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Vom Krakauer Filmfestival

12.06.2007

Einer nach dem anderen

Von Thomas Rothschild

 

Überall lauern Gefahren in Form von Polizisten, falschen Soldaten und Schäferhunden. Wenige Minuten reichen aus, um das Gefühl von Bedrohung zu vermitteln, Bilder der Angst und der Verzweiflung. Der Kurzfilm bringt solche Gefühle auf den Punkt. Er verzichtet auf Ornamente und Beiwerk und beschränkt sich auf einen einzigen Handlungsstrang. Er verhält sich zum abendfüllenden Film wie eine Kurzgeschichte von Tschechow oder Maupassant zu einem Roman von Tolstoj oder Flaubert. Ein Kurzfilm ist nicht einfach ein kurzer Langfilm. Er hat, wenn er diesen Namen verdient, seine eigene Struktur, seine eigenen Gesetze.

Das Krakauer Filmfestival, das bereits zum 47. Mal stattfand, war traditionell neben Oberhausen und Tampere eins der renommierten Kurzfilmfestivals. Die Direktion ist damit nicht zufrieden. Erstmals bot sie heuer auch zehn abendfüllende Dokumentarfilme in einem eigenen Wettbewerb an. Ob sie damit gut beraten ist, bleibt abzuwarten. Es mangelt nicht an Dokumentarfilmfestivals. Der Kurzfilm aber, der im Kino praktisch nicht vorkommt, benötigt seine eigenen Festivals, wenn er nicht ausschließlich auf Fernsehsender wie arte und 3-sat angewiesen sein soll.

Die Kategorie „Kurzfilm“ freilich ist, will sie nicht bloß eine Längenangabe sein, schwer in den Griff zu bekommen. Sie kreuzt sich mit den Genreeinteilungen. Es gibt kurze Spielfilme, kurze Dokumentarfilme, und Trickfilme sind ohnedies in ihrer Mehrheit Kurzfilme. Alle drei Kategorien waren in Krakau vertreten. Dokumentarisch standen Kinder, Alte und Randgruppen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ihnen gehört die Anteilnahme der Filmemacher, die manchmal vom Voyeurismus nicht weit entfernt scheint. Sehr präsent ist das Landleben, mehr oder weniger idyllisch, verschneit oder im Schlamm versinkend, von fleißigen Bauern und degenerierten Alkoholikern bevölkert: die Bilder scheinen austauschbar. Erbaulich ist das nur selten.

Zu den bemerkenswerten Kurzspielfilmen zählte Checkpoint von dem Australier Ben Phelps. Die elfminütige Geschichte ist äußerst einfach: Eine Familie im Auto wird auf einer einsamen Straße von uniformierten und bewaffneten Männern bedroht. Die Grundidee ist die gleiche wie in Cape Fear, aber Phelps macht daraus eben einen veritablen Kurzfilm. Auch Barney Elliott aus Großbritannien benötigt für True Colours nur elf Minuten, um die Demütigung von Menschen zu zeigen, die kein Geld haben. Mon dernier role von Olivier Avache-Vidal wiederum arbeitet mit Komik und steuert auf eine Pointe zu.

The Making of Parts
von Daniel Elliott spielt mit der Erwartung des Zuschauers. Die Situation scheint wieder einmal gefährlich. Man wartet auf etwas Schreckliches, aber das passiert nicht. Dieser Kurzfilm macht bewusst, wie sehr Bilder in die Irre führen können, wie wir unsere Erfahrungen und Ängste in sie hinein projizieren. Dafür reichen fünfzehn Minuten.

Fast alle für Krakau ausgewählten Filme blieben freilich im Rahmen des Vertrauten. Wirklich originell war nur People in Order von Lenka Clayton und James Price aus Großbritannien. Hundert Menschen von 0 bis 100 Jahren nennen vor der Kamera, mit einer Trommel versehen, der Reihe nach ihr Alter. Vielleicht sollte man für solche Filme das Prädikat „Kurzfilm“ reservieren. So etwas funktioniert tatsächlich nur, wenn es kurz ist.

Thomas Rothschild

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