Golden Door
Originaltitel: Nuovomondo
Amerika / Italien / Frankreich 2006
Regie: Emanuele Crialese
Mit Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Aurora Quattrocchi, Francesco Casisa, Filippo Pucillo, Federica de Cola, Vincent Schiavelli
Länge: 118 min.
Start: 31.5.2007
Das Goldene Tor, durch das die italienischen Arbeitsemigranten in die Neue Welt kommen, wo im kalifornischen „Paradies auf Erden“ Milch in den Flüssen fließen und Oliven oder Karotten mehr als menschengroß werden sollen, wird Ellis Island sein, vor der Küste New Yorks, dessen wachsende Wolkenkratzer zu sehen, den Einwanderern aus aller Herren Länder solange verwehrt ist, solange sie das Nadelöhr der Quarantäne- oder auch „Träneninsel“ nicht passiert haben. Zwischen 1876 und 1976 sind es 26 Millionen Italiener gewesen, allein zwischen 1870 und 1914 waren es 5 Millionen Süditaliener, die durch das „Golden Door“ in die USA kamen.
Ihnen setzt der 1965 auf Sizilien geborene, nach einem Filmstudium in New York heute in Rom lebende Emanuele Crialese mit seinem gleichnamigen Film ein episches Denkmal. Dabei scheint es, dass das „Goldene Tor“, das er - nach „Once we were strangers“ (1997) und „Lampedusa“ (2002) – in seinem dritten Film stilistisch durchschritten hat, sich über dem sowjetrussischen (Stumm-)Film erhebt. Denn mit Hollywoods „Action“-Kino hat sein „Golden Door“ weniger zu tun, als mit der beredten Montagekunst Dowshenkos und Pudowkins – und Josef von Sternbergs artifiziellen Umgang mit dem Dekor.
Allein durch die Dominanz & Präsenz des Optischen und der von einer visuellen (& akustischen) Montage bestimmten Erzählweise ist Crialeses verdichtetes Bilderepos der Emigration ein kinematographischer Solitär in der Landschaft des heutigen Kinos. Auch mit „Realien“ wie der Landschaft Siziliens, einem Hochseeschiff oder den Baulichkeiten auf Ellis Island geht der italienische Regisseur als Dekor um, das die Geschichte der Menschen, von denen sei Film erzählt, wie ein Etui umfasst.
Der Imaginationsraum des Films wird umso klaustrophobischer und hermetischer, je ferner die offene, steinige, karge Gebirgsnatur rückt, gegen die sich die armselige Bauernfamilie Mancuso behaupten musste und in der sie kaum noch sich ernähren konnte. Nur durch die Verengung des Blicks auf das Dekor wird es Crialese überzeugend möglich, eine äußerste historische Authentizität zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu suggerieren: als paradigmatische Erzählung der Schiffsreise von der Alten zur Ankunft in der Neuen Welt jenseits des Atlantiks. An der Schnittstelle von dokumentarischer Rekonstruktion und erzählerischer Fiktion lokalisiert Crialese sein „Golden Door“.
Die Alte Welt der ländlichen Armut sizilianischer Bauern besitzt noch den Charakter einer christlich-heidnischen Archaik. Während Salvatore (Vincenzo Amato) und sein Sohn Pietro mit Steinen in ihren Mündern, verdreckt, barfuss und schwitzend einen steilen, steinigen Berg besteigen, treibt Donna Fortunata (Aurora Quattrocchi), die hexische Großmutter der Familie, mit einem uralten Ritual einen Dämon aus, der sich im Leib einer ihrer beiden Enkellinnen festgesetzt hatte. Die beiden Männer legen die mitgebrachten Steine als Opfergaben auf der Spitze des Bergs unter einen Cruzifixus und Salvatore verlangt von ihm eine Antwort auf seine Frage, ob sie da bleiben sollen oder weggehen dürfen. Da kommt Angelo, der zweite und taubstumme Sohn Salvatores, der ihnen nachgestiegen ist, mit zwei eben eingetroffenen Postkarten des in die USA ausgewanderten onkels. Die Postkarten zeigen kleine Menschen in Gegenwart überdimensional großer Früchte. Die manipulierten Fotografien, die von den Bauern als Versprechen eines hungerfreien Lebens angesehen werden, sind die erwartete Antwort des Herrn.
