Das Kino des 84jährigen (!) Alain Resnais war von jeher experimentell, imaginär, gedankenspielerisch, ritualisiert und künstlich - als sei seine geheime Struktur die des Balletts, dem auch der Schwebezustand der fragilen Schwerelosigkeit, in die Resnais seine Erzählungen von Menschen versetzt, atmosphärisch sehr nahe kommt.
In den letzten zwei Jahrzehnten, etwa ab “Das Leben ist ein Roman” (1983), hat die abgezirkelte Präzision seiner Erzählstruktur mathematische Eleganz angenommen; zugleich hat er im Kino (wie kein anderer seiner Zeit) eine mise-en-scène kultiviert, bei der das Studio als theatralische Bühne wieder auflebt mit Auf- & Abtritten der Personen in wechselnden Interieurs. Das “Theater” (als Darstellungsform) kehrt bei Resnais aber zurück in der Form des Boulevards, leichtgewichtig, scheinbar oberflächlich und trivial - als Ort der alltäglichen Sehnsüchte und Ängste, der Illusionen und Wünsche, in deren Auf- & Ab seine Personen verfangen sind: Liebe, Leid und Zeit und keine Ewigkeit.
“Das Leben” mag ein Roman sein; aber es ist auch ein bittersüßer Schmerz im durch und durch ironischen Kino des Alain Resnais, dessen Augenzwinkern nicht nur Lächeln provoziert, sondern auch zarte Tränen. Der französische Regisseur könnte wie Arno Schmidt sagen: “Mein Herz gehört dem Kopf”; aber es schlägt dort nicht minder heftig.
Besonders jetzt in seinem jüngsten Film nach dem Theaterstück “Private fears in public places” des englischen Bühnenautors Alan Ayckbourn, der schon einmal die Vorlage für Resnais´ Doppelfilm “Smoking /No Smoking” (1993) geliefert hatte. Die privaten Ängste an öffentlichen Plätzen des ihm befreundeten Engländers hat Resnais ganz und gar in ein französisches Ambiente übertragen. Nur ein Scarborough-Plakat in der Wohnung einer der Personen fungiert als ein “private joke“: in dem englischen Seebad führt Ayckbourn jährlich seine neuen Theaterstücke auf.
Wie ein Theaterdirektor verhält sich auch Resnais, der schon eine geraume Zeit seine Filme mit dem gleichen Grundensemble bekannter französischer Film- & Theaterschauspieler macht: mit Sabine Azéma, Pierre Arditi, André Dussollier und Lambert Wilson. Sie spielen auch nun in Resnais´ “Herzen” mit, ergänzt von der jungen Französin Isabelle Carré und der Italienerin Laura Morante. Sechs Personen mit “Verbrannten Herzen”, wie der zweistündige “Reigen” entflammter Wünsche und zu Asche gewordener Hoffnungen beinahe einmal gehießen hätte - wenn Resnais nicht den Zuschauern die Freiheit lassen wollte, sich auf die unterschiedlichen Herzensangelegenheiten seiner sechs Personen ihren eigenen Reim zu machen.
Es sind Paarungen, mit denen er uns nach und nach bekannt macht und die Resnais - wie in Schnitzlers erotischem “Reigen” - in Bewegung versetzt. Gemeinsam älter geworden und partnerlos geblieben sind Bruder und Schwester Thierry & Gaelle; eine Dreizimmerwohnung in bester Pariser Lage suchen die Verlobten Nicole & Dan; von seiner etwas spinnerten, aber bezaubernd lächelnden jüngeren Mitarbeiterin Charlotte ist der soignierte Wohnungsvermittler Thierry mehr und mehr hingerissen, während seine jüngere Schwester Gaelle vor ihm verheimlicht, dass sie sich abends nicht mit ihren Freundinnen trifft, sondern (meist vergeblich) auf den Mann ihres Lebens wartet, den sie mit einer Bekanntschaftsanzeige gesucht hatte. Und Lionel, der melancholische Barkeeper in einem Nobelrestaurant & -hotel, der allabendlich den Monologen Dans, des schimpflich aus der Armee entlassenen Offiziers zuhören muss, hat zuhause einen ebenso moribunden wie unflätig-tyrannischen Vater (den man nie sieht, sondern nur hört), um den sich während Lionels abendlicher Dienstzeit schnell wechselnde weibliche Senioren-Sitter kümmern, bis er dafür die nächstenliebende religiös erhitzte Charlotte dafür findet.
