Festivalbericht Mannheim-Heidelberg
27.11.2006
Geheimnisse & Schrecken der Familie
Auf dem 55. Internationalen Mannheim-Heidelberger Filmfestival
Diesmal hat man sich zum 55. Jubeljahr des zweitältesten deutschen Filmfestivals etwas Bizarres einfallen lassen. Weil der Film als die siebte & letzte Kunst “es nicht geschafft hat, ins Reich der Vornehmheit und bürgerlichen Repräsentanz vorzudringen“, wie der Festivalleiter Michael Kötz mit einem ironischen Anflug des Bedauerns in seiner Eröffnungsrede behauptete, hat er sich vier “Gala-Abende” ausgedacht, zu deren Auftakt eine Pianistin mit Sopranist- & Geigerinnen “Live-Musik” spielte, die sie entsprechend dem folgenden Film selbst ausgewählt hatte. Das war eine halbwegs surrealistische Idee, weil wohl noch nie ein Kinopublikum, gewiss aber doch dessen überwiegende Mannheimer Mehrzahl mit derlei Kammermusik sich konfrontiert sah. Dem freundlichen Applaus entsprechend hat es aber diese seltsame Zugabe der Hochkultur auf dem Festival des Autorenfilms durchaus goutiert.
Beinahe wäre aber einmal DADA daraus geworden - weil die Pianistin für einen kroatischen Film ursprünglich serbische Kompositionen zur Einstimmung ausgesucht hatte, was gerade noch verhindert werden konnte. Dabei waren ja in Drazen Marinkovics melancholischem Nachruf auf eine Adria-Insel vor der jetzt kroatischen Küste (“Die Kartenspieler”) durchaus die ehemaligen serbischen Hausbesitzer als Abwesende anwesend. In seiner bärbeißig-komischen Tragikomödie um drei alte Kartenspieler auf einer Insel, denen der vierte Mitspieler weggestorben ist, erzählt der Kroate immer auch von der menschlichen Verwüstung, welche der Balkankrieg der Neunziger Jahre in dem einstigen jugoslawischen Sommerferien-Idyll hinterlassen hat.
Wie hier eine “Völker-Familie” politisch zerstört wurde, so stand in zahlreichen anderen Filmen des diesjährigen Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg die (bürgerliche) Familie thematisch im Zeichen des “Bandenkriegs” aller gegen alle - und zwar quer durch alle Sektionen des Festivals, das seinen zwanzigteiligen Wettbewerb von “Newcomern” durch “Internationale Entdeckungen“ und “Special Screenings“ ergänzte & aufmöbelte, um herausragende Autorenfilme, die andernorts bereits an Wettbewerben teilgenommen hatten, dem durchaus altersmäßig gemischten Publikum darzubieten.
Komödiantisch verschlungen traten “Familienbande” in dem gleichnamigen südkoreanischen Beitrag” von Him Tae-yong zutage, in dem isländischen “Dicker als Wasser” (von Árni Ólafur Ásgeirsson) reißt aber die Entdeckung eines “Kuckuckskind” eine glückliche Familie auseinander und in dem schwedischen “Großer Bruder, kleiner Bruder” von Magnus Hedberg endet das unverhoffte Familientreffen zweier Brüder & ihrer Frauen im abgelegenen Sommerhaus in einer Katastrophe, bei der sich Ingmar Bergman und Michael Haneke als geistige Väter die Hand geben.
In Oliver Peyons Debüt “Gestohlene Ferien” spielt eine Ikone der Nouvelle Vague, nämlich die nun weißhaarige Bernadette Lafont, eine ebenso gewitzte wie couragierte Großmutter, die ihre Enkel aus einer Patchwork-Familie zuerst in ungeplante Ferien in ein Nobelhotel am Genfer See entführt und sie dann mit wachsender krimineller Energie zu Geiseln ihrer zwangshaft-verzweifelten Reise in die eigene Vergangenheit als Lehrerin in den französischen Alpen macht.
“An einem Sommertag” in der französischen Provinz (von Franck Guérin) wird Mickael, der arrogante Sohn aus reichem Hause, während eines Fußballsspiels vom Querpfosten des Tors erschlagen, an dem er übermütig Klimmzüge gemacht hatte. Sein jüngerer Freund Sebastien, Sohn eines Automechanikers, war dem schnöselig-brutalen Macho bewundernd & schwärmerisch-homoerotisch zugetan. Nicht nur er sieht sich nun, wie die Mutter des Toten, zuinnerst erschüttert, sondern auch der Bürgermeister des Ortes gerät durch die Untersuchungen der Polizei zur Ursache des tödlichen Unglücks ins gesellschaftliche Zwielicht und unter psychischen Druck. Dieses zurückhaltend, fast sprachlos inszenierte Debüt bestach durch die Mehrdeutigkeit seiner phänomenologischen Beschreibung, die es den Zuschauern dieses Melodramas anheim stellt, hinter die unausgesprochenen emotionalen Ver(w)irrungen und pubertär-erotischen Geheimnisse im Beziehungsgeflecht der trauernden Personen zu kommen.