Die geduldete Annäherung einer Fremden
Salvatore verkauft Esel und Ziege, handelt dafür abgetragene Kleider und Schuhe für sich und seine Söhne ein und gesegnet vom Pfarrer, begibt sich der bitterarme Vater mit seinen vier Kindern und der widerspenstigen Großmutter auf die Reise nach Amerika. Während der chaotischen Einschiffung stiehlt sich immer wieder eine erkennbar „feinere“ Dame in ihre Nähe. Salvatore duldet die wortlose Annäherung der Fremden, der Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg), an seine Familie, als deren scheinbares Mitglied sie mit an Bord kommt. Als das Schiff langsam von der Kaimauer ablegt, blicken – in einer Totalen von oben – die Zurückgebliebenen und die Abreisenden wort- & bewegungslos einander an. Es ist eine schmerzliche, traurige, emotionslose Trennung, die Crialeses Kunst zeigt, den dokumentarischen Realismus symbolisch zu verdichten zur Darstellung einer kollektiven Erfahrung.
Andererseits werden ihm seine Emigranten nie zu symbolischen Exponenten eines Massenschicksals, weil er sie mit einer Vielzahl individueller Züge ausstattet. So hat er mit der bürgerlich ausstaffierten Lucy, die sowohl unnahbar ist als auch Schutz sucht und unter diesen bäuerlichen Emigranten als bestaunter und misstrauisch beäugter Fremdkörper geduldet wird, dramaturgisch einen genialen Griff getan. An ihrer Anwesenheit unter den Frauen auf dem Schiff, kann er sowohl Klassen- & Kulturdifferenzen beschreiben, als auch durch Salvatores verschämtes, wortloses Begehren die geschlossene Welt der Familie erotisch aufbrechen. Hinreißend hat er durch nur zwei Travellings auf dem Deck des Schiffs den Blickwechsel von Salvatore und Lucy als erotischen Kontakt in Form eines Tanzes inszeniert- wie überhaupt die menschliche Wärme und die Kommunikation (aufgrund der Sprachbarrieren) in „Golden Doors“ durch eine ungemein differenzierte Mimik und Gestik der Personen und deren Montage mit bewegender Intensität zustande kommt. Es ist die konzentrierte Kraft der Stummfilmerzählweise (Kamera: Agnès Godard), die Crialese hier wieder reaktiviert – auch dann und dort, wo die Sprache, der Dialog hinzutritt.
Zweifellos ist der Höhepunkt des 118 minütigen Films die Ankunft und der Aufenthalt der Emigranten auf Ellis Island, dem „Golden Door“, wo die sizilianischen Bauern auf alle die anderen Völkerschaften treffen – orthodoxe Juden, Tartaren, Iren etc. –, mit denen zusammen sie wie Vieh entlang einer weißen Linie, die sie nicht überschreiten sollen, in die mehrstöckigen, einem Zuchthaus nachgebildeten Unterkünfte von amerikanischem Marinepersonal geschleust werden.
Emanuele Crialese und sein Hauptdarsteller Vincenzo Amato, der als Bildhauer in New York lebt und nun schon zum drittenmal mit dem Regisseur zusammenarbeitet, haben sich sehr intensiv und genau über die usamerikanischen Einbürgerungsformalitäten informiert. Es sind rigide Selektionsprinzipien einer rationalistischen Auslese, die vor der Aufnahme in die Neue Welt für die Menschen zu bestehen sind, die doch alle aus alten, historisch gewachsenen Kulturen & Traditionen stammen. Sie werden beim Eingang zur Neuen Welt einer normativen Ordnung unterworfen, die ihnen nicht nur vollkommen fremd ist (weil sie Ausdruck einer pragmatisch-materialistischen, darwinistischen Effektivitätslogik ist), sondern für sie auch einen rabiaten An- & demütigender Eingriff in ihre personale leibliche und psychische, kulturelle und individuelle Identität bedeutet. Als wollten sie demonstrativ die kulturelle Breite & Vielfalt ihrer lokalen Herkunftskulturen zur Blüte treiben, zeigen sich Männer und Frauen noch einmal in aller Pracht und Eigenart ihrer Trachten, bevor sie den Weg durch das Goldene Tor antreten.
