melodrama über eine Mutter Courage im Jaguar, das seinen Zentral-Konflikt mehrfach als Ehe-& Familienporträt verspiegelt: durch die ungewöhnliche Konstellation einer dreifachen Mutter & rigiden Geschäftsfrau mit erwachsenen Töchtern.

Thema & Variationen im Kollektiv

Die Dramaturgie, ein Thema mehrfach in unterschiedlichen Geschichten sich spiegeln zu lassen - kurz: das Robert-Altman-Modell polyphonen filmischen Erzählens - hat vier männliche und eine weibliche Absolventin der Kölner “Kunsthochschule für Medien” zusammengeschweißt. Für Buch & Regie zeichnen sie alle gemeinsam verantwortlich: Erica von Möller, Florian Mischa Böder, Peter Bösenberg, Gerrit Lucas und Alexander Tavakoli. Ich würde mir nicht zutrauen, aus der ästhetischen Geschlossenheit ihres flüssig erzählten Films “Die österreichische Methode” ihre möglicherweise individuellen Handschriften herauszulesen. Sie haben sie ja selbst verwischt - in ihrer fünffachen Variation eines weiblichen (!) Begehrens nach dem: Selbstmord , “in der selben Stadt, am selben Tag, in Situationen, die wir alle sehr gut kennen“. Ist das eine spielerische Fingerübung in kollektiver artistischer Arbeit oder mehr als ein gelungenes künstlerisches Experiment mit sentimentalischer Neigung (denn Zynismus fehlt in diesem Selbstmörder-Reigen) über eine menschliche Grenzerfahrung der Lebensangst, der sich diese Mittdreißiger über die seelische Befindlichkeit ihrer Generation aussetzt?

Der in Offenbach geborenen Felicitas Korn ist zwar ihr erster Spielfilm “Auftauchen” nicht vollauf gelungen, weil sie die Außen-, nämlich die Studien- & Berufswelt der freelance-Fotografin Nadja stiefmütterlich behandelt. Dafür konzentriert sich ihr suggestiver Blick ganz auf die erotisch-sexuelle Kommunikation ihres “durchs Leben stürmenden” weiblichen Singles, das punktuelle schnelle Sensationen sucht. Durch die zuerst zurückhaltende, den naheliegenden o­ne-Night-Stand zurückweisende Haltung des jüngeren Zivis Darius lernt sie eine innehaltende, intensivere Liebesbeziehung kennen, die sich zu einer rauschhaften amour-fou steigert und daran verbrennt und diese besitzergreifende Beziehung ruiniert, der sich Darius, ein Romantiker und Solipsist, endgültig entzieht, als Nadja, nach einer vorübergehenden Entfremdung nach einer Abtreibung, erneut falsch reagiert. In dieser von Henriette Heinze mit Kraft & Leidenschaft verkörperten Nadja hat Felicitas Korns “Auftauchen” sein darstellerisches Zentrum & Rätsel und in der Radikalität der erotischen Kamera (Kai Gauditz) und deren Montage eine Intensität, die einen an die vergleichbare Intensität & Schamlosigkeit der Exzessivität von ferne an Oshimas einstiges Skandalon “Im Reich der Sinne” denken lässt.

Zwischen Trash & romantischer Märchenwelt

Mit schrillen, Trash & Punk ausreizenden Short-Cuts (in “dokumentaristisch” anmutendem Schwarz/weiß) erzählt der Schweizer Regisseur Oliver Rihs von mehreren “Schwarzen Schafen”, die im bekanntlicherweise “armen, aber sexy Berlin” sich gegenwärtig dabei abstrampeln, mit faulen, frechen & vor allem vulgär-geschmacklosen Tricks, Ideen und Betrügereien an Geld, Weiber & Stoff zu kommen oder sich wenigstens über Wasser zu halten.

Natürlich ist das ein outrierter Schlag ins aufgeräumte Kontor der Krisengewinnler, mit kabarettistischer Verve ausgeführt von einer wechselnden Bande von Habenichtsen, Außenseitern, Spinnern & herumhängenden Tagedieben. Erkennbar sympathisiert Rihs mit seinen “Schwarzen Schafen” in den fünf parallel geführten Geschichten von “Loosern”. Trotz manchmal bloß fäkalischer Komik und der inzestuösen Schändung einer komatösen Oma auf dem Satanistentisch ist dieses “schwarze” filmische Kasperletheater aus dem Berliner Underground von Grund auf sentimental: gleich zwiefach sorgte die kalte Dusche in Berliner Kanälen & Seen für märchenhaft-versöhnliche happy-endings.

Entschieden märchenhaft & ein wenig (auch) kitschig ist erst recht Toke Constantin Hebblens sechzigminütige (um mit Jean Paul zu reden) Phantasie über die Phantasie “Nimmermeer”, der neben “Schwarze Schafe” den erstmals in Hof vergebenen Förderpreis der HypoVereinsbank erhielt und den exaltierten Autor zum “glücklichsten Regisseur der Welt” machte. An dieser Geschichte des auf dem Meer gebliebenen armen Fischer und seines verwaisten Sohns, der sich am Ende einer Zirkustruppe anschließt, bestach die Jury & auch das Publikum der visuelle Reichtum und die szenische Kleinmeisterschaft, mit geringsten ökonomischen Mitteln stimmig-suggestive Bilder von einem romantischen 19.Jahrhundert zu entwerfen, die ganz von Ferne an Dalí und Fellini erinnern.

Ja - neben manchem anderen möglichen Entdeckungen und Expeditionen der 40. Internationalen Hofer Filmtage habe ich leider auch den neuen Thriller “Eine Stadt wird erpresst” von dem großen Dominik Graf verpasst: im Kino, wo er hingehört. Es war der Preis für die Erneuerung einer alten persönlichen Freundschaft, die in zwei Jahrzehnten des Schweigens verschwunden schien. Auch das gehört zum Glück auf den Hofer Filmtagen: Wiederfinden.

Wolfram Schütte

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