Künstlerische Gratwanderung zum Kindsmissbrauch
Noch raffinierter, ästhetisch subtil auf dem schmalen Grat zwischen komödiantischem Horror und einer unterdrückten Familientragödie virtuos balancierend, nähert sich der Däne Peter Schonau Fog in seinem Debüt “Die Kunst des Weinens” seinem riskanten Sujet. Wie der Wettbewerbsbeitrag des Norwegers Erik Richter Strand (dessen “Söhne“ sich mit der Päderasterie beschäftigen) richtet der Däne den Fokus seiner Erzählung auf Kindesmissbrauch in der Familie - gesehen durch die unaufgeklärten Augen eines Elfjährigen, der sich unbewusst zum Helfershelfer seines selbstmitleidigen, autoritären Vaters macht. Immer wieder, wenn sich der Vater gedemütigt fühlt, droht er sich umzubringen und verfällt in Weinen. Dann muss nachts - wenn sich die (wissend-duldende) Mutter mit Schlaftabletten ausgeklinkt hat - die vierzehnjährige Tochter Sanna den einsamen greinenden Vater im Wohnzimmer auf der Couch “trösten” und aufheitern. Seine “Kunst des Weinens” ist die Kehrseite seines autoritären Charakters, der sich damit das Surplus sexueller Befried(ig)ung zur Wiederherstellung des Familienfriedens von seiner pubertierenden Tochter erpresst.Der Blick Schonau Fogs in eine scheinheilige, verdruckste Familienhölle im ländlichen Dänemark der frühen Siebziger Jahre spart auch nicht mit groteskkomischen Momenten, aus deren Komik der tragische Hintergrund erst recht mit zerstörerischer Wucht hervortritt: das missbrauchte Mädchen wird zu einem Fall für die Psychiatrie, während der Vater, nachdem ihm sein Selbstmord misslungen und er ins Gefängnis gekommen war, von seiner Frau, seinem Sohn und der dörflichen Gemeinde danach wieder aufgenommen wird - als habe er ein familiäres Kavaliersdelikt abgebüßt. Künftig wird ihn sein Sohn wohl “trösten”.
Epos von Sein und Zeit in einem türkischen Dorf
“Die Kunst des Weinens” war der eine Höhepunkt des diesjährigen Wettbewerbs; der andere hieß “Zeiten und Winde”, ist der bereits vierte(!) Film von Reha Erdem und kam aus der Türkei - und könnte ästhetisch dem dänischen tragikomischen Melodrama nicht ferner sein, wenngleich auch hier archaisch-autoritäre familiäre Gewaltverhältnisse in einem Bauerndorf in den Bergen mit dem Blick auf das ferne Meer im Zentrum stehen. Reha Erdem richtet den Fokus seiner visuell eindrucksvollen Erzählung, wie im iranischen Kino eines Kiarostami, auf die insgeheime kindlichen Revolte gegen den “Padre Padrone” (wie der auf Sardinien spielende, thematisch verwandte Film der Brüder Taviani die strukturelle Gewalt der Tradition im bäuerlichen Universum benannte).
Der 12jährige Ömer versucht, die Krankheit zum Tode seines bösartigen Vaters, des Imams des Dorfes, zu beschleunigen, weil dieser seinen Erstgeborenen schikaniert und in seinen gerade geborenen zweiten Sohn vernarrt ist. Ömers Freund, Blutsbruder & Mitwisser Yakup wird Zeuge, wie sein Vater von dessen Vater gedemütigt und lächerlich gemacht wird - und zugleich doch auch die junge, aus der Stadt in die ferne Provinz versetzte Lehrerin beäugt, in die sich Yakup verliebt hat. Und die kleine Yildiz, von der Mutter zu sklavischem Gehorsam gezwungen, beobachtet, wie die Eltern das tun, was sie an den Ziegen & Eseln kichernd beobachtet hatte. Die traditionellen elterlichen Autoritäten, denen sie sich beugen müssen, sind zumindest in ihren Gedanken fragwürdig geworden.