Heirat als Eintrittskarte in die Neue Welt
Wer sich aber diesen Untersuchungen, Tests und Verhören nicht unterzieht oder deren Normen nicht erfüllt, wird ausnahmslos zurückgeschickt – wie die stolze, widersetzliche Donna Fortunata und ihr taubstummer Enkel Angelo, dem sie in einem unendlich traurigen Moment nur durch zärtliche Gesten vermittelt, dass sie beide nicht tauglich sind, durch das „Golden Door“ zu gehen - obwohl plötzlich der Taubstumme spricht.
Nach einer medizinischen Untersuchung (wie beim Militär) folgen Intelligenz- und Geschicklichkeitstests, wobei die Probanten geometrische Figuren in ein hölzernes Rechteck einsetzen müssen. In Gesprächen mit Übersetzern werden ihre mentalen Fähigkeiten und Kenntnisse geprüft: das alles unter dem Diktat der Zeit und in einem architektonischen Ambiente, das den Zwangscharakter, den Drill und die Gewalt deutlich werden lassen, den die Menschen der Alten Welt beim Wunsch, in die Neue Welt zu kommen, erdulden müssen.
Einer besonderen Tortur sind die heiratsfähigen Frauen ausgesetzt, von denen einige – wie auf dem heutigen globalen Heiratsmarkt - von ihren künftigen Ehemännern aus der Heimat angefordert worden waren. Männer und Frauen sitzen sich in einem Gerichtsraum gegenüber, werden aufgerufen und sehen sich dabei zum erstenmal. Auch hier individualisiert Crialese die kollektive Erfahrung wieder: einer der jungen Frauen, die ihren männlichen „Schlüssel“ zur Öffnung der Goldenen Tür erblickt, bricht angesichts des Brutalos in hemmungsloses Weinen aus, eine andere, die sich auch betrogen fühlt von dem falschen Bild ihres mickrigen, alten Erwerbers, entlässt ihre Wut in einer temperamentvollen Suada von Beschimpfungen – aber beide geben am Ende klein bei.
Denn ohne diese Zwangsvollstreckung ihrer Ehen müssten sie zurückreisen, nur als Verheiratete dürfen sie einreisen - wie Lucy, die Salvatore zuvor gebeten hatte, sie zu heiraten. Obwohl sie ihm gesagt hatte, dass es nur zum Schein und ohne Liebe sein würde, hatte Salvatore eingewilligt, weil ja auch in seiner bäuerlichen Kultur eine Liebesheirat nicht üblich war und „die Liebe im Lauf der Zeit schon kommen werde“. Lucy wartet auch darauf, dass ihr „Ehemann“ aufgerufen, wie Salvatore, dass sie ihm zugesprochen wird. Aber der ignorante Analphabet hatte das Heiratsformular nicht ausgefüllt, was Lucy nun öffentlich für ihn nachholt – während New Yorker Bürger, die schon als Erste-Klasse-Passagiere auf dem Auswandererschiff über die alleinstehende Bürgerliche unter den Bauern getuschelt hatten und die jetzt den Heiratsmarkt begutachten, mit hämischen Blicken quittieren.
Wie er das Lebens-Geheimnis Lucys nicht lüftet, so lässt Crialese auch die Zukunft Salvatores und seiner drei Kinder in der Neuen Welt offen, die ihre Großmutter und ihren taubstummen Bruder beim Eintritt ins gelobte Land verloren haben, obwohl Salvatore zwar leidenschaftlich, aber vergeblich für sie plädiert hatte. Die Bürokratie kennt keine Ausnahme.
Wie schon zuvor die Geschichte der Emigration immer wieder von märchenhaften Traumsequenzen unterbrochen wurde – wenn von Sternen und Bäumen Münzen herabregnen, Kartoffeln oder Karotten so groß wie Kutschen oder lang wie Kanus sind - , so endet „Golden Door“ mit der Reprise eines Traums, in dem wir Salvatore und Lucy aus einem Strom von Milch auftauchen sehen. Wieder tauchen sie beide in Anzug und hochgeschlossenem Kleid aus der Milch auf, nun aber zieht die Kamera auf zu einer Totalen und wir sehen viele, die gleich ihnen in einem Meer von Milch schwimmen. Vielleicht sollte man dabei an die von Bunuel oder Orson Welles in einem Film erzählte Metapher denken, wonach der Frosch, wenn er nur genug in Milch strampelt, um nicht zu ertrinken, am Ende auf einem Butterberg Boden unter den Füßen bekommt.
Wolfram Schütte