Vom Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki
25.03.2007
It’s a Wild World
Zu den Schwerpunkten des Programms in Thessaloniki zählten die Menschenrechte, ökologische Probleme und die verzweifelte Lage von Kindern, insbesondere in der Dritten Welt. Ein Bekenntnis zum Dokumentarfilm als Kunstform, die die Welt nicht nur beschreiben, sondern verändern will.
Von Thomas Rothschild
Wie war das? Der Gründung der EWG sei es zu danken, dass es in den vergangenen fünfzig Jahren in Europa keine Kriege gab? Vielleicht sollten die Fernsehhistoriker das Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki besuchen und sich über die Kriege im einstigen Jugoslawien informieren.
Wie war das? Der Kapitalismus garantiert Freiheit und Demokratie? Vielleicht sollten die Politiker das Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki besuchen und sich über die faschistischen Diktaturen informieren, die der Kapitalismus in den vergangenen hundert Jahren hervorgebracht hat.
Wie war das? Die Vereinigten Staaten von Amerika sind die verlässlichsten Verteidiger der Menschenrechte? Vielleicht sollten die Kommentatoren der deutschen Presse das Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki besuchen und sich über die Machenschaften der CIA oder über die Verbrechen von Konzernen wie zum Beispiel in Bhopal informieren. Mit einer weiteren Lüge räumt der Dokumentarfilm gründlich auf: mit der Lüge vom Segen der Familie. Es gibt sie zwar, die lebenslange Harmonie zwischen Frau und Mann, zwischen Kindern und Eltern. Aber was es ebenso gibt, sind Überdruss und Ekel am Partner, Hass oder zumindest Gleichgültigkeit von Kindern gegenüber ihren Eltern, Mütter, die ihre Töchter verkaufen, Väter, die ihre Söhne zum Stehlen erziehen, und immer wieder Prügel, Prügel, Prügel. Wo bleibt das staatliche Programm, das in erster Linie jene unterstützt, die aus einer (niemals) intakten Familie herausgefallen sind?
Der Dokumentarfilm zwingt hinzuschauen auf all das, was die Fernsehnachrichten zwischen Aktienkursen, Bundesliga und Hochzeiten oder Schwangerschaften von Schönen und Adeligen verstecken: auf vergessene Städte (“Priretschnyj – Die Stadt, die nicht mehr existiert”) und vergessene Menschen (“Forgotten Fools”), auf Kinder im Gefängnis und auf dem Strich, auf die Folgen von Drogen und Doping.
Die Filme von Andrej Tarkovskij sind zutiefst reaktionär. Dennoch sind sie große Kunstwerke. Die Filme von John Ford sind rassistisch und bigott. Trotzdem gehören sie zu den Höhepunkten der Filmkunst. Wir wissen: was wir in diesen Filmen sehen, ist nicht das Russland, das Italien, das Schweden der achtziger Jahre, sondern die Welt Tarkovskijs, nicht der amerikanische Westen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, sondern John Fords Konstrukt.
Die Wirklichkeit jenseits des Films
Anders beim Dokumentarfilm. Er gibt vor, etwas über die Wirklichkeit jenseits des Films auszusagen. Daran muss er gemessen werden. Daher ist es selbst für professionelle Kritiker unmöglich und es wäre inadäquat, bei Dokumentarfilmen mit politischem Anspruch die Machart von der “Botschaft” zu trennen. Filme wie “Das Ende des Neubacher-Projekts”, “Ein Lied für Argyris”, “New Year Baby” oder “Spider‘s Web” gehen einem so sehr unter die Haut, dass es schwer fällt, ihre Ästhetik zu analysieren und zu bewerten. Sie gehören der Kunst an, aber auch dem Journalismus und der politischen Aufklärung. Daher zählt bei ihrer Machart die Effizienz und Überzeugungskraft nicht weniger als ihre “Schönheit”.
Der Dokumentarfilm handelt von Tatsachen, nicht von Meinungen. Wenn jemand einen vierstündigen Film über Andy Warhol dreht, muss er seinen Gegenstand aufwerten, um die Zuschauer davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, einen halben Arbeitstag lang mehr oder weniger erhellenden bebilderten Kommentaren aus dem Off zuzuhören. Also setzt er einen Kunsthistoriker vor die Kamera, der Warhol den bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts nennt. Darunter tut er’s nicht. Was besagt das über Andy Warhol? Absolut nichts. Es teilt uns lediglich mit, dass es jemanden gibt, der ihn für den bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts hält. Eine aus tausend möglichen Meinungen vom Filmemacher ausgewählte Meinung soll den Charakter einer Wahrheit annehmen.