Keines dieser Paare weiß vom anderen; und doch gerät ihr prekäres Leben aus kleinen Lügen, verschwiegenen Illusionen und unterdrücktem Begehren im Verlauf der vier Wochentage, an denen Resnais die Lebenswege seiner Paare sich berühren lässt, in schmerzhafte, desillusionierende Turbulenzen, weil sie - allesamt Einzelne, Einsame, die ihrem Herzen zu folgen meinen, um ihr Glück zu finden - miteinander in Kontakt kommen und sich daraufhin doch nur trennen (Nicole & Dan), verfehlen (Gaelle & Dan), abstoßen (Thierry & Charlotte) oder resigniert aneinanderklammern (Thierry & Gaelle). Nur Lionel kann endlich die Koffer packen und die elterliche Wohnung verlassen, nachdem Charlotte für einen schönen Tod seines Vaters gesorgt hatte.
Die Melancholie des Scheiterns in der Liebe, die “Herzen” ebenso verschiedenartig wie bewegend offen legt, hat Resnais in diesem kleinen Pariser “Winternachtstraum” mit der verwirrenden Komik der ebenso rätselhaften wie geheimnisvollen Charlotte verbunden. Ist dieses übersüße, wirr rothaarige Wesen, in dem Sabine Azéma ihren ganzen verführerischen Charme als religiöse Schwärmerin & Autoerotikerin entfalten kann, nicht etwa gar der anarchistische “Puck”, der in dieser Tragikomödie der vergeblichen Liebesmühen rumort? Die Videokassetten mit der Aufzeichnung ihres “religiösen Lieblingsprogramms” aus dem Fernsehen, die sie an ihren älteren Bewunderer Thierry verschenkt, sorgen jedenfalls für heftige Verwerfungen in dessen Gefühlshaushalt, weil sie mehr als den religiösen Lebertran enthalten. Und Charlottes Geständnis, dass in allen “der Teufel brenne“, sorgt bei Lionels sexistischen Machovater für den Erlösungs-Weg vom kleinen zum großen Tod.
Wie schon in dem Zwei-Paare-Film “Liebe bis in den Tod” (1984) kommt dem Schnee, der in “Herzen” unablässig fällt, eine ostinate poetische Metaphorik zu. Wäre es zu weit hergeholt, wenn man in seiner kalten Sanftheit eine Paraphrase jenes berühmten Regengedichts Paul Verlaines sehen könnte, das mit dem Vers beginnt: “Il pleure dans mon coeur / Comme il pleut sur la ville / Quelle est cette langueur / Qui pénètre mon coeur?” und mit den Zeilen endet: “ Mon coeur a tant de peine!“
Die Verschmelzung von Außen & Innen, die Verlaine in seinen tieftraurigen Versen suggeriert, animierte zumindest auch Resnais zu überraschenden poetischen Abweichungen, wenn er während eines Moments des Lebensgeständnisses, das Lionel vor Charlotte in der nächtlichen Wohnung ablegt, die beiden emphatisch separiert und Schnee auf die am Tisch Sitzenden und die sich begegnenden Hände der Beiden fallen lässt.
Durch solche wie auch andere Perspektivwechsel im Verlauf der 54 Sequenzen werden emotionale Intensitäten und Distanzen markiert, die aufs Schönste und Überraschendste den souveränen metteur-en-scène bei seiner diskreten, sei´s ironischen, sei´s sympathetischen Arbeit zeigen. Alain Resnais Tragikomödie der Liebe ist von herzbewegender Schönheit.
P.S.
Es könnte sein, dass die geringen Mittel, die dem deutschen Verleih zur Verfügung stehen, zu dem Glückfall führen, Resnais´ “Herzen” bei uns in der Originalfassung mit Untertiteln sehen zu können. Es war der junge Resnais, der eben darauf immer bestanden hat, nachdem er bemerkt hatte: “Ich kann im Kino zwar die Augen schließen, nicht aber die Ohren”.