Tief senkt Reha Erdem diese kleinen Revolten in panoramatisch einsetzende Landschaftstableaux zu verschiedenen Tages- & Nachtzeiten ein, aus denen der ruhige Zeit-Fluss seiner Vergegenwärtigungen des bäuerlichen Universums besteht. Die schwermütige Streicher-Musik Arvo Pärts taucht diese kleine, aber reich in ihren Gesten & Riten beschworene Welt von dörflicher Gesellschaft, bäuerlicher Arbeit auf verkarsteten Hügeln und in die Ferne des Meeres schweifendem Sehnsuchtsblick der Kinder in die Aura der Melancholie aus wechselndem Licht und Wind. Die Zeit des Lebens wird skandiert von den fünfmaligen täglichen Gebeten, die der Imam (oder die ihn vertreten müssen) vom Minarett über das Dorf singt - und irritiert durch die rätselhafte Poesie von Nature-morte Bildern, auf denen die Kinder (wie Abgestürzte) unter Blättern begrabenen zu sein scheinen. Reha Erdens “Zeiten und Winde” besitzt den großen erzählerischen Atem einer orientalischen Epik, deren Stillstand von zarten Gesten des Widerstands und der befreienden Rebellion unterwandert wird. Das ist großes Kino aus dem dialektischen Geist Luchino Viscontis.
Trauriges Ende einer norwegischen Maoistin
Das 55. Internationale Mannheim-Heidelberger Filmfestival widmete seine diesmaligen Retrospektiven dem zum “Master of Cinema“ erklärten Russen Alexander Sokurow und als Erinnerung dem Polen Krzystof Kieslowski: zwei eigenwilligen Metaphysikern des Kinos, deren Oeuvre entweder die deutschen Kinos wie im Falle Sokurows nur rudimentär erreicht hat oder wie bei dem vor 10 Jahren gestorbenen Kieslowski schon wieder bei uns vergessen scheint. Vor allem Sokurows enigmatische Filme haben nichts von ihrer rätselhaften Fremdheit verloren, die ihre visuelle Textur durchwirkt, der oft durch Viragierungen & Unschärfen den Eindruck historisch verblichener Dokumente zuwächst, die von der befremdlichen Spezies Mensch überliefert sind. Während er in “Moloch” Hitler auf dem Obersalzberg und den sterbenden Lenin in “Taurus” zu kreatürlichen Monstren des Wahnsinns & der Angst vermindert, pathetisiert er in “Vater und Sohn” und “Tage der Finsternis” seine männlichen Helden zu muskulös-sportiven Monumenten eines sensitiven Männerkults, der besonders in “Vater und Sohn“ inzestuös-schwule Züge zu haben scheint.
Aber neben den Retrospektiven und dem von der Familienthematik dominierten Wettbewerb bot das diesjährige Festivalprogramm noch andere Entdeckungen, von denen zwei der bemerkenswertesten nicht unerwähnt bleiben sollen.So gelingt in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm “Schöne Aussicht” der Belgierin Inès Rabadán eine brillant-bösartige Märchenfarce über das spekulative Treiben die Jeunesse dorée der Gegenwart, die von einer spanischen Zigeunerin aus Wut & Rache ins Jenseits befördert wird. Der Norweger Hans Pedder Moland rechnet in seinem historischen Rückblick “Genosse Studienrat” mit dem selbstzerstörerischen Wahn maoistischer Fellowtraveller ab, die - angesteckt vom visuell vermittelten Kollektivismus der chinesischen Kulturrevolution und der Praxis sexuellen Befreiung aus bürgerlichen Banden - sich einer rigorosen geheimbündlerischen Parteidisziplin unterwerfen. Molands virtuos mit zeitgenössischem Dokumentarmaterial ausgefütterte Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang arbeitet nicht mit dem nachträglichen denunziatorischen Blick auf diese katastrophale Education sentimentale, an der Nina, die bis zur letzten Isolation fanatisiert bleibende ehemalige Medizinstudentin, zugrunde geht.
Aber dieser unverhofft aus Norwegen kommende, zunehmend bewegende Nachruf auf eine studentische Jugend, die sich der “Diktatur des Proletariats” verschrieb und allein sich diktatorisch proletarisierte, fördert durch eine manchmal leicht ironische Inszenierung den Zwangscharakter einer vermeintlichen Befreiung als lächerliche und terroristische Groteske zutage. Was als eine “höhere Art von Indianerspiel” begann, endet in Verzweiflung, Selbstmord und Hilflosigkeit. Maos “Kulturrevolution” hat nicht nur in China gewütet.
Vermutlich hätte auch dieser erstaunlich behutsame und sympathische Film auch in unseren Alternativkinos eine Chance. Ich jedenfalls traf in Mannheim auf den einen oder die andere “Betroffene”, die glücklich dem Schicksal der Filmhelden entgangen waren und sich selbst & ihre (heute) “unfassbare” ideologische Verblendung in Hans Pedder Molands “Genosse Studienrat” wiedererkannten.
Wolfram Schütte
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