Noch vor ein paar Jahren führte der Authentizitätsanspruch das große Wort. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Dokumentarfilm stets und unvermeidlich inszeniert ist. Heute scheint er diese Tatsache geradzu demonstrativ bewusst machen zu wollen, vielleicht auch, weil das ins Fernsehen verbannte Genre neuerdings im Kino eine Chance hat, wenn es sich dem Spielfilm annähert.
Am deutlichsten wird das im maßlosen Einsatz von Musik. Viele Dokumentarfilme sind von der ersten bis zur letzten Einstellung mit einem Musikbrei zugeschüttet. Manchmal tragen Songtexte zum Thema bei, oft soll die Musik emotionalisieren, meist signalisiert sie nur die Angst vor der Stille. Auch die Bewunderer Andy Warhols scheinen der Kraft des Visuellen nicht zu vertrauen. Die Ohren werden verstopft, damit die Augen nichts mehr sehen.
Die Unterscheidung von Dokumentar- und Spielfilm scheint belanglos bei einem Film wie “Souvenirs” von Shahar Cohen und Halil Efrat aus Israel. Mit einem ausgeprägten Sinn für Komik, der an Alan Berliners “Nobody’s Business” erinnert, begleitet Shahar seinen Vater in die Vergangenheit, in der dieser möglicherweise in Holland ein Kind gezeugt hat. Die Dramaturgie folgt den Konventionen der Komödie. Dahinter aber verbirgt sich unaufdringlich die keineswegs komische Geschichte des 20. Jahrhunderts. “Souvenirs” war einer der originellsten Beiträge zum Dokumentarfilmfestival, das als Filiale des im November stattfindenden großen Filmfestivals in Thessaloniki zum neunten Mal abgehalten wurde.
Eine Reise in die Vergangenheit unternimmt auch Socheata Poeuv, eine Kambodschanerin aus den USA. Mit ihren Eltern sucht sie das Land auf, das diese auf der Flucht vor den Roten Khmer verlassen mussten. Auch hier wird Familiengeschichte zum Katalysator der Geschichte eines Landes. Und wie in dem Schweizer Film “Ein Lied für Argyris” von Stefan Haupt, der vom Massaker im griechischen Dorf Distomo erzählt, wie in der österreichisch-niederländischen Koproduktion “Das Ende des Neubacher-Projekts” von Marcus J. Carney, geht es in “New Year Baby” um die Unfähigkeit der Täter zur Einsicht. Es sind immer die gleichen Ausreden, mit denen sie ihre Beteiligung an Massenmorden rechtfertigen. Es ist schwer auszuhalten, was ein Dokumentarfilmfestival in geballter Form auf den Zuschauer loslässt: diese akzeptierte Ungerechtigkeit, die den Opfern jede Entschädigung vorenthält, die Täter aber nicht um den Schlaf bringt. Die Überlebenden werden weiterhin verhöhnt und gedemütigt.
Aufklärerische Dokumentarfilme
Die Künste haben ihre eigene Geschichte, die sich nur mittelbar mit der allgemeinen Geschichte in Zusammenhang bringen lässt. Kurioserweise aber weisen einzelne Künste, selbst wenn sie nicht, wie etwa die Kirchenmusik oder die Ode, eine Funktion zu erfüllen haben, eine deutliche Präferenz für bestimmte politische Richtungen auf. So tendiert die Country Music oder die westeuropäische Blasmusik eher zu politisch konservativen Einstellungen, die deutsche Liedermacherkultur oder das Straßentheater hingegen zu progressiven Haltungen. Auch der Dokumentarfilm hat eine Geschichte, die sich durch eine Nähe zur Linken auszeichnet. Das lässt sich damit erklären, dass, wer die Welt verändern will, zu Künsten neigt, die sich der Erfahrungswirklichkeit eher als der Erfindung oder der Fantastik widmen.
Aber auch im Dokumentarfilm gibt es unterschiedliche Richtungen. Dass man in Thessaloniki den aufklärerisch politischen Dokumentarfilm bevorzugt, bewies die Würdigung von Barbara Kopple, einer der dezidiert linken Filmemacherinnen aus den USA. Und wenn ein verächtliches Rauschen im Saal die Eröffnungsrede des Bürgermeisters empfing, dann deutet das auf ein sympathisches Demokratieverständnis, das einem Land fehlt, in dem der pure Faschismus zum Vorschein kommt, wenn eine Sängerin erklärt, sie schäme sich dafür, dass der Präsident aus Texas stamme. Davon handelt Barbara Kopples Film “Dixie Chicks: Shut Up and Sing”.
Zu den Schwerpunkten des Programms in Thessaloniki zählten die Menschenrechte, ökologische Probleme und die verzweifelte Lage von Kindern, insbesondere in der Dritten Welt. Auch das ist ein Bekenntnis zum Dokumentarfilm als Kunstform, die die Welt nicht nur beschreiben, sondern verändern will.
Thomas Rothschild
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